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Viel Spaß beim Lesen.

Aktuelle Geschichte: Osterfeuer (Regional-Krimi)

Letztes Update: Sonntag, 03.07.2016

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Zimmermann ermittelt (27) – Osterfeuer [Regional-Krimi]

Osterfeuer

„Nein, ich habe da wirklich nicht die geringste Lust drauf. Vergessen Sie’s! Ich bin kein Partymensch. Wie oft muss ich das denn noch erklären?“
Kommissar Zimmermann wollte nicht mit. Osterfeuer. So ein Blödsinn. Ein Haufen Menschen auf einem Fleck. Saufgelage und ein paar brennende Äste auf einer Grillschale. Nicht gerade die Art Zeitvertreib, die er sich für sein Wochenende vorstellte. Seine rechte Hand, Inspektor Schmidt sah das natürlich ganz anders.
„Nun stellen sie sich nicht so an. Hemer ist ein Dorf, Deilinghofen erst recht. Wenn man nicht am kulturellen Leben teilnimmt, nehmen einen die Leute hier nicht ernst. Das gehört einfach dazu. Integrieren sie sich einfach mehr in das lokale Leben.“
„Pffft.“, machte der Kommissar . „Ich kann auch auf meine Weise Kontakt zu den Einwohnern aufnehmen.“
„Wie das? Indem sie sie ins Büro zum Verhör vorladen oder Knöllchen an unter die Scheibenwischer klemmen?“
„Warum nicht? Jedem das Seine.“
In diesem Moment klingelte das Telefon auf Zimmermanns Schreibtisch.
„Es klingelt.“, kommentierte der Kommissar das Geräusch und lehnte sich in seinem Sessel zurück.
Schmidt seufzte, standauf, umrundete seinen eigenen Schreibtisch und kam herüber geeilt. Er nahm den Hörer ab. „Büro Zimmermann, Kommissariat Hemer, Schmidt am Apparat.“
Er hörte ein paar Minuten zu, antwortete ein paar Mal mit einem Ja und legte schließlich auf.
„Wir haben einen neuen Fall. Ist dieses Mal allerdings etwas Anderes.“
Der Kommissar sah fragend auf.
„In Deilinghofen haben Jugendliche einen Zaun zerstört und Teile davon gestohlen.“
Zimmermann wartete immer noch ab.
„Die Kollegen können sich gerade nicht um den Fall kümmern.  Entweder sie befinden sich gerade auf Streife oder behalten die einzelnen Osterfeuer im Auge.“
„Wie?“, wollte der Kommissar wissen. „Keine Leichen? Keine Entführer, Erpresser, Bankräuber oder sonstiges Gesindel?“
Er wurde rot im Gesicht. „Verdammt noch mal. Wir sind die Kripo. Wir haben für so etwas keine Zeit. Warum werden keine Kräfte aus Iserlohn oder  Menden angefordert?“
Er schnaufte laut. “Ja, ja. Ich weiß. Osterfeuer. Alle Kräfte sind gebunden. Niemand hat Zeit. Warum treibe ich mich auch an einem Samstag im Büro rum?“
„Weil es ihnen zu Hause zu langweilig war.“, antwortete Schmidt grinsend.

Sie brauchten nicht lange, bis sie den Tatort erreicht hatten.
„In der Erborst.“, las Zimmermann das Straßenschild. „Kommt mir irgendwie bekannt vor. Hier waren wir schon einmal, oder liege ich da falsch?“
„Stimmt.  Anfang letzten Jahres waren wir schon einmal hier in der Nähe. Damals wegen einer Geiselnahme in der Redaktion der deilinghofer Dorfzeitung.“
Schmidt sah auf einen Notizzettel, den er auf dem Armaturenbrett liegen hatte.
„Das ist ja ein Ding. Es ist die selbe Adresse. Zufälle gibt es.“
„Trotzdem wäre mir ein Mordfall lieber. Ich hab es nicht so mit Vandalismus.“
Sie stiegen aus dem Wagen und betraten das Grundstück. Der Besitzer des zerstörten und teilweise gestohlenen Zaun wartete bereits und machte seinem Ärger sofort Luft.
„Ich kann sie da vollkommen verstehen.“, unterbrach ihn der Kommissar. „Ich hätte bestimmt auch einen richtigen Hals. Wahrscheinlich würde ich mich jede Nacht hinter meinem Fenster verstecken und den Tätern mit meinem Revolver auflauern. Ein paar blaue Bohnen im Hintern haben noch keinem Übeltäter geschadet.“
Er lachte laut, wurde aber sofort von Inspektor Schmidt ausgebremst.
„Tut mir Leid. Normalerweise erlaubt sich der Kommissar keine Entgleisungen. Er ist es nicht gewohnt, sich mit Fällen dieser Art zu befassen. In den letzten Jahren haben wir nur Mordfälle bearbeitet.“
Mit möglichst wenigen Worten untersuchten sie in der folgenden Stunde den Tatort. Spuren waren nur wenige zu finden. Ein paar Fußabdrücke im weichen Boden. Mehr nicht. Sie machten Fotos und verabschiedeten sich wieder.
„ Ich denke, wir werden die Reste des Zauns sehr schnell gefunden haben.“ Schmidt grinste von einem Ohr zum Anderen. „Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass wir den Fall bis zum Abend gelöst haben werden.“
„So optimistisch?“, wunderte sich der Kommissar.
„Na klar. Es ist schließlich Ostersamstag. In ein paar Stunden wird das Osterfeuer entzündet. Wir sollten einen Blick darauf werfen. Teile des Zauns könnten wir dort finden.“
Zimmermann seufzte. „Ich hab schon befürchtet, dass sie doch noch eine Möglichkeit finden werden, mich dort hin zu locken.“

Das Osterfeuer war nicht weit entfernt. Ein paar Männer schichteten noch die letzten Hölzer aufeinander. Wie nicht anders erwartet, waren auch einige Zaunteile darunter.
Die beiden Kriminalisten verglichen ihren Fund mit ihren Fotos.
„Hab ich ja gesagt.“, flüsterte Schmidt. „Warum sollte sonst jemand in der Karnacht einen Zaun klauen? Jetzt müssen wir nur noch den Täter finden. Schauen wir uns einfach mal um.“
Die Ermittlungen ergaben  nicht viel. Selbst die Vergleiche mit den gefundenen Schuhabrücken ergaben keinen Erfolg.
„Warten wir doch einfach den Abend ab.“, schlug Schmidt vor. „Hätte ich den Zaun geklaut, würde ich auch bei der Verbrennung zuschauen.“

Die Stunden bis zum Abend vergingen quälend langsam. Im Laufe des Nachmittags kamen nur wenige Menschen auf den Festplatz. Erst mit Beginn der Dämmerung wurden die Bierwagen geöffnet und lockten die Menschen herbei. Täter konnten die beiden Beamten allerdings nicht ausmachen.
„Haben sie schon etwas herausgefunden?“, hörten sie plötzlich eine Stimme von hinten. Es war der Besitzer des Zauns.
„Psst. Ruhe.“, herrschte ihn Zimmermann leise an. „Wir sind mitten in der Observation. Wenn die Leute hier hören, dass wir von der Polizei sind, dann können wir die ganze Sache vergessen.“
Die Zeit verging. Auffällig verhielt sich niemand. Irgendwann, als sich die Dunkelheit über Deilinghofen gelegt hatte, wurden die einzelnen Feuer gezündet.
„Ja, sie brennen. Sie brennen!“, jubelten ein paar Jugendliche. „Schaut es euch an. Sie brennen lichterloh. Hat sich voll gelohnt. Das machen wir nächstes Jahr wieder.“
„Das müssen sie sein.“, zeigte der Kommissar mit dem Finger auf die drei Jungs. Zusammen mit dem Inspektor schlich er sich näher.
„Wir können uns ja jetzt schon überlegen, was wir nächstes Jahr fürs Feuer klauen.“
Doch dazu würde es wohl nicht kommen, denn Zimmermann klopfte einem von ihnen  auf die Schulter und zeigte seine Dienstmarke vor.
„Ich denke, ihr wisst, warum wir hier sind. Und ihr wisst hoffentlich, wie es euch kosten wird, den gestohlenen Zaun zu ersetzen.“
Drei hochrote Gesichter sahen zuerst den Kommissar, dann die Marke an und schließlich auf den Boden.
„Sorry, tut uns leid. Wir hatten letzte Nacht zu viel getrunken. Kommt bestimmt nicht mehr vor.“
Die Standpauke für die Täter musste allerdings warten, denn etwas anderes erweckte nun die Aufmerksamkeit der Kriminalisten.
„Verbrennt sie! Verbrennt die Hexe! Werft sie auf den Scheiterhaufen!“
„Wie? Was?“
Ein paar Männer schleppten eine Strohpuppe in Frauenkleidern herbei und warfen sie auf eine der Feuerstellen. Sofort fing sie Feuer und warf eine lodernde Flasche gen Himmel.
Einige andere Personen begannen darauf einen Streit mit ihnen.
„Wir sind hier ein christliches Land. Hexenverbrennungen sind das absolut Letzte.“
Zimmermann mischte sich sofort ein. Er zeigte ein weiteres Mal seine Marke vor und versuchte den Streit zu schlichten.
„Mensch Leute, es ist nur Stroh. Stellt euch nicht so an. Hier kommt schließlich niemand zu Schaden.“, versuchte er die eine Seite zu beruhigen. „Und ihr zieht sofort Leine.“, befahl er den Hexenverbrennern. „Provokationen sind hier fehl am Platze.“
Und dann unterbrach ein Schrei den Tumult.
„Da liegen Knochen im Feuer! Da verbrennt ein Mensch!“
Zimmermann schreckte hoch und sah sich nach der Feuerwehr um.
„Sofort das Feuer löschen! Löscht das verdammte Feuer. Und schafft die Leute weg. Das hier ist ein Tatort. Schmidt! Wo sind sie? Ich brauche sofort unsere Leute hier!“

„So stelle ich mir einen guten Sonntag Morgen vor. Die Sonne scheint, der Kaffee ist frisch und stark und wir können uns an einem spannenden Mordfall das Hirn zermartern. Also frisch ans Werk.“
„Aber es ist Ostersonntag.“, beschwerte sich Schmidt. Haben sie denn gar keinen Respekt vor einem hohen Feiertag?“
„Nein. Feiertage regen nur zur Faulheit an. Ich sitze dann immer nutzlos auf dem Sofa und versauere auf dem Sofa. Da ist mir die Arbeit tausend mal lieber.“
Er drehte sich zu einem Wachtmeister um. „Haben sie die drei Jungs schon hier? Haben sie, wie ich es gewünscht habe, die Nacht in der Zelle verbracht?“
„Ja, sie sind entsprechend eingeschüchtert.“
„Gut, dann kümmere ich mich um sie.“
Er öffnete die Tür eines Streifenwagens und holte die drei Jugendlichen heraus.
„Schaut es euch ruhig noch einmal an, was ihr hier veranstaltet habt.“, herrschte er sie laut an.
„Ich will jetzt sofort alles wissen. Wer ist die Leiche? Und warum habt ihr sie umgebracht? Ich weiß, dass ihr es getan habt.“
Den Jungs fielen die Augen aus den Höhlen. „Was?“, fragte der Anführer entsetzt. „Wir haben niemanden ermordet. Ehrlich. Wir waren das nicht. Wir haben nur einen Zaun geklaut und zum Osterfeuer gebracht. Mehr war es wirklich nicht.“
„Gut, das reicht mir.“, nickte Zimmermann zufrieden. „Wachtmeister, sie haben das Geständnis gehört? Dann können sie die Jungs jetzt nach Hause bringen. Ich denke dass es mit ein paar Sozialstunden getan ist. Vielleicht entscheidet der Richter auch, dass sie den Zaun in Eigenarbeit wieder aufzubauen haben. Ich werde da mal ein gutes Wort einlegen.“
Er winkte Schmidt zu. „Dann können wir uns jetzt um den Mordfall kümmern. Gibt es schon irgendwelche Erkenntnisse?“
Der Inspektor holte seinen Notizblock aus der Tasche.
„Unsere Jungs haben noch in der Nacht ein Zelt über dem gelöschten Osterfeuer aufgebaut, damit die Bevölkerung nicht stört und nicht verstört wird. Das Holz ist bereits so weit zur Seite geräumt worden, um die Leiche in Augenschein nehmen zu können, ohne wichtige Spuren zu zerstören.“
Einige Teile des Körpers waren bereits vom Feuer stark in Mitleidenschaft gezogen worden.
„Wir haben noch relativ viel Glück gehabt. Die Tote, es handelt sich eindeutig um eine Frau, lag ganz unten in der Feuerschale. Die Flammen haben eine Zeit gebraucht, bis sie sich nach unten durchfressen konnten. Das Gesicht ist größtenteils vorhanden. Die Identifizierung läuft bereits. Die Kollegen sind sich aber nicht sicher, warum jemand gerade im Osterfeuer eine Leiche versteckt hat.“
„Finden wir es doch einfach heraus.“
Der Kommissar nahm den Fund unter’s Auge.
„Ihre Hände sind an einen kurzen Holzpfahl hinter dem Rücken gebunden. Der Mund ist geknebelt. Hoffentlich lag sie nicht lebendig unter dem Feuer. Das muss ein schrecklicher Tod sein. Und dann trägt sie noch ein kleines Ledersäckchen um den Hals.“
Zimmermann zog sich Gummihandschuhe über, entfernte vorsichtig das Säckchen und sah hinein.
„Ein schwarzes Pulver ist drin. Mehr nicht, wie es scheint.“
Er roch vorsichtig daran.
„Das ist Schwarzpulver. Wie gut, dass die Flammen es noch nicht erreicht hatten. Das hätte eine kleine Explosion gegeben, mit einigen Verletzten gegeben. Aber was hat das alles zu bedeuten?“
Er dachte nach, kam aber auf keine Lösung.
„Ich werde den Verdacht nicht los, dass es sich um einen Ritualmord handelt. Aber die Zusammenhänge werden mir noch nicht so wirklich klar.“
Zimmermann lief ein paar Mal wie ein lauerndes Raubtier um die Feuerschale, betrachtete den Tatort von allen Seiten.
„Was halten sie davon, Schmidt? Irgendwelche Ideen?“
„Noch nicht, Chef. Aber ich suche sofort nach Hinweisen.“
Er holte sein Smartphone aus der Tasche und  befragte die Suchmaschine Google.
„Sind sie wirklich der Meinung, dass sie im Internet diesen Mordfall lösen werden? Da bin  ich anderer Meinung. Diese moderne Technik ist reines Teufelszeug und kann nicht mit richtigen Ermittlungstechniken mithalten.“
Der Inspektor grinste. „Vielleicht sollten sie sich endlich ein eigenes Smartphone anschaffen. Sie glauben gar nicht, wie viel Zeit die Dinger sparen.“
„Ja klar. Wenn man seine Zeit nicht mit unnützen Spielen und Apps verschwendet.“
„Zumindest habe ich schon die ersten Hinweise gefunden. Dafür musste ich noch nicht einmal ins Büro fahren.“
„Nun lassen sie schon hören.“
„Sie hatten anscheinend Recht, was den Ritualmord angeht. In der frühen Neuzeit, also vom 15. Bis 18. Jahrhundert kam es in Europa zu vielen Hexenverfolgungen und -verbrennungen. Die Opfer waren, im Gegensatz zur landläufigen Meinung, meist Männer. Sie wurden an Pfählen gefesselt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Das Säckchen mit dem Schwarzpulver um den Hals gilt als eine Art Gnade. Die Verbrennung fand normalerweise lebendig statt, was wichtig für die Reinigung der Seele war. Die Frau war wohl noch am Leben. Dafür spricht auch der Knebel. Und wenn ich mir die gequetschten Finger ansehe, dann wurde die Frau vorher noch gequält und mit Daumenschrauben zu einem Geständnis gezwungen. Sie musste vor einem Tribunal zugeben, dass sie eine Hexe ist. Wir suchen offensichtlich nach einem oder eher mehreren Ritualmördern.“

Zimmermann und Schmidt saßen wieder im Büro und brüteten über den Fall der toten Frau im deilinghofer Osterfeuer. Noch immer hatten sie keinerlei Anknüpfungspunkte, um den Fall zu lösen.
»Das Ganze stinkt. Es stinkt sogar gewaltig.«, regte sich der Kommissar auf.
»Wenn wir wenigstens einen Verdächtigen vorweisen könnten.«
»Das Osterfeuer ist in der Nacht nicht beaufsichtigt worden. Es hätte praktisch jeder die Frau unter das Holz legen können.«, zählte der Inspektor noch einmal alle Fakten auf. »Die Verantwortlichen haben alle nachweisbare Alibis. Wir müssen irgendwo anders mit unserer Suche neu starten. Ich sehe mich mal im Internet um.«
»Sie ständig mit ihrem Internet. Google löst keine Mordfälle auf. Jedenfalls habe ich noch nie davon gehört. Wir sind dafür zuständig. Dafür sind wir Polizisten geworden.«
»Urteilen sie bitte nicht zu früh, Chef. Ich will ja keine Aufklärung des Mordes. Ich suche nur Hinweise oder Hilfe.«
Schmidt drehte seinen Monitor um, dass der Kommissar darauf schauen konnte.
»Voila. Vielleicht können uns diese Herrschaften auf die Sprünge helfen.«
Zimmermann zog eine seiner Schubladen auf, kramte eine Weile darin herum und beförderte schließlich eine alte, zerkratzte Brille zu Tage, die er nur ganz selten auf die Nase setzte.
»Das Ding hat auch schon bessere Tage gesehen. Wird es nicht mal Zeit für eine neue Brille?«
»Wieso? Die geht doch noch. Ist praktisch wie neu. Weiß gar nicht, was sie haben.«
Er sah auf den Bildschirm. »Wikka Schwestern – Verein zur Pflege und Förderung der Hexenkunst.«
»Genau. Der Verein ist hier in Hemer ansässig. Wenn wir nicht selbst weiter kommen, können wir uns wenigstens über das durchgeführte Ritual informieren. Vielleicht finden wir dadurch eine Spur.«

Zimmermann war von Anfang nicht begeistert gewesen. Aber nun saßen sie in einem kleinen Vereinsraum, der mit seltsamen Runen und Symbolen übersät war. In mehreren Schränken standen unzählige Gefäße mit Kräutern und Tinkturen aller Art.
»Fehlt nur noch die Warze auf der Nase und die schwarze Katze auf dem Buckel.«
»Sie kämpfen also auch noch mit den alten Vorstellungen, dass eine Hexe in ihrem Aussehen einem bestimmten Klischee entsprechen muss.«, lächelte die Vorsitzende der Wikka-Schwestern. »Aber seien sie sich gewiss, dass wir ihnen das nicht verübeln. Wir sind es gewohnt. Film, Fernsehen und die Gebrüder Grimm haben dieses Zerrbild erzeugt und nutzen es zum Teil bis heute.«
Schmidt legte ein Foto der Toten auf den Tisch vor sich.
»Sie war Mitglied unserer Schwesternschaft. Ich hatte befürchtet, dass sie es ist, die so grauenhaft sterben musste. Aber nun, da ich die Gewissheit habe, schmerzt es umso mehr.«
»Wer könnte es getan haben?«
»Es gibt viele Menschen, die uns Hexen fürchten. Sie wollen nicht glauben, dass wir nicht böse sind, sondern uns primär um alte Kräuterkunde und die Verbundenheit mit der Natur kümmern. Aber wenn sie mich schon so direkt fragen, fällt mir ein Mann ein, der unserer Schwester immer wieder aufgelauert hat, um sie zu provozieren. Ist aber nur eine Vermutung. Hellsehen kann ich leider nicht. Das war die Gabe unserer toten Schwester.«

Wenig später standen Zimmermann und Schmidt vor einem Haus am Brockhauser Waldrand. Der Inspektor sah noch einmal auf den Adresszettel in seiner Hand, bevor sie klingelten. Ein Mann um die fünfzig öffnete und sah die beiden Beamten grimmig an.
»Wer sind sie? Was wollen sie? Ich kaufe nichts.«
»Kriminalpolizei. Wir haben ein paar Fragen zu einer, hm, sagen wir mal Hexengemeinschaft hier in der Stadt. Wir haben Hinweise, dass sie mit einer der Damen aneinander geraten sind.«, erklärte Schmidt bei einem Blick auf seinen Notizblock.
»Dame? Höre ich richtig? Dame nennen sie sowas?«
Der Mann wurde rot im Gesicht, so viel Wut steckte unter seiner Haut.
Zimmermann zwinkerte dem Inspektor zu. ‚Wir haben unseren Mann. Das Geständnis hole ich schon aus ihm raus. Nur noch ein wenig provozieren.‘ Die beiden Beamten verstanden sich mittlerweile auch ohne Worte.
»Was haben sie denn gegen diese wundervollen Geschöpfe.«, streute der Kommissar weiter Salz in die Wunde. »Wir haben sie heute besucht. Es waren sehr hübsche Frauen, das muss man einfach zugeben.«
»Pah. Sie haben ja gar keine Ahnung. Diese Missgeburten verhexen unsere Kinder, locken unschuldige Frauen in ihre Kreise und verführen ehrbare Ehemänner. Auf dem Scheiterhaufen sollte man diese ganze Brut verbrennen, wie sie es im Mittelalter gemacht …«
Er hielt inne und schluckte.
»Neuzeit.«, verbesserte Schmidt.
»Was?«
»Es war in der Neuzeit, die sich ans Mittelalter anschloss. Etwa ab dem Jahr 1500. Aber darüber scheinen sie sich bisher noch nicht informiert zu haben. Genau so wenig, wie sie sich mal die Mühe gemacht haben, sich über den wahren Hintergrund von Hexen zu informieren. Zum Glück ist diese Art der Verfolgung mittlerweile verboten und wird auch nicht mehr von der Kirche ernsthaft in Betracht gezogen.«
Mittlerweile schien dem Mann alles egal zu sein. Er wusste bereits, dass er überführt war. »Und deswegen gibt es Menschen wie mich. Meine Verbündeten und ich werden weiter Jagd auf die Missgeburten machen. Ihr werdet es schon sehen. An meine Stelle wird jemand anderes treten. Wir sind nicht aufzuhalten, bis auch die letzte Kräuterhexe verbrannt ist.«
Dann streckte er seine Arme nach vorn, um sich Handschellen anlegen zu lassen, die wenige Sekunden später einrasteten.
Kommissar Zimmermann seufzte. »Wenigstens sie werden nie wieder die Chance bekommen, einen Menschen zu töten. Außerdem verspreche ich ihnen, dass wir jeden zur Strecke bringen werden, der es versuchen sollte.«

(c) 2016, Marco Wittler

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