Meine Kurzgeschichten

Posted by Marco on 6. Juni 2015 with No Comments

In dieser Sammlung befinden sich derzeit 47 Kurzgeschichten und es kommen regelmäßig neue hinzu.
Sie sind alle im Inhaltsverzeichnis nach Kategorien sortiert, damit du schneller findest, was du gerade suchst.
Viel Spaß beim Lesen.

Aktuelle Geschichte: Blut (Regional-Krimi)

Letztes Update: Donnerstag, 03.11.2016

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Zimmermann ermittelt (30) – Blut [Regional-Krimi]

Posted by Marco on 4. November 2016 with No Comments as , , , , , , , , , , , , , , ,

Vorwort
Seit diesem Monat läuft eine neue Bloggeraktion, an der ich teilnehme: Die Blogbuddies. Vier Teilnehmer schlagen sich gegenseitig Themen vor, die sie gemeinsam in ihren Blogs bearbeiten.
Das erste Thema stammt von mir: Schreibe eine blutige Geschichte zur Advents- / Weihnachtszeit.
Einen weiteren Beitrag könnt ihr bei Rini lesen.

Blut

Kommissar Zimmermann kam langsam zu sich. Ein starker Schmerz raste durch seinen Schädel, als er seine Augen einen Spalt breit öffnete. Sofort verschloss er wieder seine Lider.
Was war los? Was war passiert? In seinen Hirnwindungen machte sich ein großes Loch breit, das sämtliche Erinnerungen verdrängte.
Hatte er auf der Weihnachtsfeier des Kommissariats mal wieder gehörig einen über den Durst getrunken? War der letzte Irish Coffee schlecht gewesen? Oder hatte es eher daran gelegen, dass Inspektor Schmidt mal wieder den guten Kaffee vergessen hatte? Koffeinentzug wäre eine der vielen Möglichkeiten gewesen. Aber dieser Schmerz fühlte sich anders an. Ganz anders.
Zimmermann versuchte, sich die Benommenheit mit der Hand aus dem Gesicht zu wischen. Doch was war das? Was war da in seinem Gesicht? Was spürte er da unter seiner Hand? War er beim Essen eingeschlafen und hatte mit dem Kopf in Sauce gelegen?
Nun öffnete er doch die Augen. Er zwang sich dazu. Sofort war da wieder dieser Schmerz hinter seiner Stirn. Mühselig kam er auf die Knie, kroch durch den Raum und versuchte sich, dem Fenster vor sich zu nähern.
Draußen war es Nacht. Doch das interessierte den Kommissar einen Scheiß. Aber die Dunkelheit half ihm dabei, sich besser in einer gebrochenen Glasscheibe zu spiegeln. Er sah hinein. Er blickte sich ins eigene Gesicht und erschrak.
Blut! Überall Blut! Warmes, klebriges Blut!
Es war überall. In seinem Gesicht. Im zerzausten Haar. Auf seinem alten Mantel, auf seinen Händen. Unter den Fingernägeln.
Zimmermann wirbelte herum und spürte dabei schmerzhafte Stiche in Armen und Beinen. Und dann entdeckte er sie. Leichen! Überall im Raum lagen tote Menschen. Frauen. Männer. Ein paar Kinder. Es mussten an die zwanzig Personen sein. Irgendwer hatte sie auf bestialische Art und Weise ermordet.
Durchgeschnittene Kehlen. Aufgeschlitzte Leiber. Entstellte Gesichter, in denen man kaum noch etwas erkennen konnte. Hier musste ein unglaubliches Monster gewütet haben.
»Oh mein Gott!«, entfuhr es dem Kommissar. »Was ist hier bloß geschehen?«
Er konnte sich an nichts mehr erinnern. Verzweifelt versuchte er, in seinem Gedächtnis, die letzten Bruchstücke aufzurufen. Es gelang ihm nicht.
Zimmermann rappelte sich auf, kam wieder auf die Beine. Nach und nach schlurfte er von einem Toten zum anderen und zog dabei das rechte Bein hinter sich her, das seinen Dienst nicht mehr verrichten wollte. Er besah sich die Gesichter, die Wunden, die entsetzt drein blickenden Augen, die sich nicht geschlossen hatten.
»Wer zum Teufel sind diese Menschen?«
Er hatte keinen einzigen von ihnen jemals zu Gesicht bekommen.
»Und wo bin ich hier?«
Er mühte zur nahen Tür, öffnete sie – und entdeckte dahinter einen Flur. Staub und Dreck hatten den Boden und die Wände bedeckt. Überall waren Fußspuren zu sehen, die deutliche Abdrücke im Staub hinterlassen hatten. Aber sie schienen nur von einer einzelnen Person zu stammen.
Dem Kommissar stockte der Atem. Er stützte sich am Türrahmen ab, hob langsam einen Fuß hoch und sah unter die abgetretene Sohle.
»Das sind meine Spuren.«
Er fasste sich an den Kopf, fuhr unsacht durch sein mit Blut verklebtes Haar.
»Das … das kann nicht sein … da- … darf nicht sein.«
Ihm wurde die Knie und die Beine weich. Er sackte in sich zusammen.
»Ich kann doch nicht … ich … ich war das nicht. Ich bin doch Polizist. Ich … muss Recht und Ordnung verteidigen. Ich töte keine Menschen.«
Er drehte sich und sah wieder die Leichen hinter sich auf dem Boden.
»Wer hat hier dieses verdammtes Massaker angerichtet? Und was habe ich damit zu tun? Wenn ich mich nur erinnern könnte, was hier passiert ist.«
Aber der Schmerz im Schädel hinderte ihn daran, einen klaren Gedanken zu fassen.
Und dann war da ein Licht. Irgendwo da draußen in der Ferne blinkte es. Es war ein kaltes Licht. Und es schien sich zu bewegen. Es kam auf ihn zu, bahnte sich seinen Weg durch einen unsichtbaren Wald, der sich hinter seiner eigenen Dunkelheit versteckte.
»Was ist das?«
Der Kommissar versuchte, sich ein paar Blutflecken von den Augenlidern zu wischen, die ihn noch immer daran hinderten, richtig klar zu sehen.
»Das ist Blaulicht. Da kommt die Polizei. Meine Kollegen.«
Zimmermann kam wieder auf die Beine und stolperte mehr als zu gehen, in den Flur. Er orientierte sich kurz.
»Das muss der Ausgang sein.«
Mit einer Hand an der Wand abgestützt, torkelte er Meter für Meter vorwärts. Er öffnete die Tür. Frische, kalte Winterluft strömte ihm entgegen und ließ ihn erst jetzt merken, wie schlecht die Luft im Haus war.
Ein Würgen schlich sich langsam seinen Hals hinauf. Nur mit Mühe konnte er es unterdrücken.
Inzwischen konnte man laut und deutlich das Martinshorn hören.
»Hier bin ich!«, rief Zimmermann. »Hierher!«
Er torkelte ins Freie, wollte seinen Rettern entgegen gehen. Aber die Benommenheit, die Schmerzen und das scheinbar kaputte Bein, zwangen ihn, sich am nächsten Baum festzuhalten. Er musste wohl oder übel warten.
Sekunden später – oder waren es sogar Minuten oder Stunden – blieben mehrere Streifenwagen vor dem Kommissar stehen. Die Polizeibeamten ließen sich nicht lange bitten. Sie öffneten sofort die Türen, sprangen ins Freie und zogen ihre Waffen.
»Er hat ein Messer!«, brüllte einer von ihnen.
Zimmermann erschrak. Ein Messer? Wer? Er sah sich verzweifelt um. War der Mörder in seiner Nähe? Musste er nun auch noch um sein Leben bangen?
Wie er es in Notsituationen gewohnt war, griff seine Hand in die rechte Manteltasche, wo sich immer seine Schusswaffe befand. Doch statt dieser, spürte er eine kalte, verklebte Klinge.
Er sah nach unten, während er eine Machete aus der Tasche zog.
»Werfen sie das Messer weg!«, rief der Polizist, der ihm am nächsten stand.
»Das ist die letzte Warnung! Wenn sie nicht sofort das Messer fallen lassen, schießen wir!«
»Was geschieht denn hier?«, wunderte sich Zimmermann. »Das ist doch alles nur ein riesengroßer Alptraum.«
Er ließ die Machete auf den Waldboden fallen. Dann sank er in die Knie und legte die Hände auf seinen Kopf.
Wie in Trance bekam er noch mit, dass die Beamten auf ihn zu stürmten. Die einen hielten ihm Schusswaffen ins Gesicht, die anderen rissen seine Hände auf seinen Rücken und legten ihm Handschellen an.
»Sie sind festgenommen!«

Inspektor Schmidt hatte heute eigentlich seinen letzten Arbeitstag vor seinem wohl verdienten Weihnachtsurlaub. Geplant hatte er, seinem Kollegen und Vorgesetzten ein unerwartetes Weihnachtsgeschenk zu übergeben. Dieser Mann lebte nur für seine Arbeit und guten Kaffee. Da hatte er sich ein kleines Stück Freundschaft mehr als verdient. Doch nun stand der Inspektor vor einer verschlossenen Zellentür.
Ein Justizvollzugsbeamter hatte ihn hierher begleitet und schloss nun auf.
»Sie haben fünf Minuten. Dann ist die Gesprächszeit vorbei. Keine Sekunde länger.«
Schmidt nickte wortlos und trat ein. Erst als die Tür hinter ihm wieder verschlossen war und niemand mehr mithören konnte, begann er zu reden.
»Frohe Weihnachten.«, erklang es sarkastisch aus seinem Mund. »Wie geht es ihnen?«
Der Kommissar drehte sich mühsam auf seiner Pritsche herum und versuchte, die Schmerzen, die sich durch sein Bein zogen, zu verdrängen.
»Schmidt? Sind sie es? Mit ihnen hätte ich nicht gerechnet. Warum sind sie gekommen? Ich werde zu einem dunklen Fleck auf ihrer weißen Weste. Kollegen wie ich machen sich nicht gut auf einem Lebenslauf. Sie sollten lieber gehen.«
»Ich will auch nicht lange bleiben. Ich will nur eines wissen: Waren sie das? Haben sie das getan?«
Zimmermann richtete sich auf, hustete ein paar Mal.
»Das ist alles? Und ich hatte gehofft, dass sie mir einen Kaffee bringen würden. Einfach der alten Zeiten wegen. Sie können sich nicht vorstellen, was die hier für eine widerliche Brühe servieren. Abartig. Ich könnte sofort wieder kotzen, wenn ich nur daran denke.«
Schmidts Gesicht blieb ausdruckslos. Er verdrehte nicht einmal die Augen, wie es der Kommissar gewohnt war.
»Was denken sie? Wäre ich ihrer Meinung nach wirklich zu so einer Tat fähig? Was soll das? Sie kennen mich. Mensch, Schmidt. Denken sie nach. Ich bin kein Massenmörder. Das wissen sie.«
Schmidt nickte.
»Ich habe nichts anderes erwartet. Können sie sich vorstellen, wer für diese Schweinerei verantwortlich ist? Wer hat so einen Hass auf sie, dass er ihnen diesen Mist anhängen will?«
Zimmermann schüttelte den Kopf. »Ich weiß es wirklich nicht. Ich habe in meinen vielen Dienstjahren unzählige Verbrecher und Mörder hinter Gittern gebracht. Es könnte praktisch jeder von ihnen in Frage kommen. Mir fehlt jeder Ansatz.«
»Was ist in dieser Nacht überhaupt passiert? Wie kamen sie in das Gebäude? Was hat sie in den Wald geführt?«
Ein weiteres Mal schüttelte Zimmermann den Kopf.
»Ich habe einen totalen Black-Out. Den einen Moment bin ich morgens zum Dienst aufgestanden. Glaube ich. Ich bin mir nicht einmal darüber sicher. Vielleicht war ich auch bei einer Weihnachtsfeier und habe viel zu tief ins Glas geschaut. Im nächsten Augenblick wache ich in einer großen Blutpfütze auf und habe starke Schmerzen am ganzen Körper. Alles dazwischen ist in dichtem Nebel verschwunden. Das steht alles im Vernehmungsprotokoll. Können sie sich bestimmt anfordern. Ich wünsche mir jetzt noch, es wäre die Weihnachtsfeier gewesen. Dann hätte sich wenigstens der widerliche Kopfschmerz gelohnt.«
Der Inspektor verzog sein Gesicht. »Keine Chance. Die haben den Fall abgegeben. Befangenheit und so. Wir haben zu eng miteinander gearbeitet. Um den Fall kümmert sie ein Kommissariat aus Düsseldorf.«
»Düsseldorf?«
Zimmermann wurde rot im Gesicht. Wut kochte hoch.
»Verdammte Scheiße. Ich hab den Düsseldorfern mal ins Essen gespuckt. Einer ihrer Leute hatte Dreck am Stecken, wurde von den Kollegen gedeckt. Ich hab sie hoch gehen lassen. Wenn die jetzt an meinem Fall dran sind, kann ich meine Freiheit auf gleich auf einen Misthaufen werfen. Ich komme dann nie wieder hier raus.«
Schmidt verstand. »So weit lasse ich es nicht kommen. Ich werde versuchen, an die Akten zu kommen, um eigene Ermittlungen anzustellen. Ich darf mich nur nicht erwischen lassen. Wenn sie jemanden wissen, der mich unterstützen kann, lassen sie es mich wissen.«
»Ich werde drüber nachdenken.«
Die Zellentür öffnete sich wieder. Die dunkle Miene des Beamten kam zum Vorschein.
»Die Besuchszeit ist vorbei. Sie müssen gehen.«
Ohne Verabschiedung verließ Schmidt die Zelle.
»Und vergessen sie das nächste mal nicht meinen Kaffee.«, rief ihm der Kommissar nach, bevor er sich wieder unter schmerzendem Stöhnen auf das Bett zurück legte.

Eine halbe Stunde später stand der Wärter ein weiteres Mal vor Zimmermanns Zelle. Es war Zeit, nach ihm zu sehen. Also öffnete er den Sichtschlitz. Der mutmaßliche Verbrecher lag am Boden, den Hals in einer Schlinge, die aus den Laken der Pritsche gemacht worden war. Das andere Ende hing am Wasserhahn.
»Verdammt!«
Er sprang in die Zelle, öffnete die Schlinge, legte einen Finger auf den Hals und suchte den Puls. Nichts.
Er stand auf, zog sein Funkgerät aus der Gürteltasche und rief seine Kollegen.
»Selbstmord in Zelle 38. Der Massenmörder hat sich umgebracht. Muss innerhalb der letzten halben Stunde passiert sein. Schickt mir zwei Leute mit einer Bahre, die ihn hier weg bringen.«
Aus den anderen Zellen war Gejohle und leiser Applaus zu hören.
»Haltet eure verdammten Klappen, sonst könnt ihr euer Weihnachtsessen vergessen.«, rief der Beamte den Gang entlang.
Genervt schlug er die Tür zu und schloss sie ab. Das Weihnachtsfest war gelaufen. Stress auf der Arbeit und nun noch ein Freitod. Das konnte einem echt den Tag vermiesen.

Ein paar Minuten später trafen seine Kollegen mit der Bahre ein. Die Tür wurde geöffnet, die Leiche auf die Bahre gelegt. Sie brachten die sterblichen Überreste nur für kurze Zeit in einen Lagerraum. Schon kurz darauf traf ein Transporter ein, der sie in die nahe Pathologie brachte. Der Leichnam sollte obduziert werden. Die Todesursache schien eindeutig. Tod durch Erdrosseln. Aber vielleicht fand sich irgendwo im Körper etwas, eine Droge vielleicht, mit der man den Massenmord würde erklären können.

Am nächsten Morgen klopfte es an der Bürotür.
»Herein!«, rief Inspektor Schmidt.
Ein junger Justizvollzugsbeamter trat ein. In seiner Hand hielt er einen geöffneten Briefumschlag, den er seinem Gegenüber entgegen streckte.
»Ich komme mit schlechten Nachrichten. Ihr Kollege, Kommissar Zimmermann hat gestern Selbstmord begangen. Er hat einen Abschiedsbrief hinterlassen, der an sie gerichtet ist. Die Staatsanwaltschaft hat ihn bereits geöffnet und kopiert.«
Schmidt nahm den Brief und verabschiedete den jungen Mann.
Dann faltete er das Schriftstück auseinander und las die wenigen Zeilen.

Finden sie den wahren Täter. Fahren sie in meine alte Heimat. Suchen sie in der grünen Hölle nach Kralle. Er wird sie unterstützen. Ich verlasse mich auf sie.

»Wie zum Teufel, kann das sein?« Inspektor Schmidt schlug mit der Faust auf den Schreibtisch seines Gegenübers. »Warum wurde keine sofortige Untersuchung eingeleitet? Warum wurde die Leiche des Kommissars nicht zuerst in der Haftanstalt unterbracht und stattdessen sofort hierher überführt? Das ist doch sonst nicht die übliche Vorgehensweise. Aber was noch wichtiger ist: Warum ist der Tote nicht mehr da? Da stinkt von vorne bis hinten.«
Der Gerichtsmediziner wurde rot im Gesicht. Er wusste nicht mehr, wie oft er sich diese Frage bereits angehört und wie oft er sich entschuldigt hatte. Ermittlungen waren bereits eingeleitet worden. Die zuständigen Kriminalisten hatten schon den aufgebrochenen Leichenschrank untersucht.
»Ich kann auch nur abwarten, bis die Spuren ausgewertet sind. Unsere Überwachungsanlagen sind alt. Die Gelder wurden schon vor einer Ewigkeit gekürzt. Deswegen existieren auch keine Aufzeichnungen von der Nacht des Einbruchs. Aber auch nicht von sämtlichen Nächten davor.«
Die Entschuldigung klang zwar ehrlich, wirkte trotzdem ziemlich schal. Der Inspektor, der so eng mit Zimmermann gearbeitet hatte, verlor nun auch noch das einzige, was ihm von seinem Vorgesetzten geblieben war.
»Ich werde ihn finden. Das ist zwar nicht mein Fall. Aber trotzdem werde ich ihn finden.«
Er schlug erneut auf den Schreibtisch. Zwei Bilderrahmen stürzten um, fielen zu Boden und zerbrachen. Ohne ein weiteres Wort verließ Schmidt das Büro und machte sich auf den Weg zu seinem Wagen.

Kurz darauf raste er über die Autobahn. Sein Ziel: Dortmund, die alte Wirkungsstätte des Kommissars. Es hatte Schmidt einiges an Recherche gekostet, die grüne Hölle zu finden. Bei ihr handelte es sich um eine alte Spelunke im Norden der Stadt. Düstere Ecke, düsteres Publikum. Keine gute Gegend für einen Polizeibeamten. Aber das war er Zimmermann schuldig. Er musste Kralle finden.
Die Fahrt über die A45 zog sich hin. Ein Staukilometer reihte sich an den nächsten. Vor der Lennetalbrücke war kaum noch an ein Weiterkommen zu denken. Zu dieser Zeit, wenige Tage vor Weihnachten, waren einfach zu viele Menschen in den Ruhrpott unterwegs. Es war die Zeit für Last Minute und Verzweiflungskäufe. Das trieb die Menschen in die großen Städte und Einkaufszentren.
Schmidt erinnerte das plötzlich an die erste gemeinsame Weihnachtszeit mit dem Kommissar, ein paar Monate nachdem er in die ruhige, sauerländische Provinz gewechselt war. Er erinnerte sich an den Aufsehen erregenden Fall mit der aufgehängten Leiche in der deilinghofer Kirche kurz vor dem Gottesdienst. Noch heute gruselte es ihn bei dem Gedanken daran. Und dann kam das Bedauern, nie wieder gemeinsam einen Fall lösen zu können, abgelöst von unsäglicher Trauer mit Tränen in den Augen.
Geschlagene zweieinhalb Stunden stand der Inspektor vor der Eingangstür der grünen Hölle. Überall lagen Müll und Unrat in denen Ratten ihr Unwesen trieben. Schmidt schluckte und betrat aufgeregt das Gebäude. Kalter Rauch wehte ihm entgegen. Die Luft war Alkohol geschwängert. Die Tische waren mit düsteren Figuren besetzt. An den Wänden hingen alte, vergilbte Weihnachtsdekorationen, die auch schon bessere Zeiten gesehen hatten. Aber das schien schon diverse Jahrzehnte in der Vergangenheit zu liegen.
Zielstrebig steuerte er auf den Tresen zu. »Ich suche jemanden.«, wandte er sich an den Barkeeper.
»Willst du nicht erstmal was zu trinken bestellen?«
»Okay, ich nehm ’ne Cola.«
Schallendes Gelächter brüllte ihm entgegen.
»’Ne Cola? Wo bist du denn entlaufen? Wir trinken hier nur Bier und harte Sachen. Wenn du ’ne Cola willst, dann geh in den Kindergarten.«
»Dann nehm ich ein Pils. Und dann würde ich gern mit Kralle sprechen, wenn er da ist.«
In diesem Moment wurde es in der Spelunke still. Sämtliche Köpfe drehten sich zu Schmidt um und fixierten ihn.
»Kralle? So so. Den Namen habe ich noch nie gehört.«, war die kurze, ablehnende Antwort des Barmanns.
»Wer will diesen Kralle überhaupt sprechen?«
»Vielleicht ein alter Freund, der noch eine Rechnung zu begleichen hat.«, war plötzlich eine alte, gebrechliche Stimme aus der hintersten Ecke zu vernehmen. Ein Mann am Stock wankte heran.
»Lass gut sein, Kralle. Ich kümmer mich den da.«, winkte der Barkeeper ab. »Du musst dich nicht mit so einem feinen Schnösel abgeben. Setz dich wieder.«
Das von tiefen Falten zerfurchte Gesicht, das wahrscheinlich unzählige Geschichten hätte erzählen können, grinste. Kralle schüttelte den Kopf.
»Ist schon gut. Ich nehm den Jungen mit. Ich will mir anhören, warum er Kralle auf seine alten Tage aufsucht. Ich habe meine Vermutungen, aber er soll es mir selber sagen.«
Der Alte zog Schmidt vom Barhocker, hakte sich bei ihm ein und zog nach draußen auf die Straße.
»Fahren wir eine Runde. In dieser Gegend haben die Straßen viel zu große Ohren.«

Zurück im Wagen platzte es gleich aus dem Inspektor heraus. Kralle hingegen hob einen Zeigefinger und brachte ihn wieder zum Schweigen.
»Fahren wir erstmal. Es ist noch nicht die rechte Zeit zum Reden. Bringen sie uns erstmal von hier fort. Ein schöner, grüner Park wäre nett. Ich habe so lange nicht mehr auf einer Bank zwischen grünen Bäumen gesessen.«
»Das wird auch etwas schwierig. Im Winter sieht der Park nicht grad einladend ein.«
»Die frische Luft wird mir gut tun. Für das Grün sorgt dann meine Erinnerung, die viel besser ist, als die meisten auch nur erahnen können.«

Der Park war leer. Die kalten Dezembertemperaturen hielten die Menschen in ihren Wohnungen oder in den Einkaufszentren. Die Luft roch nach Schnee.
»Hat er sie geschickt?«
»Wer?«
»Zimmermann. Der alte Kommissar. Hatte mehr als einmal mit ihm zu tun. Hab ihm ein paar meiner besten Jahre zu verdanken. Hat mich immer wieder erwischt.«
Kralle lachte heiser.
»Einbrüche. Ich bin nur ein kleiner Fisch. Mit Drogen und Mord hatte ich nie etwas am Hut. Ich mag keine Gewalt.«
»Aber Gewalt hat mich zu ihnen geschickt«., begann Schmidt seine Erzählung über die aktuellen Ereignisse. Nach zwanzig Minuten endete er beim Verschwinden der Leiche.
»Da spielt jemand ein falsches Spiel. Der Kommissar ist in eine Falle getappt. Jemand wollte ihm was anhängen und der lässt nun die Beweise verschwinden.«
»Der Meinung bin ich auch. Hier läuft etwas ganz gewaltig schief. Aber das ist nicht das erste Mal, dass Zimmermann bei einem seiner alten Kunden auf der Abschussliste steht. Nur dieses Mal hat er leider den Kürzeren gezogen. Auch wenn ich da irgendwie meine Zweifel habe, dass es so abgelaufen ist, wie man uns das denken lassen will.«
»Sie glauben nicht an Selbstmord?«, hakte Kralle nach.
»Nein. Der Kommissar war eine viel zu starke Persönlichkeit. Er würde niemals einfach so aufgeben. Das war nicht seine Art. Da hat jemand im Knast nachgeholfen.«
»Da bin ich ganz ihrer Meinung. Deswegen werde ich sie begleiten. Gemeinsam lösen wir diese Schweinerei auf. Der Kommissar war immer fair und freundlich zu mir. Das bin ich ihm schuldig.«
Schmidt nickte. Er konnte sich zwar nicht vorstellen, wie ihm dieser alte, gebrechliche Mann noch helfen konnte, aber er war der einzige Verbündete, den er hatte.

»Entweder gibt es bei ihnen einen Maulwurf oder jemand spielt in den eigenen Reihen richtig falsch.«, schob Kralle eine Vermutung in den Raum.
Sie saßen mittlerweile in Schmidts Büro. Ein weiterer Beamter, Kommissar Eberhardt aus Düsseldorf hatte sich her bemüht, um einen Zeugen zu vernehmen – Kralle.
»Bin ich jetzt gekommen, um mir irgendwelche Mutmaßungen eines Spinners anzuhören oder legen sie bald mal Fakten auf den Tisch, alter Mann. Bei dem Weihnachtsverkehr ist es alles andere als angenehm in diese trostlose Gegend fahren zu müssen.«
Er nahm seine Teetasse in die Hand, rührte noch einmal den Zucker unter und trank in kleinen Schlucken den heißen Aufguss.
»Sie sollten mehr Kaffee trinken, der bringt ihren Geist wieder auf Touren. Eigentlich liegt doch alles auf der Hand. Man muss nur die Fakten in Betracht ziehen.«
Kralle nahm seinerseits einen großen Kaffeebecher und stürzte das Gebräu in einem Zug runter.
»Der Kommissar wird zu einem Fall in eine der einsamsten Gegenden der Stadt gerufen. Vor Ort schlägt man ihn zusammen, bricht ihm fast das Bein. Dann platziert man ihn zwischen unzählige, verstümmelte Leichen. Kurz darauf trifft eine ungewöhnlich große Gruppe Bullen ein, von denen er festgenommen wird. Der Rest ist bekannt. U-Haft, Selbstmord, das Verschwinden seiner Leiche. Ich bin mir ziemlich sicher, dass jemand in ihrem Kommissariat unseren Zimmermann beseitigen wollte, wegen einer alten Sache, durch die Köpfe gerollt sind.«
Eberhardt wurde tiefrot im Gesicht.
»Was soll der Scheiß? Wollen sie mich verarschen? Meine Leute sind nicht korrupt und auch keine Mörder. Dafür verbürge ich mich.«
Kralle grinste. »Ich war da. Ich habe alles gesehen. Ich weiß, wer es war und wie es ablief.«
Das Rot im Gesicht des Kommissars wurde noch dunkler. »Ich glaube ihnen kein einziges Wort.«
»Fahren wir doch einfach hin. Es gibt am Tatort noch einige Beweise, die sie bei ihren Ermittlungen übersehen haben, oder sollte ich lieber sagen, die ihre Leute zu beseitigen vergessen haben?«
Eberhardt platze nun endgültig der Kragen.
»Mir reichts. Wir fahren da raus. Wir treffen uns vor Ort in einer Viertelstunde. Und dann werden wir schon sehen, was so ein alter Spinner angeblich gesehen haben will. Dann haben wir endlich Ruhe und ich kann wieder nach Hause fahren.«

Sie standen vor dem alten, verfallenen Gebäude. Schmidt und Kralle hatten bereits den Wagen verlassen, obwohl von Eberhardt noch nichts zu sehen war.
»Er ist schon hier«., vermutete der alte Mann. »Er plant irgendeine Schweinerei. Er hält mich für einen Mitwisser. Sobald ich ihm die Beweise gezeigt habe, bringt er mich um die Ecke.«
»Nicht, wenn ich es verhindern kann.«, versicherte der Inspektor und hielt seine Waffe bereit.
Kralle ging voran, betrat die Ruine. Die Spuren der Bluttat waren noch immer mehr als präsent. Langsam und intensiv sog er die modrige Luft in sich ein.
»Eberhardt!«, rief er in die Stille hinein. »Ich weiß, dass sie da sind. Ich weiß auch, dass sie mich hören können. Hier ist der alte Spinner.«
Er wartete ein paar Sekunden, in denen er sich immer wieder im Kreis drehte, lauschte und auf ein Zeichen wartete.
»Sie haben das alles selbst eingefädelt, habe ich Recht? Sie und ihre Getreuen.«
Wieder keine Antwort.
»Sie haben Zimmermann eine Falle gestellt. Das alles war inszeniert. Die Leichen stammen aus der düsseldorfer Uniklinik und die Festnahme war lange geplant. Es sollte ein Rachefeldzug werden, weil der Kommissar mehrfach gegen ihre Leute erfolgreich ermittelt hat. Sie wollten ihn hinter Gitter bringen, wie er es auch mit ihren Männer gemacht hat.«
Plötzlich waren Schritte zu hören. Eberhardt kam mit gezogener Waffe um die Ecke.
»Sie haben nichts gegen mich in der Hand. Das sind alles nur Spekulationen. Klar, Zimmermann hat mir immer wieder Probleme bereitet. So manches Mal hätte ich ihn gern bluten sehen. Und glauben sie, als diese Schweinerei hier passiert ist, habe ich innerlich von Herzen gelacht und gefeiert. Hat genau den richtigen getroffen. Aber niemand kann beweisen, dass ich hier die Hand im Spiel hatte.«
»Niemand – außer Kommissar Zimmermann selbst.«
Eberhardt grinste. »Der aber leider an Gedächtnisschwund litt, bevor er sich auf tragische Weise das Leben genommen hat.«
Nun begann auch Kralle zu grinsen. »Der Kommissar hat noch vor seinem Tod seine Amnesie überwunden. Er konnte sich an alles erinnern. Er hat es mir erzählt. Deswegen bin ich hier.«
Nun bekam nicht nur Eberhardt große Augen. Auch Schmidt war von dieser plötzlichen Wendung überrascht.
»Dann … dann …«
Eberhardt wurde nervös, sah sich immer wieder unsicher um.
»Sie können nichts beweisen. Zimmermann ist tot. Damit ist der einzige Zeuge beseitigt.«
»Er ist nicht tot. Er lebt. Er hat seinen Tod vorgetäuscht. Er hat seine Leute und Kontakte überall. Hat es sie nicht gewundert, dass seine Leiche so schnell abtransportiert und verschwunden ist?«
Eberhardt begann trotz der kalten Temperaturen zu schwitzen.
»Ich glaube ihnen keinen Wort. Alles dreckige Lügen von einem kleinen, schmierigen Taschendieb.«
Kralle lachte. »Er ist hier. Er wird sie noch heute zur Strecke bringen. Er ist ihnen näher, als sie denken.«
Nun sah sich der düsseldorfer Kommissar unsicher um, ließ seine beiden Gegenüber für einen kurzen Moment aus den Augen.
»Das kann nicht sein. Ich hab dafür gesorgt, dass er verschwindet. Mein Plan war perfekt und wird es auch bleiben.«
Diesen kurzen Augenblick der Unachtsamkeit nutzte der Alte sofort aus. Er hob seinen Stock über den Kopf und warf ihn quer durch den Raum. Er traf den Kommissar am Hinterkopf. Eberhardt ließ seine Waffe fallen und stürzte zu Boden.
Kralle stürzte sich auf seinen Gegner, setzte sich auf dessen Brust und schlug ihm mit der Faust einmal kräftig ins Gesicht, bevor er sich in sein eigenes packte und sich die Haut herunter riss.
»Zimmermann! Sie leben!«
Zimmermann lachte. »Ich hab es ihnen gesagt. Ich habe meine Leute überall. Als ich meine Erinnerungen am nächsten Tag zurück hatte, war mir klar, dass ich sie nur mit einem miesen Trick erwischen würde.«
Grinsend holte er sein Handy aus der Tasche, dass jedes Wort aufgezeichnet hatte.
»Eberhardt. Sie sind verhaftet.«, kam es nun von Schmidt, der die Handschellen aus der Tasche zog.

»Das war echt eine miese Sache.«, beschwerte sich Schmidt am nächsten Tag ein weiteres Mal. »Können sie sich nicht vorstellen, wie es mir ging, als ich von ihrem Selbstmord erfahren habe? Hätten sie mich nicht einfach einweihen können?«
Zimmermann zuckte nur mit den Schultern. »Gönnen sie mir doch zu Weihnachten ein wenig Dramatik. Das hab ich mir nach dieser schäbigen Nummer echt verdient. Außerdem war die Gefahr zu groß, in der Zelle abgehört zu werden. Das musste ich vermeiden. Zudem musste ich auch erstmal meine Kontakte erreichen. Ohne Hilfe hätte ich das alles nicht geschafft.«
»Ihnen auch frohe Weihnachten.«, antwortete Schmidt schlicht.
»Apropos Weihnachten. Ich hätte da noch etwas für sie.«
Er öffnete eine Tür seines Schreibtischs und holte ein Paket hervor, dass er dem Kommissar in die Hand drückte.
»Frohes Fest, Chef.«
Zimmermann wusste nicht, was er sagen sollte. Tränen stiegen ihm in die Augen, die er sich schnell weg wischte.
»Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.«
»Müssen sie auch nicht. Machen sie es einfach auf. Es kommt von Herzen.«
Das ließ sich der Kommissar nicht zweimal sagen. Er riss das Papier auf, öffnete den Karton und fand darin einen neuen Mantel, einen Trenchcoat.
»Der alte ist ja schon ziemlich abgetragen. Und jetzt, mit den ganzen Blutflecken. Ich dachte mir, es wäre mal an der Zeit für einen Neuen.«
Zimmermann mühte sich von seinem Stuhl auf. Mit Hilfe seines Stocks, der ihm das Gehen derzeit ermöglichte, kam er um seinen eigenen Schreibtisch herum und drückte den Inspektor an sich.
»Ich habe gar kein Geschenk für sie. Ich war in den letzten Tagen irgendwie … ähm … verhindert.«
»Ist schon in Ordnung. Das sie wieder hier sind, wir zwei gemeinsam neue Fälle lösen können, ist schon Geschenk genug.«
»Frohe Weihnachten Schmidt.«
»Frohe Weihnachten, Chef.«

(c) 2016, Marco Wittler