Zimmermann ermittelt (8) – Das Auge des Osterhasen [Regional-Krimi]

Posted by Marco on 6. April 2014as , , , , , , , , , , , , , ,

Zimmermann ermittelt – Das Auge des Osterhasen

»Er ist tot. Daran gibt es keinen Zweifel.« ließ der Kommissar von sich hören, nachdem er der Leiche zu seinen Füßen einen kurzen Blick zugeworfen hatte.
»Oder ist hier jemand anderer Meinung?«
Nein, natürlich gab es niemanden, der etwas anderes dachte.
»In Ordnung. Dann wollen wir mal an die Arbeit gehen. Schmidt? Wo sind sie?«
Der Inspektor kam sofort herbei geeilt.
»Ich bin hier, Chef.«
»Und wo ist mein verdammter Kaffee? Mensch, Schmidt, sie wissen doch ganz genau, dass ich nicht richtig funktioniere, wenn zu viel Blut in meinen Kaffeeadern fließt. Also sputen sie sich. Ich brauche Koffein.«
Ein paar der anderen Polizeibeamten kicherten leise vor sich hin.
»Oh, sie finden das also lustig, meine Herren? Wie wäre es, wenn mein Assistent hier bleibt und einer von ihnen meinen Kaffee besorgt?«
Sofort herrschte Stille.
»Kommen sie erstmal alle in mein Alter, dann werden sie schnell feststellen, wie wichtig ein guter Kaffee ist.«
Schmidt nickte nur, stieg in den Wagen und fuhr zur Hönnetalstraße. Nirgendwo schmeckte dem Kommissar der Kaffee besser, als im dortigen Café.
»Und jetzt zurück zum Fall. Was ist passiert?«
Ein Polizeibeamter holte seinen Notizblock aus der Jackentasche, blätterte ein paar Seiten hin und her, bis er die neuesten Notizen fand.
»Bei dem Toten handelt es sich um Dietmar Braun. Er wurde hier im Gebüsch von seinem Nachbarn gefunden, als dieser Ostereier für seine Kinder verstecken wollte. Die Ehefrau war bereits hier und hat ihren Mann identifiziert. Sie befindet sich jetzt bei unserem Psychologen.«
Zimmermann umrundete die Leiche immer wieder in langsamen Schritten. »Offensichtlich hatte Herr Braun die gleiche Idee. Scheinbar hatte er geplant, als Osterhase erwischt zu werden, sonst hätte er sich nicht als solcher verkleidet. Dass ihn aber statt seiner Kinder ein Mörder erwischt, hätte er sich heute Nacht bestimmt nicht träumen lassen.«
Der Kommissar bückte sich neben den Kopf und besah ihn sich sehr genau.
»Es ist mir aber ein Rätsel, warum man ihm das rechte Auge entfernt hat. Wer macht denn sowas?«
»Wie wir von seiner Witwe erfahren konnten, handelte es sich dabei um ein Glasauge. Er hatte sein echtes Auge bereits vor über fünfzehn Jahren verloren.«
Das erklärte auch das fehlende Blut.

Schmidt war endlich mit dem Kaffee zurück.
»Warum hat das so lange gedauert? Sie wissen doch, dass mein Motor geschmiert werden muss, damit er reibungslos funktioniert.«
»Tut mir leid, Chef. Aber es war viel los. Eine größere Gruppe Rentner war vor mir dran.«
Gemeinsam gingen die beiden die Straßen der Umgebung entlang, immer auf der Suche nach Hinweisen und dem Kollegen Zufall – Dinge, auf die andere Kriminalbeamte nicht kamen.
Im einem benachbarten Garten hockten vier Männer auf einer asphaltierten Terasse und stopften sich die Taschen mit irgendwelchen Gegenständen voll, die aus der Ferne nicht identifizierbar waren.
»Dürfen wir sie vielleicht für ein paar Minuten stören?« fragte Zimmermann und kletterte über den niedrigen Jägerzaun vor sich, ohne auf eine Antwort zu warten.
»Darf ich fragen, womit sie sich gerade beschäftigen?«
Die Männer schreckten hoch, erkannten den Kommissar und griffen umso hektischer in ein Loch im Boden.
»Wir haben nur ein wenig mit unseren Murmeln gespielt.« erklärte einer von ihnen.
»Sie kennen das sicher noch aus ihrer Kindheit. Wer die meisten Treffer ins Loch macht, bekommt alle Murmeln für seine Sammlung. Das machen wir schon seit der Grundschule. Dieses Hobby sind wir irgendwie nicht mehr losgeworden.«
Der Kommissar nickte nur. Innerlich verdrehte er allerdings die Augen. Erwachsene Männer, die sich mit Kinderspielen die Zeit vertrieben, konnte er nicht leiden.
»Der Dietmar war auch einer von uns. Aber das ist ja jetzt leider anders.«
Sofort zischelte es von allen Seiten, als wäre gerade ein großes Geheimnis verraten worden.
»Machen wir doch ein Spiel. Ich ersetze gern den fünften Mann.« Der Kommissar hockte sich vor das Loch im Boden.
»Ich war früher ein sehr guter Spieler. Ich habe nur leider meine Murmeln nicht dabei. Vielleicht kann mir einer der Herren aushelfen.«
Die vier Männer sahen sich gegenseitig unsicher an.
»Setzen sie sich. Murmeln raus holen.« Die Stimme Zimmermanns bekam einen scharfen Befehlston, die keinen Widerspruch akzeptieren würde.
Nervös griffen die Männer in ihre Taschen und legten die Murmeln vor sich auf den Boden.
»Alle Murmeln. Schmidt, sorgen sie dafür, dass hier niemand was übersieht.«
Der Inspektor nickte und griff den Männern nacheinander in die Taschen, bis er eine letzte, versteckte Murmel fand.
»Hier ist noch eine.« Er drehte sie zwischen seinen Fingern hin und her, bis ihn ein Auge ansah und ihm die Kugel vor Schreck entglitt. Sie rollte über den Boden und landete im Loch.
»Schmidt, sie haben gewonnen. Den Fall haben sie wohl auch gelöst. Die Frage ist nur, warum haben sie das getan?«
Einer der vier Nachbarn seufzte.
»Dieter war immer ein schlechter Verlierer. Immer wenn es besonders knapp war und er keine Murmeln mehr in der Tasche hatte, holte er sein verdammtes Auge raus und damit den Sieg. Das war jetzt die Rache dafür. Sein Auge gehört jetzt uns.«
Zimmermann seufzte und nahm das Auge an sich. »Abführen. Alle vier. Tut mir leid, meine Herren, aber sie haben wieder einmal verloren. Das Auge bringe ich dem rechtmäßigen Besitzer zurück.«

(c) 2014, Marco Wittler

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.