Doktor Zimmermann ermittelt (1) – Zahnschmerzen [Regional-Krimi]

Posted by Marco on 3. Juli 2014as , , , , , , , , , , , , , ,

Doktor Zimmermann ermittelt – Zahnschmerzen

»Verdammt, tut das weh.«
Kommissar Zimmermann wälzte sich im Bett hin und her, aber an Schlaf war nun nicht mehr zu denken. Die Schmerzen waren einfach zu stark.
»Vielleicht hilft ja die Glotze.«
In der Hoffnung, abgelenkt zu werden, schaltete er den Fernseher ein. Aber das langweilige Programm, das aus Wiederholungen der nachmittäglichen Pseudo-Doku-Soaps konnte die erlösende Müdigkeit nicht erzeugen.
Genervt griff Zimmermann zum Telefon. Er wählte die Nummer auswendig aus dem Kopf und wartete eine gefühlte Ewigkeit, bis sich jemand meldete.
»Schmidt.« war eine laut gähnende Stimme zu hören.
»Ich bin’s. Zimmermann.« Antwortete der Kommissar.
»Was ist passiert? Wurde jemand ermordet?«
Der Inspektor war sofort hellwach und bei der Sache.
»Nein. Es ist weitaus schlimmer. Aber kommen sie erstmal bei mir zu Hause vorbei. Dann reden wir über alles Weitere. Und bringen sie mir einen großen und besonders starken Kaffee mit.«
Um etwaigen Fragen aus dem Weg zu gehen, unterbrach Zimmermann die Verbindung. Dann zog er sich einen Bademantel über, ging in die Küche und wartete darauf, dass sein Assistent an der Tür klingeln würde.

Zwanzig Minuten später läutete es in die Stille der Nacht hinein und unterbrach den Kommissar bei seinen düsteren Gedanken, die sich nur um den nicht auszuhaltenden Schmerz drehten.
»Es ist offen.« rief er zur Tür und verfluchte sich sofort für diese unbedachte Tat.
»Es ist offen.« sprach er nun deutlich leiser.
»Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte.« stürmte Inspektor Schmidt herein. Fast wäre er dabei über eine Falte im Teppich gestolpert und hätte den Kaffee verschüttet.
»Sind sie wahnsinnig? Vergießen sie bloß keinen Tropfen von dem guten Gebräu.«
Zimmermann nahm ihm schnell den heißen Becher ab.
»Warum hat das so lange gedauert? Soll ich etwa die ganze Nacht warten?«
Schmidt wurde rot im Gesicht.
»Es tut mir leid. Es ist gar nicht so einfach, um diese Zeit einen Kaffee zu bekommen. McDonald’s wollte gerade zu machen. Ich musste zehn Minuten auf die Mitarbeiter einreden, dass sie mir noch einen Becher voll verkaufen. Ich musste sogar von meiner Polizeimarke Gebrauch machen. Hoffentlich bekomme ich dafür nicht noch Ärger. Amtsmissbrauch ist kein Kavaliersdelikt.«
»Dafür schmeckt er umso besser.« genoss der Kommissar den ersten Schluck, der mühsam versuchte, den Schmerz unter sich zu begraben.
»Wie sind denn nun der Fall aus?« wurde Schmidt unbeduldig.
»Ich habe Zahnschmerzen. Die lassen sich mit Kaffee am Besten ertragen.«
»Zahnschmerzen? Ich kurve mitten in der Nacht durch die Stadt und riskiere meinen Job für einen Kaffee, nur weil sie Zahnschmerzen haben?«
Der Inspektor war kurz davor zu platzen. Nur zu gern wäre er seinem Vorgesetzten an die Gurgel gesprungen. Aber dann hätte er am nächsten Morgen gegen sich selbst ermitteln müssen.
»Ich fasse es nicht. Sie nutzen mich schamlos aus. Ist ihnen das überhaupt bewusst?«
Zimmermann grinste.
»Derrick hatte seinen Harry. Ich hab meinen Schmidt. Es bleibt also alles beim Alten.«
Schmidt seufzte und ließ die Schultern hängen. Der Kommissar hatte Recht. Er sprang immer und besorgte Kaffee, wenn es verlangt wurde.
»Und nun? Wollen sie jetzt die ganze Nacht hier sitzen und einen Kaffee nach dem anderen trinken?«
Der Kommissar schüttelte den Kopf.
»Würde ich liebend gern. Aber wenn ich sie jetzt noch einmal in die Stadt schicke, erwürgen sie mich bestimmt. Und wer will schon gern gegen sich selbst ermitteln Außerdem hat jetzt alles zu. Sie werden keinen Kaffee mehr bekommen.«
Zimmermann stand auf, trottete zum Küchenschrank und holte eine Zuckerdose aus Porzellan hervor.
»Irgendwo hier ist sie gewesen. Hab sie gleich.«
Er schüttete einen Haufen Visitenkarten auf den Tisch und wühlte dann unschlüssig darin herum.
»Ah, da ist sie. Wusste ich es doch.«
Er übergab eine der Karten an Schmidt.
»Dort müssen wir. Wie es schon in der Werbung heißt: Da werden sie geholfen.«
»Zahnarztpraxis Dr. Dieter Zimmermann.«
»Mein jüngerer Bruder. Muss hier irgendwo seinen Laden haben. War aber noch nie da. Wir haben kein sehr enges Verhältnis. Liegt an seinem Beruf. Ich hab Zahnklempner noch nie leiden können. Muss mitten in der Pampa leben, irgendeine Heide.«
Schmidt sah sich die Visitenkarte genauer an.
»Heide? Platte Heide. Das ist ein Ortsteil von Menden.«
»Meinetwegen auch das. Also. Fahren wir?«

Kurz darauf saßen sie im Auto und fuhren durch die Dunkelheit. Die Straßen waren völlig verlassen. Die anderen Bewohner der umliegenden Städte schienen ausnahmslos zu schlafen.
»Meinen sie wirklich, dass es eine gute Idee war, ihrem Bruder nach Jahren im Bademantel gegenüber zu treten?«
Zimmermann nickte.
»Absolut. Der Mann ist Zahnarzt. Wenn er denkt, dass mein Fall nicht akut genug ist, dann schickt er mich nach Hause. Er soll gleich das Gefühl bekommen, dass ich nicht einmal mehr genug Zeit hatte, mich richtig anzuziehen.«

Zwanzig Minuten später standen sie vor der Eingangstür der Praxis. Die Rollläden waren herunter gelassen, die Tür verschlossen.
»Verdammt. Hat der Kerl noch nichts von Notdienst gehört? Mir muss geholfen werden.«
»Der Notdienst verteilt sich auf alle Zahnärzte in der Umgebung. Sie wechseln sich regelmäßig ab. Wir hätten vorher die Notdienstnummer wählen sollen. Dort hätten wir dann auch erfahren, wer für heute Nacht zuständig ist.«
»Papperlapapp. Das ist mein Bruder. Er muss auch für mich Zeit haben.«
Der Kommissar klingelte. Er wartete kurz, dann klingelte er ein weiteres Mal. Da aber niemand reagierte, drückte er seinen Zeigefinger auf den Knopf und ließ nicht mehr los.
»Irgendwann wird es ihn nerven. Dann kommt er freiwillig raus.«
Nach fünf Minuten tat sich endlich was. Durch die Milchglastür war plötzlich Licht zu sehen. Ein Schlüssel wurde ins Schloss gesteckt und zweimal gedreht. Dann schob sich das verschlafene Gesicht einer dunkelhaarigen Frau durch einen schmalen Spalt in der geöffneten Tür.
»Nicht stören.« sagte sie in gebrochenem Deutsch.
»Zahnarzt schläft. Heute nix Notdienst.«
Zimmermann wollte sich nicht auf irgendwelche Diskussionen einlassen.
»Polizei.« gab er in einem dominanten Tonfall zu verstehen und hielt seine Marke hoch.
»Wir kommen in einer dringenden Angelegenheit. Wir müssen sofort den Doktor sprechen.«
Die Tür schloss sich, eine Kette wurde gelöst, dann bat die Frau die beiden Männer herein.
»Kommen bitte. Ich schauen, ob Doktor aufwecken kann. Warten bitte hier.«
Sie zeigte ihnen das Wartezimmer und verschwand anschließend durch eine Tür, auf der in großen Buchstaben ›PRIVAT‹ geschrieben stand.
»So macht man das.« klärte Zimmermann den Inspektor auf.
»Nicht lange diskutieren. Im Gegensatz zu ihnen, hätte ich den Kaffee sofort bekommen.«

Irgendwas befand sich im Raum. Oder war es nur ein Traum? In seinem Unterbewusstsein schlich sich das Gefühl, ein Klopfen überhört zu haben. Unruhig drehte er sich auf die andere Seite und versuchte, wieder in den erholsamen Tiefschlaf zu gleiten. Doch daran war leider nicht mehr zu denken, als sich eine Hand auf seine Schulter legte und vorsichtig daran zog.
»Herr Doktor. Hören bitte. Herr Doktor.«
Doktor Zimmermann öffnete langsam und verschlafen die Augen. Vor ihm stand seine türkische Haushälterin Adile.
»Hören bitte. In Praxis zwei Männer.«
»Was?« fragte der Doktor verwirrt.
»Wir haben doch gar keinen Notdienst. Mensch, Adile, ich hab ihnen doch ein paar Mal gesagt, dass sie nachts niemanden rein lassen sollen. Dafür sind doch die Kollegen zuständig. Wo kämen wir denn hin, wenn wir jede Nacht behandeln würden?«
Schon wollte er weiter schlafen, aber Adile ließ nicht locker.
»Nix Patient. Männer von Polizei.«
»Was? Polizei? Um diese Zeit? Was wollen die denn?«
Er war plötzlich hellwach und sprang beinahe aus dem Bett. Er zog seinen Bademantel an und stolperte die Treppe zur Praxis hinunter.
»Hallo?«
Durch die milchigen Glasscheiben des Wartezimmers sah er zwei Schatten, die sich von ihren Stühlen erhoben.
»Gibt es ein Problem, meine Herren?« fragte er unsicher.
»So könnte man es sagen, Dieter. Ich habe höllische Zahnschmerzen.«
Der Kommissar trat hinaus in das Licht.
»Ich hätte es wissen müssen, als Adile von Polizei sprach. Missbrauchst du also immer noch deine Hundemarke, großer Bruder? Jahrelang meldest du dich nicht, kommst zu keiner Familienfeier und stehst dann plötzlich vor mir, wenn du Hilfe brauchst. Du solltest dich wirklich schämen.«
Der Kommissar sah betreten zu Boden.
»Behandelst du mich jetzt oder schickst du mich wieder nach draußen in die Kälte?«
Der Zahnarzt seufzte.
»Zimmer Eins. Adile, könnten sie vielleicht das Licht einschalten? Ich gehe mich eben umziehen. Im Bademantel kann ich nicht behandeln.«
Trotz der Schmerzen grinste Zimmermann vor sich hin und schlenderte zum Behandlungszimmer.
»Ich habe ihn schon immer um den Finger wickeln können. Das war schon immer sein größtes Problem. Er kann mir einfach nichts abschlagen.«
Er setzte sich in den Behandlungsstuhl und wollte gerade an den Knöpfen spielen, um sich ein wenig hoch und runter zu fahren, als sein Bruder herein kam.
»Finger da weg!« rief er laut in den Raum.
»Hat Mutter dir nicht schon damals verboten, ständig an Schaltern und Knöpfen zu spielen?«
Der Kommissar wurde knallrot im Gesicht und sah betreten zur Seite.
»Jaa … äh … also …«
»Leg dich zurück und mach den Mund auf. Ich seh mir mal an, was mir da den Schlaf raubt.«
»Was soll das denn heißen? Ich bin hier der Patient und ich habe die Schmerzen.«
Dieter schüttelte den Kopf.
»Aber mich hast du aus dem Bett geklingelt. Also ist es mein Schlaf, der gestört wurde. Du warst eh wach und hättest auch zum regulären Notdienst gehen können. Und jetzt Ruhe und Mund auf.«
Er nahm einen Mundspiegel vom Tablett und untersuchte jeden Zahn einzeln und klopfte sie vorsichtig ab.
»Au. Verdammt. Kannst du nicht aufpassen?«
»Kann ich denn wissen, dass du so eine Memme bist? Ich dachte, ihr Bullen seit alle richtig harte Kerle. Oder ist dein Kollege Schimanski nur das völlig überdrehte Produkt eines mittelmäßigen Autors ohne echte Kenntnisse?«
Der Kommissar schnaubte verächtlich durch die Nase.
»Gib dir einfach mehr Mühe. Du willst doch bestimmt, dass ich dich an andere Patienten empfehle.«
Er drehte sich zu seinem Assistenten um.
»Schmidt, warten sie bitte im Wartezimmer auf mich. Das hier muss ich allein hinter mich bringen.«

Eine halbe Stunde und einige laute Schreie später stand ein grinsender Kommissar in der Tür des Wartezimmers.
»Wir sind fertig. Alle Zähne wieder in Ordnung. Ich durfte mir sogar noch ein Spielzeug aussuchen, weil ich so artig mitgemacht habe.«
Mit großer Freude hielt er ein kleines Windrad vor den Mund und blies ein paar Mal dagegen.
»Ist das nicht suuuper?«
In diesem Moment kam sein Bruder nach.
»Das sind Nebenwirkungen der örtlichen Betäubung. Irgendwie scheint er das nicht so richtig zu vertragen. Ich musste allerdings auch eine höhere Dosis einspritzen. Die Entzündung war so stark, dass es ewig gedauert hat, bis die Wirkung eintrat. Er sollte also auf keinen Fall selbst hinter dem Steuer sitzen.«
»So ein schönes Windrad. Ja, das bist du. Du bist jetzt mein bester Freund. Ich werde dir zu Hause einen ganz besonderen Platz aussuchen. Dann kaufe ich dir einen kleinen Ventilator, damit du dich immer drehen kannst.«
Der Zahnarzt seufzte.
»So einen Fall hab ich auch noch nicht erlebt. Der ist ja völlig von der Rolle. Wir sollten vielleicht noch nach oben in die Küche gehen und erstmal einen Kaffee trinken. Die Sonne wird bald aufgehen. Schlafen kann ich so oder so nicht mehr.«
»Muss der Kommissar nicht noch ein oder zwei Stunden warten, bevor er wieder was zu sich nehmen darf?« fragte Schmidt unsicher.
»Keine Sorge. Er hat ein paar Kunststofffüllungen bekommen. Die sind ausgehärtet. Und außerdem würde mein Bruder niemals auf einen guten Kaffee verzichten. Egal, wie es ihm geht. Es sei denn, er hat in der Zwischenzeit seine Gewohnheiten komplett verändert.«
»Kaffee? Habe ich das Wort Kaffee gehört? Ist das nicht das schönste Wort der ganzen Welt?«
Sie hakten sich links und rechts unter den Armen des Kommissars ein und gingen langsam den Flur entlang zum Treppenhaus.
»Einen Moment. Ich muss noch das Licht ausschalten.«
Der Zahnarzt öffnete die Tür zum Behandlungszimmer und wollte gerade den Lichtschalter drücken, als ihm der Atem stockte.
»Was zum Teufel …«
Er wankte zurück und musste sich am Türrahmen festhalten, um nicht umzufallen. Inspektor Schmidt ließ seinen Chef los, kam dem Zahnarzt zu Hilfe.
»Das ist eine Leiche. Aber wie?«
Sofort war der Kommissar hellwach.
»Leiche? Wo?«
Er schob die zwei Männer zur Seite und betrat das Sprechzimmer. Im Behandlungsstuhl lag ein Toter.
»Nichts anfassen. Das ist eine Sache für die Spurensicherung. Schmidt, informieren sie die Kollegen. Es gibt Arbeit. Und dann besorgen sie mir einen großen Becher Kaffee. Ich habe einen langen Tag vor mir.«
Er nahm seinen Bruder am Arm und brachte ihn nach oben in die Wohnung.
»Komm, Bruder. Du brauchst jetzt erstmal etwas Ruhe. Trinken wir zusammen einen Kaffee?«

Das schwarze Gebräu tat gut. Langsam fiel die Anspannung vom Zahnarzt ab.
»Ich verstehe noch immer nicht, was da passiert ist.« murmelte er vor sich hin. »Wer macht denn sowas?«
In diesem Moment wurde er wieder bleich im Gesicht.
»Werde ich jetzt verhaftet? Immerhin liegt die Leiche in meiner Praxis. Wird man mich nicht automatisch für den Mörder halten?«
Sein Bruder schüttelte den Kopf.
»Mach dir da mal keine Sorgen. Wir waren die ganze Zeit bei dir. Du hattest gar nicht die Zeit, jemanden umzubringen. Das werde ich auch den Kollegen gegenüber aussagen.«
Kommissar Zimmermann kramte eine Kaffeekapsel aus einer Dose, legte sie in die Maschine und füllte seine Tasse nach.
»Wir werden den Täter schon finden. Ich habe bis jetzt noch jeden überführt.«
Er seufzte.
»Eigentlich muss ich mich in dieser Sache zurückhalten. Du bist mein Bruder und ein gewiefter Anwalt wird mir vor Gericht Befangenheit vorwerfen. Ich kann also nur inoffiziell an diesem Fall arbeiten. Aber ich unterstütze meine Leute, wo ich nur kann. Ich darf nur nicht offiziell in Erscheinung treten.«
Die Augen des Doktors erhellten sich.
»Das könnte ich doch für dich machen. Ich mag es nicht, untätig rumzusitzen, während alle anderen die Arbeit machen. Das nervt meine Mädels in der Praxis auch immer. Sobald ich zeitliche Freiräume habe, fummel ich ihnen ungefragt in ihren Arbeiten rum.«
»Du bist aber kein Kriminalbeamter.«
»Na und? Der Täter will mich zum Sündenbock machen. Also kann ich zumindest meine Augen aufhalten und alles melden, was mir auffällt. Daran ist doch nicht auszusetzen, oder?«
Der Kommissar seufzte. Dieter war schon als Kind von seinen fixen Ideen nicht abzubringen gewesen. Er brauchte also auch dieses Mal gar nicht erst die Mühe geben.
»Aber bring nichts durcheinander und fall niemandem auf die Nerven.«

Am nächsten Morgen hing ein Schild an der Eingangstür: ›Die Praxis bleibt bis zum Ende aus familiären Gründen geschlossen. Wir bitten um ihr Verständnis.‹
Darunter standen die Telefonnummern und Adressen der Vertretungszahnärzte.
Im Innern war es allerdings alles andere als ruhig. Doktor Zimmermann stand mit seiner Haushälterin im Flur und besprach, wie sie nun vorgehen sollten.
»Die Polizei hat mir heute einen Tatortreiniger empfohlen. Der würde alle Spuren beseitigen. Blut, Körperflüssigkeiten, Dreck und alles andere. Ich habe aber abgelehnt. Wir können das auch alleine.«
Adile nickte und wollte bereits ihren Putzwagen aus der Abstellkammer holen.
»Das soll jetzt aber nicht bedeuten, dass sie hier sofort loslegen sollen. Zuerst machen wir uns selbst noch einmal an die Spurensuche. Vielleicht hat man ja das ein oder andere übersehen. Ich will, dass man den Täter so schnell es geht fasst. Und dabei werde ich tatkräftig helfen.«
»Was wir nun machen?«
Der Doktor reichte Adile ein Paar Latexhandschuhe.
»Anziehen. Wir wollen doch keine Fingerabdrücke hinterlassen oder Spuren verunreinigen. Haben sie noch nie CSI gesehen? Das wird alles gründlichst im Labor unter die Lupe genommen. Wenn dann unsere DNS in der Probe auftaucht, ist sie unbrauchbar. Sie sollten wirklich mehr fernsehen. Das bildet.«
Adile nickt einfrig, während sie sich mit dem Doktor langsam auf den Boden setzte und jeden Quadratzentimeter um sich herum absuchte.
»Oh man. Hier unter den Schrankkanten müsste auch mal wieder geputzt werden. Grauenhaft, was sich hier alles ansammelt.« stöhnte der Doktor. »Von oben sieht man das gar nicht. Ich will gar nicht wissen, wie es an der Dichtung des Behandlungsstuhls aussieht. Da kommt man ja so nicht dran.«
Er kroch ziellos hin und her, suchte mal in der einen, mal in der anderen Ecke. Seine Haushälterin hatte dagegen schon wesentlich mehr System. Sie kroch langsam vorwärts und versuchte, keine einzige Stelle auszulassen, bis sie den ganzen Fußboden untersucht hatte.
»Nur Blut und Dreck von Schuhe.« schüttelte sie resignierend den Kopf. »Hier keine Spuren von Mörder.«
»Nicht so schnell.« Der Doktor reichte Adile ein paar Wattestäbchen.
»Nehmen von beidem Proben und stecken sie sie dann in diese Röhrchen. Ich habe einen Freund, der in einem Labor arbeitet. Vielleicht kann er uns eine Analyse machen. Ich habe noch einen Gefallen bei ihm gut. Mehr werden wir eh nicht machen können. Der Täter scheint keine einzige Spur hinterlassen zu haben.«
Adile tat, wie es ihr aufgetragen wurde. Dann stand sie auf und legte die Proben auf das Bestecktray.
»Was das?« Sie beugte sich vorsichtig über den mit Blut verschmierten Behandlungsstuhl und ging mit einer Pinzette an den Abfluss des Spukbeckens.
»Neue Spur für Polizistenmänner?«
Der Doktor wurde neugierig. Er holte seine Lupenbrille aus einer Schublade, setzte sie sich auf die Nase und nahm das neue Beweisstück in Augenschein.
»Sieht aus wie eine Stofffaser. Vielleicht von einem Hemd, Pullover oder einer Jacke. Wird der Täter bestimmt getragen haben. Aber ich glaube trotzdem nicht, dass uns das irgendwie weiter bringen wird. Heute kommen fast alle Klamotten aus Fabriken in Fernost. Alles die gleichen Materialien. Dieses grüne Kleidungsstück könnte praktisch jeder getragen haben.«
Er seufzte.
»Wir sollte aufgeben. Ich bin wohl doch nicht zum Detektiv geboren.«
»Und wenn kein Stofffaser sein?« warf Adile ein. »Vielleicht ein wenig in Flur spazieren und denken. Vielleicht dann neues Einfall.« schlug sie vor.
Der Doktor nickte. Er nahm die Pinzette zur Hand und verließ den Behandlungsraum. Seine Augen waren starr auf die Faser gerichtet. Angestrengt dachte er nach, kam aber nicht einen Schritt weiter.
»Das macht doch alles keinen Sinn.«
Er legte die Pinzette auf die Rezeptionstheke und sah sich gequält um. Auch hier würde ihn nichts zu einem Geistesblitz inspirieren. Egal, in welche Richtung er sah, entdeckte er Dinge, die er seit Jahren kannte. Das Wartezimmer, die Kandinsky Kunstdrucke. Dazwischen sein Portrait, welches er vor ein paar Monaten selbst gemalt, aber jedem erzählte, dass es von einem Kind in der Familie gemalt worden sei, weil es auch genau so aussah. Auf der anderen Seite die Garderobe, der Wandspiegel, der Bilderrahmen mit den Mitarbeiterfotos. Ein Schirmständer, die Karteikartenschränke.
»Ich sollte das Feld für meinen Bruder räumen. Der ist einfach der bessere Mann für diese Sache.«
Für ein paar Sekunden schloss er verzweifelt die Augen. Doch dann war da plötzlich ein Gedanke.
»Moment mal.« Der Doktor sah sich ein weiteres Mal um und entdeckte das kleine Detail, den Fingerzeig, der ihm bisher gefehlt hatte.
»Adile. Ich habe den Fall gelöst. Ich weiß, wer der Mörder ist. Unser Beweisstück wird ihn überführen.«
»Endlich.« seufzte Adile erleichtert.

Es hatte nicht lange gedauert, bis die Kriminalpolizei und auch Kommissar Zimmermann mit seinem Assistenten Schmidt erneut in der Praxis gestanden hatten. Der Doktor hatte ihnen die Beweise gezeigt und davon überzeugen können, den Täter und zumindest ein Teilmotiv bereits zu kennen.
Mittlerweile standen sie gemeinsam ein paar Straßen entfernt vor einer Haustür. Der Doktor legte seinen Finger auf die Klingel, zögerte aber noch.
»Können wir das denn so einfach machen? Braucht es dafür keinen Durchsuchungsbefehl vom Gericht?«
Der Kommissar grinste breit. »Das lass mal meine Sorge sein. Du hast gesagt, deine Beweise wären absolut wasserfest. Da wir einen Mörder suchen, besteht hier das Risiko einer Flucht und der Vernichtung von Beweismaterial. Es ist also ist Gefahr im Vollzug. In diesem Fall dürfen wir ohne Durchsuchungsbefehl in das Haus. Sollten wir dann weitere Beweise finden, haben wir das Recht auf unserer Seite. Paragraph 102 ff. StPO. Lies es mal bei Gelegenheit nach.«
Zimmermann schob seinen Bruder zur Seite. »Du bleibst bitte im Hintergrund. Wir wollen nicht noch einen Toten betrauern müssen.«
Er klingelte und wartete. Die Tür blieb allerdings verschlossen.
»Aufbrechen!« wies er zwei Polizisten an.
Die beiden Beamten gingen zurück zum Wagen, um geeignetes Werkzeug zu besorgen. Der Doktor zog sich auf den Gehweg zurück, damit er niemandem im Weg stehen konnte, als er etwas im Augenwinkel entdeckte.
An der anderen Hausseite hatte jemand ein Fenster geöffnet und war dabei auszusteigen.
»Verdammt. Er hatte Recht mit dem Fluchtversuch.«
Sofort setzte er sich in Bewegung, sprang über den niedrigen Jägerzaun und warf sich auf die vermummte und dunkel gekleidete Personen.
»Hier geblieben.« rief er laut. »Sie sind festgenommen.«
Er drückte die Person fest ins Gras des Vorgartens und rief dann nach den Polizisten.
»Ich kann es gar nicht glauben. Ich habe den Fall tatsächlich gelöst und jemanden festgenommen.« grinste er über das ganze Gesicht.
»Wen haben wir denn da?« fragte der Kommissar und zog die Person aus dem Gras. Er schob die Kapuze vom Kopf unter der eine grüne Strubbelfrisur zum Vorschein kam.
»Ha! Ich wusste es doch. Ich hab es die ganze Zeit über gewusst.«
Der Doktor bekam einen grimmigen Blick von seiner, vor kurzem gekündigten Assistentin.
»Das ist Melanie Richards. Ich habe sie letzte Woche fristlos kündigen müssen. Sie wollte während der Behandlung einen neuen Patienten verprügeln.«
Er stockte.
»Da fällt mir ein. Dieser Patient ist der Tote aus meiner Praxis.«
»Und mein Ex, dieser dreckige Mistkerl.« mischte sich Die Mörderin ein.
»Er hat den Tod mehr als verdient und die Prügel auch. Er hat einer anderen auf den Arsch geguckt. So was lass ich mir doch nicht bieten.«
»Und dann den Verdacht auf dem ehemaligen Arbeitgeber schieben. Ziemlich clever. Fragt sich nur, wie sie in die Praxis gekommen ist.« wunderte sich der Kommissar.
»Ich hatte vergessen, ihr die Schlüssel abzunehmen.« musste sich nun der Doktor eingestehen.
»Abführen!« befahl Zimmermann und nahm seinen Bruder in den Arm.
»Hast du fein gemacht Brüderchen. Und jetzt gehen wir zusammen einen großen, schwarzen Kaffee trinken.«

(c) 2014, Marco Wittler

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