Doktor Zimmermann ermittelt (2) – Toter Fisch [Regional-Krimi]

Posted by Marco on 3. Juli 2014as , , , , , , , , , , , , ,

Toter Fisch

Doktor Zimmermann kam aus dem Behandlungszimmer. Seine Assistentin Katharina brachte den Patienten, der das Gesicht vor Schmerzen verzog, zur Rezeption, um ihn zu verabschieden.
»Und denken sie bitte daran, dass sie in der nächsten Stunde nichts essen und trinken dürfen.«
Er nickte und hielt sich mit einer großen Hand die linke Wange.
»Bekomme ich wenigstens einen gelben Schein für meinen Arbeitgeber?
Katharina lachte. »Herr Stein. Sie sind doch ein großer und starker Mann. Sie sind bestimmt noch fit genug, zur Arbeit zu gehen. So schlimm war die Behandlung doch gar nicht.«
Herr Stein seufzte und verabschiedete sich.
»Und vergessen sie nicht wieder den Kontrolltermin.« rief der Doktor seinem Patienten noch hinterher. »Sie wissen ja, dass ich sehr viel Wert auf korrekte Arbeiten lege.«
Dann wandte er sich zu seiner Assistentin.
»Wenn mich jemand sucht, ich bin im Garten. Ich brauche etwas frische Luft. Der Vormittag war bis jetzt ziemlich anstrengend.«
Er öffnete die Glastür, trat ins Freie und atmete ein paar Mal mit geschlossenen Augen tief durch.
»Endlich ein paar Minuten Ruhe. Es war schon die richtige Entscheidung, auf Platte Heide die Praxis zu eröffnen. Hier ist es schön ruhig und entspannend. Die Großstädte mit ihrer Hektik, mit dem unpersönlichen Leben und ihren Verbrechen sind weit weg. Nicht auszudenken, was einem dort alles auf der Straße am hellichten Tag passieren kann.«
Der Doktor drehte sich um und warf einen Blick durch ein Fenster in sein Labor. Dort stand seine Haushälterin Alide neben dem Techniker und wischte über die Arbeitsflächen.
»Hallo wach.« grinste der Doktor und klopfte laut gegen das Glas.
Der Techniker und Alide zuckten zusammen. Als sie ihren Chef entdeckten, grinsten sie nach draußen.
»Funktioniert jedes Mal.«
Der Doktor winkte Alide nach draußen. Er genoss es, mit ihr zusammen durch das Grün zu spazieren. Er fand immer eine kleine Aufgabe für sie.
»Ist ein schönes Wetter, meinen sie nicht auch, Adile?« Er machte eine kurze, in der sie nicht antwortete, da sie bereits wusste, was nun folgen würde.
»Der Lavendel müsste mal wieder geschnitten werden. Der sieht ganz schön wild aus. Haben wir eigentlich schon einen neuen Kompostierer bekommen? Den hatten sie doch schon bestellt?«
Er warf einen Blick in den Gartenteich. »Und das Schilf wuchert auch schon wieder ganz schön. Da müsste mal jemand reinsteigen und ihn …«
Der Doktor stockte.
»Was ist das?« fragte er mit zittriger Stimme. »Schwimmt da eine Leiche im Wasser?«
Vorsichtig trat er näher heran.
»Adile, ist das wirklich eine Leiche? Sie wissen doch, dass ich Leichen nicht ausstehen kann. Die erinnern mich immer an den Tod.«
Er nahm sich einen Stock zur Hand und stocherte unter den Schilfblättern herum, bis tatsächlich ein toter Fisch zum Vorschein kam.
»Machen sie das bitte weg. Mir ist schon ganz schlecht.«
Adile lief sofort zum Gartenpavillon und holte ein Netz, mit dem sie den Fisch aus dem Wasser bergen konnte.
»Fisch hat Loch in Seite.« sagte sie.
»Ein Loch?« Der Doktor sah zum Himmel hinauf.
»Dieser verdammte Reiher. Irgendwann erwische ich ihn noch. Wozu hab ich denn letzte Woche extra eine Vogelscheuche gekauft? Nutzloses Ding.« Er versetzte seinem Fehlkauf einen kräftigen Tritt und brachte ihn dadurch zum Umfallen. »Und schlechte Qualität ist es auch noch. Bleibt nicht mal stehen.«
»Nix Vogel. Vogel unschuldig.«
»Woher wollen sie das wissen, Adile? Das verfluchte Vieh hat schon mehrere Fische auf dem Gewissen. Wissen sie eigentlich wie viel Geld ich in diesen Räuber bis heute investiert habe? Das werden sie mir niemals glauben.«
»Vogel unschuldig. In Fischloch steckt noch Pfeil.«
Der Doktor stutzte und hielt vor Überraschung den Atem an. »Ein Pfeil? Aber wie kann das sein? Zeigen sie mal her.«
Es stimmte. Der Fisch war von einer Flanke zur anderen durchbohrt worden. Das lange, hölzerne Mordinstrument steckte noch in ihm. Es sah fast so aus, wie dieser Scherzartikelpfeil, den man sich auf den Kopf setzen konnte.
»Aber wer schießt denn mit Pfeilen auf meine Fische? Warum macht jemand so etwas? Das ist grausam. Wäre es ein lauter Kläffer gewesen, könnte ich das noch nachvollziehen, aber Fische tun niemandem etwas.«
Er seufzte. »Ich wüsste zu gern, wer das gewesen ist, aber an dem Fisch können wir nicht mal mehr die Richtung feststellen, aus der der Pfeil gekommen ist. Hoffentlich streunt hier kein Verrückte rum, der es auf meine Fische abgesehen hat.«
Der Doktor wollte schon resignierend in die Praxis zurückkehren, als ihn Adile am Hemdsärmel festhielt.
»Wir kennen Richtung. Pfeil zeigen Richtung.«
»Ach, Adile. Der Fisch trieb an der Wasseroberfläche. Da könnte nicht mal mehr ein Hellseher helfen.«
»Nix Fischpfeil. Andere Pfeile besser.«
Der Doktor sah sich verwirrt um. »Was für andere Pfeile? Sind hier etwa noch mehr?«
Sie wies mit dem Finger in das Schilfgestrüpp. Dort steckten noch zwei weitere Fischmörder im Humus.
»Das glaube ich nicht. Das wird ja immer gruseliger. Einen Pfeil hätte ich für das Versehen eines Sportschützen gehalten. Aber das hier hat System. Jemand hat bewusst meinen Fisch getötet.«
Adile schüttelte den Kopf. »Fisch nur falsche Zeit, falsche Ort und falsche Opfer. Täter hat anderes geplant.«
»Aber auf wen sollte er denn sonst abgesehen haben? Nachbars Katze? Oder vielleicht den Reiher?«
Nein. Es ging nicht um ein Tier, wie Adile bereits entdeckt hatte. Langsam schritt sie auf einen großen Rhododendron zu, unter dessen Blättern ein Paar Schuhe hervor sah.
»Eine Leiche? Ist das eine Leiche? Noch eine? Ist denn ein toter Fisch nicht schon genug?«
Der Doktor begann zu schwitzen.
»Ich geh da nicht hin. Auf keinen Fall. Ich will das nicht sehen.«
Aber Adile nahm ihn am Arm und zog ihn hinter sich her.
»Müssen schauen, wer das sein.«
Doktor Zimmermann schüttelte den Kopf. »Sind sie verrückt? Das ist ein Tatort, wir würden die Spuren kontaminieren oder zerstören. Wir sollten die Polizei rufen. Mein Bruder kann uns sicherlich besser helfen.«
Adile holte zwei Paar Latexhandschuhe aus ihrer Schürze. Eines davon drückte sie ihrem Chef in die Hand.
Vorsichtig hoben sie die Äste an und warfen einen Blick unter den Busch.
»Du meine Güte. Das ist Helmut. Und ein Pfeil steckt in seiner Brust. Er ist tot.«
Der Doktor schwieg. Er schien zu überlegen, ob er als nächstes in Ohnmacht fallen oder sich darüber aufregen sollte, dass sein nicht auf dessen eigenem Grundstück verstorben war.
»Aber was macht er denn hier? Er ist doch nicht mal auf ein Bierchen rüber gekommen, wenn ich mal gefragt habe. Warum kommt er dann ausgerechnet zum Sterben?«
»Nachbar Angst? Vor Täter weggelaufen?« warf Adile ein. »Hat Mörder gesehen und ist über Zaun gehüpft. Wollte sich retten.«
»Hm, ja. So wird es wohl gewesen sein. Aber wir sollten jetzt wirklich die Polizei rufen. Wir bekommen sonst Ärger.

Eine halbe Stunde später befand sich kein einziger Patient mehr in der Praxis. Dafür wimmelte es vor Polizisten. Und mitten unter ihnen rief ein Mann in einem schäbigen Trenchcoat nach seinem Assistenten, der noch immer nicht mit einem Becher Kaffee vom nahen Bäcker zurück gekehrt war.
»Das ist mein Bruder.« murmelte Doktor Zimmermann schmunzelnd. »Wie er leibt und lebt. Ohne seinen Kaffee funktioniert der Mann einfach nicht.«
In diesem Moment kam Inspektor Schmidt um die Hausecke gebogen. In seinen Händen hielt er zwei Becher. Einer war für Kommissar Zimmermann. Der zweite ebenso, falls dem ersten auf dem Weg zum Tatort etwas Unvorhergesehenes passieren sollte.
»Tut mir leid, Chef. Vor mir stand eine ältere Dame, sie sich für ihren Frühstückstreff zwanzig Brötchen hat belegen lassen. Sie war leider ein paar Sekunden vor mir im Laden.« entschuldigte er sich.
»Hat ihnen eigentlich noch niemand beigebracht, wie man mit solchen Leuten umgeht? Wofür haben sie eigentlich ihre Hundemarke mit dem Sheriffstern, wenn sie sie nie nutzen? Da geht man rein, hält sie den Leuten unter die Nase und geht ohne anzuhalten direkt zur Theke. Man, Schmidt, sie haben echt noch eine Menge zu lernen, wenn sie irgendwann mal Kommissar werden wollen.«
Der Inspektor entschuldigte sich nuschelnd, übergab Becher Nummer Eins und hielt sich dann wieder im Hintergrund auf.
Die Polizeibeamten schüffelten in allen Ecken nach Spuren, während sich der Kommissar den Kaffee in den Hals kippte und sich lediglich umsah, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Er war dafür bekannt, Fälle durch seine genaue Beobachtungsgabe schnell und unkompliziert zu lösen. In der Regel fielen ihm Dinge und Kleinigkeiten auf, die seine Kollegen oft übersahen. Doch dieses Mal schien auf er nicht weiter zu kommen.
»Könnt ihr mir nicht endlich mal jemanden besorgen, der mir sagen kann, wo genau der Pfeil abgeschossen wurde? Ich bin doch kein Statiker. Schmidt, kümmern sie sich darum, aber pronto.«
»Mathematiker, Chef.« entgegnete der Inspektor.
»Wollen sie mich verarschen? Mann. Sehen sie zu, dass sie mir so einen Vogel an den Tatort holen. Wenn es sein muss, holen sie einen Lehrer aus irgendeiner Schule. Und der soll sein Geodreieck mitbringen oder was auch immer er zum Berechnen der Flugbahn braucht.«
Der Kommissar trank einen großen Schluck Kaffee. »Bin ich hier eigentlich nur von Idioten umgeben? Alles muss man selber machen.«
Jemand zupfte an seinem Ärmel. »Sie nix brauchen Lehrer. Adile schon fertig.«
Die Haushälterin hielt ihm einen Zettel unter die Nase, auf dem einige Linien gezeichnet und etliche Zahlen geschrieben waren.
»Pfeil von da geflogen.« erklärte sie.
Kommissar Zimmermann seufzte. »Hey Bruder.« rief er dem Zahnarzt zu. »Kannst du deiner Haushälterin nicht sagen, dass sie unsere Ermittlungen stört? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie wirklich Ahnung hat, wie man eine Flugbahn berechnet. Sie darf ja gern hier bleiben und zuschauen. Aber sie soll uns nicht von der Arbeit ablenken.«
Adile verdrehte die Augen. Gern hätte sie von ihren Abendkursen an der Volkshochschule erzählt. Aber sie befürchtete, dass man ihr trotzdem nicht glauben würde, dass sie neben ihrer Arbeit Mathematik studierte. Für die anderen war sie einfach nur die türkische Putzfrau. Dass in ihr mehr steckte, war nur sehr schwer zu erklären.
Frustriert ließ sie den Zettel zu Boden fallen und ging zu ihrem Chef.
»Polizisten keine Ahnung. Werden den Fall nicht lösen. Adile weiß besser.«
»Die Männer machen auch nur ihre Arbeit. Und sie werden den Mörder bestimmt finden. Schließlich haben sie jahrelange Erfahrung. Mein Bruder hat bisher jeden Fall gelöst.« versuchte der Doktor seine Haushälterin zu beruhigen.
»Wir bestimmt schneller.«
Adile nahm ihn an der Hand und zog ihn hinter sich her.
»Wir jetzt lösen Fall.«
Gemeinsam verließen sie den Garten und liefen die Straße entlang.
»Nachbar hat Nachbar getötet.« erklärte sie.
Aber statt das Nebenhaus, in dem das Opfer gelebt hatte, gingen sie noch ein Grundstück weiter.
»Hier wohnt doch Frau Böhmer. Warum sollte sie was mit dem Mord zu tun haben? Sie verstand sich doch mit Helmut immer gut.«
»Sie nicht gut genug auf Leiche geschaut.« erklärte Adile, ohne langsamer zu werden.
»Nachbar hat Ehering nicht getragen. Da war weiße Hautring an gebräunte Finger.«
Der Doktor stutzte. »Wie? Helmut mit der Böhmer? Gut, er hat sich mit seiner Frau irgendwie auseinander gelebt. Sie lebt ja nur noch für ihre Bauchtanzgruppe. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er was mit der Böhmer angefangen haben soll.«
Adile klingelte. Es dauerte einen Moment, bis die Tür geöffnet wurde.
»Hallo, Doktor Zimmermann.« begrüßte Frau Böhmer den Zahnarzt.
»Hab ich meinen Kontrolltermin vergessen? Kommen sie deswegen mittlerweile schon persönlich vorbei?« Aus ihrem Mund kam ein gekünsteltes Lachen.
»Aber warum haben sie dann ihre Haushälterin mitgebracht?«
Die Antwort bekam sie sofort, als Adile ihr einen Pfeil unter die Nase hielt.
Frau Böhmer wurde rot im Gesicht und hielt für einen Moment den Atem an.
Dann drehte sie sich auf dem Absatz um und stürmte in den Keller.
»Sie versucht durch den Garten zu entkommen.« rief der Doktor. »Wir müssen uns beeilen.«
Sie stürmten den Nachbarin nach. Im Flur sah Doktor Zimmermann mehrere kleine Armbrüste an den Wänden hängen.
»Die Frau ist doch verrückt. Sie hat Helmut tatsächlich erschossen.«
Er legte noch einen Schritt zu und bekam die Mörderin, kurz bevor sie durch die Kellertür in den Garten fliehen konnte, an den langen, wehenden Haaren zu fassen.
»Au!« schrie sie und blieb stehen. »Lassen sie mich gefälligst los.«
»Kommt gar nicht in die Tüte. Sie haben Helmut getötet. Dafür werden sie ihre gerechte Strafe bekommen.«
»Ich haben ihm nur gegeben, was er verdient hat. Der Mistkerl hat mir monatelang versprochen, seine Frau zu verlassen, aber am Ende hat er mir dann doch einen Korb gegeben. Der Tod war noch zu gut für den Mistkerl.«
Adile holte eine Rolle Klebeband aus ihrer Schürze. Sie zog die Hände der Täterin auf den Rücken und verklebte sie fachmännisch. Dann brachten sie sie in die Praxis und überraschten die anwesenden Polizisten und den den erstaunten Kommissar mit dieser schnellen Lösung des Falls.

(c) 2014, Marco Wittler

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