Zimmermann ermittelt (9) – Deutschland-Argentinien [Regional-Krimi]

Posted by Marco on 20. Juli 2014as , , , , , , , , , , , , , ,

Zimmermann ermittelt – Deutschland – Argentinien

Vor vier Jahren arbeitete Kommissar Zimmerman noch in Dortmund. Jetzt, kurz vor der anstehenden Fußballweltmeisterschaft, erinnerte er sich an einen ganz besonderen Fall:

Kommissar Zimmermann blickte auf die Uhr. Zweieinhalb Stunden bis zum Feierabend. So lange würde er noch brauchen, um den aktuellen Fall abzuschließen. Nur noch dreißig Minuten bis zum Anpfiff. Man konnte den Kollegen im Revier ansehen, dass sie immer nervöser wurden.
»Da haben sie einen tollen Fang gemacht, Kommissar.« lobte Wachtmeister Krause.
Zimmermann sah genervt hoch. Sechs Monate war er dieses Mal hinter Charlie her gewesen. Wieder waren unzählige Taschendiebstähle begangen worden.
»War auch langsam Zeit. Dem Mistkerl war schwer was nachzuweisen.« erklärte er.
»Nur musste er mir ausgerechnet heute ins Netz gehen? Jetzt muss ich ihn vernehmen und den verdammten Papierkram erledigen. Dabei könnte ich schon beim Public Viewing sein.«
Wehmütig schielte er auf sein Eintrittsticket.
Sie könnten mich natürlich laufen lassen.« schlug Charlie vor.
»Ich wollte mir ebenfalls das Spiel anschauen. Also treffen wir uns ein anderes Mal wieder?«
Der Taschendieb setzte zu einem Grinsen an, das sofort verstarb, als er den Blick des Kriminalbeamten sah.
»War doch nur ein Vorschlag. Das dürfen sie nicht so eng sehen.«
Zimmermann schlug donnernd mit der geballten Faust auf den Tisch.
»Jetzt reicht es aber. Schluss mit den Albernheiten.« brüllte er.
»Gleich spielt Deutschland gegen Argentinien. Wahrscheinlich die letzte Begegnung für unsere Jungs. Und ich kann nicht dabei sein. Jetzt kann ich die Partie nur mit halbem Auge auf diesem Briefmarkenschirm verfolgen. Zusätzlich ist die dämliche Kaffeemaschine kaputt. Eine Katastrophe ist das. Also halt endlich die Klappe.
Der Frust steckte tief.
Der Kommissar nahm einen großen Schluck Tee aus seiner Tasse, schüttelte sich angewidert und hackte wieder ein Wort nach dem anderen in seine Schreibmaschine.
»Und ich will endlich den Computer haben, der mir schon seit zwei Jahren versprochen wird, verdammt nochmal.«
In diesem Moment blitzte es draußen vom Himmel herab. Das angekündigte Gewitter hatte das Ruhrgebiet erreicht. Nur einen Augenblick später folgte ein lautes Donnern.
»Der ist bestimmt irgendwo eingeschla…«
Wie Recht Krause damit haben sollte. Noch bevor er seinen Satz beenden konnte, wurde es im Revier dunkel.
»Stromausfall.« kommentierte der Wachtmeister trocken.
Zimmermann riss entsetzt die Augen auf. Sein Blick wanderte immer wieder zwischen Charlie und dem Fernseher hin und her.
»Verdammte Scheiße. Das Spiel. Wäre ich König, würde ich mein Reich gegen das Spiel eintauschen.«
Er stand auf und klopfte mehrfach vor die Bildröhre.
»Du bleibst hier.« befahl er dem Taschendieb.
Dann rannte er in den Keller, nur um eine Minute später keuchend zurück zu sein.
»Wo ist das Notstromaggregat?« brüllte er.
»Ist in der Reparatur. Meier hatte doch letzte Woche seinen Kaffee drüber geschüttet, als er die Akten sortiert hat.« antwortete Krause mit einem viel zu fröhlichen Unterton in der Stimme.
»Haltet mich fest, bevor ich zum Mörder werde und mich selbst festnehmen muss.«
Vor Wut schnaubend betrat der Kommissar wieder sein Büro und ließ sich in den schwarzen Ledersessel fallen. Dann kramte er in seinen Schubladen und suchte nach einem Radio, obwohl er genau wusste, dass er keines besaß.
»Bei meinem Glück finde ich eins und es hat keine Batterien mehr.«
Er wandte sich wieder dem Straftäter zu.
»Charlie?«
Der Taschendieb war verschwunden.
»Das darf doch wohl nicht wahr sein. Wo ist Charlie?«
Doch niemand hatte ihn gehen sehen. Alle Polizeibeamten waren damit beschäftigt gewesen, einen Ersatz für den Fernseher zu finden.
Krause legte die Stirn in Falten und klopfte dem Kommissar bedauernd auf die Schulter.
»Sechs Monate Fahndungsarbeit für die Katz. Aber sie bekommen bestimmt bald eine neue Chance.«
Schneider schob den Wachtmeister unsanft zur Seite.
»Nichts da. Nicht mit mir. Ohne Strom ist eh alles gelaufen.«
In zwanzig Minuten würde die Begegnung angepfiffen werden. Doch nun war auch die letzte Hoffnung auf Spielgenuss vorbei.
»Den Mistkerl schnappe ich mir. Ich weiß genau, wo ich ihn finde.«
Der Kommissar warf seine Hauspuschen zur Seite, und schlüpfte in die Dienstschuhe. Er packte Waffe und Dienstmarke ein, setzte sich in seinen Wagen und fuhr los, als ihm ein unangenehmer Geruch in die Nase stieg.
»Verdammte Hundehaufen.«
Er hatte große Teile einer Tretmine bereits in die Fußmatten einmassiert, als er im Augenwinkel eine alte Frau sah, die um Hilfe rief, weil ihr jemand das Auto gestohlen hatte. Zimmermann war davon so sehr abgelenkt, dass er beinahe einen Fahrradfahrer auf dem Zebrastreifen überfahren hätte.
»Hoffentlich hat der nicht mein Kennzeichen gesehen.«
Der Verkehr in der Stadt war die Hölle. Immer wieder musste Zimmermann stehen bleiben, weil es sich an den Knotenpunkten staute. Rote Ampeln hielten ihn zusätzlich auf.
Im Radio waren gerade die Nationalhymnen zu hören.
»Prima. In fünf Minuten geht’s los und ich seh nichts.«
Er hätte nur zu gern ins Steuer gebissen, aber was brachte das schon außer einen Besuch beim Zahnarzt?
Der Schiedsrichter gab den Ball frei. Die Vuvuzelas dröhnten durch das Stadion.
»Zumindest muss ich nicht mit ansehen, wie Maradonas Jungs unsere Mannschaft auseinander nehmen.«
Doch schon nach drei Minuten sollte es die erste Überraschung geben, als sich die Stimme des Kommentators überschlug.
»Da ist das eins zu null. Da ist das eins zu null für Deuschland. Und es ist wieder Müller. Ich fasse es nicht.«
Zimmermann schlug jubelnd mit der Hand auf das Armaturenbrett. Argentinien war zu Beginn der Partie eiskalt erwischt worden.
»Ich will das Spiel sehen. Das ist doch zum heulen.«
Die Partie ging weiter. Der Kommissar kam seinem Ziel nur langsam näher.
»Lasst mich endlich durch. Ich bin im Dienst.«
Die erste Halbzeit ging zu Ende. Die fünfzehn Minuten Pause brachen an und vergingen wie im Fluge.
Die Mannschaft aus Argentinien machte Druck.
»Das schaffen die nie. Das gibt jetzt Gegentore ohne Ende.«
Zimmermann fuhr sich nervös mit der Hand durchs graue Haar, als es den Kommentator erneut nicht mehr auf dem Stuhl hielt und seine Stimme mit jedem Wort lauter wurde.
»Müller! Im Liegen holt er sich den Ball. Kein Abseits. Podolski! Klose! Klose! Er ist drin! Er ist drin! Zwei null für Deutschland.«
Der Komissar jubelte, auch wenn ihm elend im Magen wurde. Warum konnte er sich das nicht mit ansehen? Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass achtundsechzig Spielminuten vergangen waren.
Nun bog er auf den Parkplatz des Westfalenstadions ein. Er ließ den Wagen in der Nähe des Eingangs stehen und legte sein Polizeisiegel unter die Windschutzscheibe. Dann eilte er in das Stadion.
»Ich weiß ganz genau, wo du bist.«
Zielstrebig lief er durch die Gänge, fand den richtigen Block und eilte die Stufen hinauf.
Die Arena war gut gefüllt. Überall saßen Fans und starrten gebannt auf die riesigen Videoleinwände. Doch für das Geschehen auf dem südafrikanischen Rasen hatte Zimmermann nun keine Augen. Er suchte nach Charlie, der auf seinem angestammten Platz sitzen würde.
Und da war er tatsächlich. Gebannt und unbekümmert sah er sich das Spiel an. Nur ein kurzer Blick zur Seite zeigte ihm, wer da auf ihn zu kam.
»Los, setzen sie sich Kommissar. Ich hab ihnen einen Platz frei gehalten.« rief er laut.
Zimmermann wollte es nicht für möglich halten. Er war so überrascht, dass er sich tatsächlich setzte.
»Das nächste Mal stelle ich eine Bärenfalle vor meiner Bürotür auf.«
Der Taschendieb achtete nicht darauf.
»Ein Bier?«
Charlie wartete keine Antwort ab und drückte dem Kommissar einen großen Becher in die Hand.
Und dann waren sie beide vom Spiel auf den Leinwänden gefesselt. Die vierundsiebzigste Minute war gerade angebrochen.
»Schweinsteiger! Schweinsteiger! Immer noch Schweinsteiger. Pass zurück. Tooor! Wer war das? Arne Friedrich. Ich fasse es nicht. Das erste Länderspieltor.«
Charlie und Zimmermann fielen sich jubelnd in die Arme. So etwas hatten sie noch nie gesehen. Noch nie war ein Spiel gegen Argentinien so hoch ausgefallen.
»Das war es dann wohl. Jetzt schalten sie zurück und fahren das Ergebnis nach Hause.« war der Kommissar überzeugt.
Charlie winkte ab. Er war anderer Meinung.
»Unsere Jungs sind heiß auf Siege und Tore. Die machen weiter.«
Die Stimmung im Stadion brodelte. Die Zuschauer hielt es nun nicht mehr auf den Sitzen. Es waren nur noch zwei Minuten bis zum Abpfiff.
»Klose ist rechts völlig frei. Özil. Da ist Klose. Da ist Klose. Vier zu Null! Vier zu null gegen Argentinien! Und jetzt kommt sein Salto.«
Großer Jubel im Westfalenstadion. Zimmermann verschüttete vor Freude sein Bier und aus allen Richtungen regnete es Popcorn.
Das Spiel ging zu Ende.
»Und nun?«, fragte der Kommissar.
Charlie zuckte mit den Schultern und grinste.
»Jetzt begleite ich sie zum Revier zurück. Ich bin nur aus einem Grund hierher. Sie sollten ihr Spiel sehen können.«
Zimmermann war erstaunt. Mit allem hatte er gerechnet, nur damit nicht.
»Dann wollen wir mal.«
Sie kämpften sich durch die Menschenmassen zum Ausgang. Doch bevor sie die Arena verließen, blieb der Kommissar noch einmal stehen.
»Ich muss nochmal zur Toilette. Warte hier auf mich.«
Er zwinkerte dem Taschendieb zu und verschwand, ohne ihn mit Handschellen an einem Geländer zu fesseln.
»Solltest du gleich nicht mehr da sein …« war noch einmal seine Stimme durch die verschlossene Tür zu hören.

Eine Stunde später betrat Kommissar Zimmermann mit hängenden Schultern das Revier.
»Tut mir leid, Leute. Ich hab Charlie nicht gefunden. Hatte wohl doch den falschen Riecher.«
Wachtmeister Krause musste grinsen.
»So ein Zufall. Charlie ist nämlich vor fünf Minuten freiwillig hier rein und hat sich gestellt. Er war sich sicher, sie würden ihn stellen. Die Angst muss ihn wohl zu uns getrieben haben.«

Anmerkung: Die Fußballkommentare entstammen der ZDF-Übertragung mit Béla Réthy.

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