Zimmermann ermittelt (12) – Brückenbauer [Regional-Krimi]

Posted by Marco on 12. August 2014as , , , , , , , , , , , , , ,

Brückenbauer

Kommissar Zimmermann war außer Atem. Seine Lungen rasselten unermüdlich und schmerzten.
»Wie weit denn noch?« fragte er verzweifelt.
»Wir sind doch gerade erst dreihundert Meter gelaufen, Chef.« entgegnete Inspektor Schmidt lachend. »Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass sie jetzt schon kaputt sind.«
»Hätte ich mich bloß nicht auf diese Schnapsidee eingelassen. Ich halte es so, wie mein großes Vorbild Winston Churchill: No sports. Und dabei sollte es eigentlich auch bleiben.«
Der Inspektor kam zurück, packte den Kommissar am Arm und zog ihn hinter sich her.
»Im Büro haben sie behauptet, dass fünf Kilometer kein Problem für sie wären. Das habe ich zwar nicht geglaubt, aber dass sie so schnell schlapp machen, wusste ich auch nicht. Trinken sie einen Schluck. Danach geht es bestimmt besser. Und atmen sie regelmäßiger, bis Brockhausen ist es noch ein Stück. Zur Not fahren sie mit dem Bus zurück.«
Sie liefen wieder los, bedienten sich aber eines gemütlicheren Tempos. Zwei Minuten später blieb dann aber Schmidt plötzlich stehen. Zimmermann wäre fast in ihn hinein gelaufen, konnte gerade im letzten Augenblick seinen Kollegen umrunden.
»Die Treppe ist neu. Die stand letzten Herbst noch nicht hier.« murmelte der Inspektor und wunderte sich über ein hölzernes Gebilde, das vom Weg abzweigte, hinauf zu einer dicht bewachsenen Schonung.
»Wird wohl der Förster aufgestellt haben, um besser da oben rein zu kommen.« keuchte Zimmermann desinteressiert und nutzte die Chance für eine kleine Pause und einen großen Schluck aus seiner Wasserflasche.
»Vielleicht findet sich auf der anderen Seite der Treppe ein neuer Laufpfad. Probieren wir es aus?« Schmidt legte einen bettelnden Blick auf und lief los. Als er die Mitte der Treppe erreicht hatte, stolperte er und stürzte der Länge nach hin.
»Verdammt. Passen sie bloß auf. Eine der Stufen ist gebrochen. Wie kann man nur so minderwertiges Material im Wald verbauen. Das ist unverantwortlich.«
Er drehte sich und wollte wieder aufstehen. Da entfuhr ihm ein lauter Schreckensschrei.
»Scheiße! Leiche!«
Sofort erwachten alle Lebensgeister im Kommissar. Er stürmte dem Inspektor hinterher. »Wo?«
»Da, unter der Treppe.«
Nun sah Zimmermann sie auch. Dort lag ein Jogger. Offensichtlich war auch dieser über die morsche Stufe gestolpert und war abgestürzt.
»Der Tote muss noch versucht haben, sich am Geländer festzuhalten, es ist auch gebrochen.«
Er kletterte auf den Boden hinab, zog sich ein paar Gummihandschuhe über und begann mit einer ersten Untersuchung des Fundorts.
»Handschuhe?« fragte Schmidt entgeistert. »Haben sie immer eine Notfallausrüstung dabei?«
Zimmermann zuckte nur mit den Schultern. »Man muss zu jeder Zeit auf alles vorbereitet sein. Machen sie lieber mit ihrem Handy ein paar Aufnahmen.«
Er tastete die Leiche ab, deren Kopf in einem unnatürlichen Winkel zum Körper stand. »Ich tippe auf Genickbruch. Das würde auch zur morschen Treppe passen. Todeszeitpunkt … ähm … so gegen viertel vor zehn. Also vor rund drei Stunden.«
Schmidt schüttelte verzweifelt den Kopf. »Manchmal sind sie mir richtig unheimlich. Wie können sie das so genau sagen? Der Tote müsste doch schon längst kalt sein. Sind sie neuerdings ein Geistermedium und stehen mit dem Jenseits in Verbindung?«
Zimmermann lachte. »Von Hokus Pokus halte ich nichts. Ich verlasse mich lieber auf die beim Sturz zerstörte Armbanduhr. Die ist um viertel vor zehn stehen geblieben.«
Er zog sein Handy aus der Tasche und rief im Präsidium an. »Die Spurensicherung bekommt wieder was zu tun. Wenn es vielleicht auch kein Mord ist, dann aber fahrlässige Tötung. Die Brücke war nicht sicher.«

Eine Stunde später wimmelte es im Wald. Mehrere Polizeibeamte, die Spurensicherung und der Pathologe umringten die Leiche und suchten nach möglichen Beweismitteln.
Inzwischen hatte Inspektor Schmidt auch die Identität des Toten festgestellt. »Frank Schmidt, dreiundvierzig Jahre alt, geschieden, zwei Kinder. Er war Forstwirt und Schreiner. Laut einer Plakette, die an der Brücke angebracht ist, hat er dieses Bauwerk hier entstehen lassen. Er ist ein Opfer seiner eigenen Schlampigkeit geworden.«
Der Kommissar schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht. Irgendwie passt das alles nicht so richtig zusammen. Nur ein äußerst dummer Jäger tappt in die eigene Falle.«
Er grübelte. Er legte die Stirn in Falten und zermarterte sich das Hirn. »Da ist was faul an der Sache. Ich komme nur nicht drauf, was es ist. Aber ich bin mir sehr sicher, dass es kein Unfall war. Unser Toter ist ermordet worden.«
Zimmermann grummelte vor sich hin. Warum musste er ausgerechnet beim Joggen in einen neuen Fall rutschen? Es fehlte ihm die nötige Routine, die ihm die Sicht auf das Wesentliche ermöglichte.
»Schmidt!« rief er laut durch den Wald. »Sie fahren sofort ins Büro. Ich brauche meinen Trenchcoat und einen großen Becher Kaffee. Ich erwarte sie in fünfzehn Minuten zurück.«
Der Inspektor stöhnte leise, schnappte sich den Wagenschlüssel und fuhr auf dem schnellsten Weg in die Stadt.

»Hier sind ihre Sachen, Chef.« Schmidt war völlig außer Atem, als er Zimmermann Kaffee und Mantel überreichte.
Der Kommissar zog sich standesgemäß an, schüttete sich einen großen Schluck des schwarzen Gebräus in den Hals und seufzte wohlig.
»Jetzt ist alles gut.« Er warf einen verlegenen Blick auf die Leiche. »Na gut. Zumindest ist für mich jetzt alles wieder in Butter. Also machen wir uns an die Arbeit, Männer.« trieb er die Polizeibeamten an. »Wir haben einen Mordfall aufzuklären.«
Er nahm sofort die einzelnen Teile der Holzbrücke unter die Lupe und besah sich vor allem die Bruchstellen sehr genau.
»Mangelhaftes Baumaterial. Eindeutig. Seltsam. Von einem Schreiner sollte man eigentlich mehr erwarten können.«
Er sah sich nach dem Inspektor um.
»Schmidt!« rief er laut durch den Wald.
»Ich will alles über diesen Brückenbauer wissen. Zu welchen Menschen hatte er Kontakt. Wer waren seine Kunden. Wie sehen seine Geschäftsbücher aus. Freunde. Feinde. Einfach alles, was sie finden können. Wenn es der Lösung des Falls dient, nehme ich auch die Liste seiner Grundschullehrer. Außerdem will ich den zuständigen Forstwirt sehen, auf dessen Grund wir uns hier befinden.«
Schmidt schluckte den aufkeimenden Ärger herunter. Das hätte er doch schon alles im Büro erledigen können. Nun musste er noch einmal in die Stadt fahren.
»Geht klar. Ich bin so schnell es geht zurück.«

»Stehe ich jetzt hier unter Verdacht? Ich habe ein Alibi. Ich war den ganzen Tag auf dem Feld, um das Getreide zu ernten. Ich bin mir sicher, dass ich von einigen hundert Autofahrern an der Deilinghofenstraße gesehen wurde.«
Der Kommissar grinste sein Gegenüber an. »Wer hat denn davon geredet, dass sie unter Mordverdacht stehen? Es geht lediglich darum, dass ein Mann auf ihrem Grund und Boden tot aufgefunden wurde. Ich habe nur ein paar Fragen zur Verkehrssicherheit ihrer Brücke, die offensichtlich nicht stabil genug war, einen Menschen zu tragen. Sie hätten ein Warnschild aufstellen müssen.«
Der Bauer wurde knallrot im Gesicht. Zorn stieg in ihm auf.
»Wie bitte? Ich?« schrie er.
»Wissen sie eigentlich, wie sehr ich mittlerweile gekämpft habe, damit dieser tote Mistkerl überhaupt noch in Wald kommt? Das die Brücke fehlerhaft ist, weiß ich selbst. Deswegen habe ich auch die Rechnung noch nicht bezahlt.«
Zimmermann nickte und verarbeitete die gehörten Informationen in Windeseile.
»Sie wussten also von der Instabilität und haben das Opfer in den Wald bestellt.«
»Natürlich. Irgendwer muss schließlich den Schaden beseitigen. Was soll ich mit einer Brücke, die man nicht betreten kann. Ich hab keine Lust, jedes Mal über den Graben zu springen. Ich will mir nicht den Hals brechen.«
Der Kommissar zog erste Schlüsse und setzte alles auf eine Karte.
»Sie vielleicht nicht, aber dafür der Tote. Sie haben ihn über die Brücke gejagt. Verletzungen oder sogar sein Ableben haben sie billigend in Kauf genommen.«
»Humbug! Alles Humbug! Ich war heute noch gar nicht im Wald. Ich war mit der Ernte seit fünf Uhr heute Morgen beschäftigt. Sie können sogar meine Frau fragen. Die wird alles bestätigen.«
Er stapfte zu seinem Wagen, riss die Beifahrertür auf und zog seine Frau am Arm heraus.
»Los, sag dem Mann, dass ich unschuldig bin. Sag ihm, dass ich den ganzen Tag auf dem Feld war.«
Zimmermann sah die Frau mit durchdringenden Augen an. Sie bekam das Gefühl, als würde sich sein Blick direkt in ihr Gehirn bohren.
»Er war … es wirklich … nicht.« stotterte sie mit leiser Stimme und begann zu weinen. Ihr ganzer Körper zitterte plötzlich. Dann brach sie zusammen.
»Mein Mann ist so ein herzensguter Mensch. Er kann keiner Fliege etwas antun. Und dann hat ihm der Kerl diese abbruchreife Brücke in den Wald gestellt.«
Sie schluchzte laut. Die Worte kamen ihr nur noch brüchig über die Lippen.
»Schlechte Zeiten, hat er gesagt. Wirtschaftskrise, Ausstände. Nicht mehr liquide bei der Bank. Wollte uns die morschen Bretter gegen neue eintauschen, sobald wieder Geld auf seinem Konto wäre. Aber er hat meinen Mann von Woche zu Woche hingehalten. Mein Felix ist einfach viel zu gut für diese Welt. Er hat ihm immer wieder Aufschübe gewährt, hat sich zu Hause aber rund um die Uhr über die Brücke und sich selbst geärgert. Was hätte ich denn sonst machen sollen?«
»Dann haben sie ihn in den Wald bestellt und umgebracht.« resümierte Zimmermann. Das kaum erkennbare Nicken der Frau war eigentlich gar nicht mehr nötig.
»Sie haben ein paar Bretter zertreten, benutzten eines, um ihn zu erschlagen und legten ihn dann unter die Brücke.«
In diesem Moment klingelte das Handy des Kommissars.
»Schmidt hier. Ich habe ein paar interessante Dinge erfahren. Ich sitze gerade vor dem Computer des Opfers.« begann er und wurde dann von Zimmermann unterbrochen.
»Lassen sie mich raten. Geldprobleme? Brückenbau mit billigsten Materialien? Streitigkeiten mit dem Waldbesitzer? Alles schon gewusst. Die Täterin habe ich übrigens auch schon. Bis nachher.«
Er legte auf und wandte sich an die Polizisten.
»Führt sie ab. Die ausführliche Vernehmung mache ich dann Morgen früh in meinem Büro.«
Er nahm noch einen Schluck aus seinem Kaffeebecher und atmete die wohl riechende Waldluft tief ein.
»Eigentlich ist Jogging eine klasse Sache. Man erlebt die verrücktesten Sachen dabei.«

(c) 2014, Marco Wittler

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