Zimmermann ermittelt (13) – Erinnerungen an die Zukunft [Regional-Krimi]

Posted by Marco on 10. Januar 2015as , , , , , , , , , , , , ,

Erinnerungen an die Zukunft

Kommissar Zimmermann stand im Büro vor der Kaffeemaschine und suchte im Schrank darüber nach dem Kaffeepulver.
»Verdammt. Wo ist mein Kaffee?« fluchte er laut.
»Ich brauche Koffein, sonst funktioniere ich nicht richtig. Wer hat hier wieder vergessen, rechtzeitig einkaufen zu gehen?«
Inspektor Schmidt bekam ein rotes Gesicht und versteckte sich verzweifelt hinter seinem Computermonitor.
Zimmermann warf wütend die Schranktür zu und marschierte im Raum auf und ab.
»Ich brauch Kaffee. Ganz dringend. Ich hab hier einen komplizierten Fall zu lösen. Dafür muss mein Gehirn auf voller Leistung laufen. Aber ohne Kaffee geht da einfach nicht.«
Er redete sich so sehr in Rage, dass er völlig vergaß, zwischen den einzelnen Sätzen Luft zu holen. Die Sauerstoffversorgung seines Gehirn wurde automatisch auf Sparflamme zurück gefahren.
Er schwankte plötzlich, wollte sich noch an seinem Schreibtisch festhalten, verfehlte diesen aber mit der Hand um wenige Zentimeter und stürzte. Mit dem Kopf knallte er auf die Tischkante und fiel anschließend bewusstlos zu Boden.
»Scheiße!« brüllte Schmidt durch das Büro. »Wir brauchen sofort einen Krankenwagen.«

Dunkelheit. Völlige Finsternis umgab den Kommissar. Nichts war zu sehen.
»Wo bin ich hier? Was ist geschehen?« er konnte seine schwache, brüchige Stimme kaum selbst verstehen. Es klang, als hätte er seine Stimmbänder seit langer Zeit nicht mehr benutzt.
Ihm fiel ihm auf, dass er seine Augen noch geschlossen hatte. Also öffnete er seine Lider.
»Das ist nicht mein Büro.« stellte er schlicht fest. In einem normalen Krankenhaus schien er sich aber auch nicht zu befinden, da es im Raum keine Betten gab. Stattdessen lag er in einem durchsichtigen Gefäß, an dem diverse Schläuche und Kabel angebracht waren. Und um sich herum entdeckte er weitere dieser Behälter.
»Seit wann legt man Erwachsene in einen Brutkasten?« wunderte sich der Kommissar und öffnete vorsichtig den Deckel über sich. Er richtete sich auf. Als ein erwartetes Schwindelgefühl ausblieb, kletterte er auf den Boden und richtete sich auf.
»Wo bin ich hier nur rein geraten?«
In diesem Moment öffnete sich in der Wand eine Tür, die vorher nicht zu sehen gewesen war. Mit einem leisen Zischen glitt sie automatisch zur Seite. Zwei Männer in futuristischen, weißen Kitteln kamen lächelnd herein und hoben die Hand zum Gruß.
»Willkommen.« sagten sie gemeinsam. »Seien sie gegrüßt.«
»Wo bin ich und was geht hier vor?« fragte Zimmermann ohne um den heißen Brei herum zu reden.
»Sie befinden sich in der Kryo-Abteilung der Deep Space Station. Wir sind die Doktoren Pieper und Mertens.« erklärten die Weißkittel überschwenglich.
»Kryo-was? Reden sie mit mir kein Fachchinesisch. Ich bin kein Nerd.«
Doktor Pieper zog ein kleines Gerät aus seiner Tasche und tippte auf dessen Touchpad. Vor dem Kommissar bildete sich eine Beule im Boden, welche schnell in die Höhe wuchs und schließlich einen Stuhl formte.
»Setzen sie sich bitte. Wir müssen ihnen etwas erklären, dass sich nur schwer verdauen lässt.«
»Ich bleibe lieber stehen.«
»Wie sie wünschen. Sie hatten einen Unfall. Ihrer Krankenakte konnten wir entnehmen, dass sie, verursacht durch einen Schwächeanfall, unkontrolliert gestürzt sind und sich dabei am Kopf verletzt haben.«
»Ich erinnere mich schwach.«
»Während des Sturzes schlugen sie mit dem Kopf auf einen harten Gegenstand. Es bildete ein größeres Blutgerinnsel in ihrem Gehirn, dass nicht ohne weitere Komplikationen hätte operiert werden können. Geistige Schäden größeren Umfangs wären die Folge gewesen.«
»Aber sie haben es trotzdem erfolgreich behandeln können.« schloss der Kommissar aus dem Gehörten.
»Unsere damaligen Kollegen hätten das mit ihren Mitteln nicht geschafft. Sie haben stattdessen auf ihre Hoffnung auf eine neue Technologie gesetzt: Kryostase.«
Nun schloss sich auch Doktor Mertens dem Gespräch an und führte die Erzählung fort.
»Sie wurden eingefroren. Man hat sie konserviert. Man wollte warten, bis die erforderliche Technologie zur Verfügung stehen würde.«
»Aha.« Der Kommissar fühlte sich auf den Arm genommen. Dieses schlechte Schauspiel nahm er den beiden nicht ab.
»Wie lange habe ich in diesem Glassarg gelegen?«
»Es waren 256 Jahre und ein paar Tage. Wir haben gestern ihre Verletzung geheilt und danach den Aufwachprozess eingeleitet.«
Zimmermann begann zu lachen. »Wer hat sich das ausgedacht? War das Schmidt? Der Kerl kann was erleben. Ich hätte ihnen das beinahe geglaubt. Ich frage mich nur, wie sie das mit dem Stuhl geschafft haben.«
Die beiden Ärzte schüttelten die Köpfe. »Es ist leider kein Scherz und auch kein Schauspiel. Wir wissen, dass es sich unglaublich anhört. Diese Reaktion zeigen alle Menschen, die in Kryostase gehalten wurden. Dennoch entspricht es der Wahrheit. Folgen sie uns bitte.«
Pieper und Mertens verließen den Raum durch die zischende Tür. Zimmermann folgte ihnen amüsiert. Als er aber den Flur betrat, bekam er zum ersten Mal Bedenken.
»Was ist das?« wollte er wissen und zeigte verunsichert auf einen blauen Planeten, der ihm gut bekannt war. Ein kleines Raumschiff flog gerade vorbei.
»Das ist ein Film, richtig? Auf einem Flatscreen oder sowas.«
»Es ist ein Fenster. Wir befinden uns in einer Raumstation in einem Orbit um die Erde und umkreisen sie einmal in vierundzwanzig Stunden.«
In diesem Moment kam jemand um die Ecke. Diese Person sah allerdings völlig anders aus, als es der Kommissar erwartet hätte. Sein Gegenüber hatte nur ein Auge mittig auf der Stirn und hob einen seiner vier Arme zum Gruß.
Zimmermann zitterten plötzlich die Beine. »Ich würde mich jetzt doch gern setzen. Haben sie vielleicht einen Kaffee für mich?«
Die Ärzte verneinten, fragten aber interessiert nach diesem für sie unbekannten Wort.
»Ich hab’s befürchtet. Der Kommissar schlug sich verzweifelt mit der flachen Hand gegen die Stirn und seufzte.
»Ich bin eindeutig in der Hölle gelandet.«

Er hatte es sich mehrfach erklären lassen. Die Erde war zu einem ungemütlichen Lebensraum geworden. Der Klimawandel, die Umweltverschmutzung, radioaktiver Fall-Out nach mehreren Atomkraftwerksexplosionen, Überbevölkerung, Naturkatastrophen durch immer stärker werdende Wirbelstürme, starke Ausbreitung und Neubildung von Wüsten und schließlich die Verknappung kostenbaren Lebensraums durch den Anstieg des Meeresspiegels und Zerstörung durch unsinnige Kriege.
Die Menschen hatten in den letzten zwei Jahrhunderten eine große Anzahl Raumstationen gebaut und war in den Weltraum ausgewandert. Die früheren Städte schwebten nun in der Unendlichkeit des Alls. Manche trieben davon, andere hielten weiter an der alten Heimat fest und kreisten um sie herum.
»Das war die einzige Möglichkeit, ein relativ normales Leben führen zu können. Seit wir hier oben sind, gehören auch Kriege der Vergangenheit an.« berichtete der Barkeeper hinter der Theke, als wäre dies seine tägliche Aufgabe. Wahrscheinlich stimmte es sogar, denn der Kommissar war nicht der erste Mensch, der in der Raumstation aufgetaut worden war.
»Man hat die einzelnen Völker, Ethnien und Religionen so verteilt, dass sie sich nicht mehr in die Quere kommen können. Seitdem gibt es auch keinen Terrorismus mehr. Es ist wie in einem Paradies.«
Zimmermann hatte mittlerweile festgestellt, dass die Raumstation sehr groß sein musste. Mehrere Millionen Menschen lebten hier. Scheinbar alles Nachfahren der Aussiedler aus dem ehemaligen deutschen Bundesland NRW.
»Nur Westfalen und Lippe. Wobei Letztere ihr eigenes Deck bekommen haben. Die Rheinländer entschieden sich damals, ihren eigenen Weg zu gehen. Und mal ganz ehrlich, es hat ihnen auch niemand eine Träne nachgeweint. Immer diese Frohsinnsgesellschaft. Das erträgt man auf Dauer doch gar nicht.«
Der Barkeeper zeigte durch eines der Fenster nach draußen. »Der helle Punkt da hinten. Das ist die Karnevalsstation. Jeden Tag Party, jeden Tag Jeck sein. Die haben irre Spaß, aber dafür lahmt die Wirtschaft. Wer viel feiert, kann eben nicht arbeiten und produzieren. Die Bewohner haben sich damit arrangiert. Aber dafür sind sie auch die einzige Station, in der es immer wieder zu Konflikten kommt.  Man munkelt, dass sich zwei Fraktionen gegründet haben, die sich nicht leiden können. Kölner und Düsseldorfer, sagt man hinter vorgehaltener Hand. Aber Genaueres weiß keiner. Sind halt nur Gerüchte.«
Zimmermann grinste. Er konnte sich ziemlich gut vorstellen, worum es wirklich ging. Er nippte an einer großen Tasse und verzog sofort das Gesicht.
»Das ist einfach kein Ersatz für einen guten Kaffee. Widerlich.«
»Darf ich mich zu ihnen setzen?«, fragte ein dicker Mann mit einem seltsamen Gestell auf dem Kopf. Es ähnelte einer Brille, allerdings waren an den Seiten kleine Scheinwerfer und eine Kamera angebracht.
»Robert Lem. Ich arbeite für das hiesige Holoprogramm. Ich würde sie gerne interviewen. Unsere Zuschauer interessieren sich brennend für die Vergangenheit der Erde. Und was würde besser passen, als der Bericht eines Augenzeugen? Sie wissen doch, die Presse ist die Stimme des Volkes, die Verfechterin von Wahrheit und Gerechtigkeit.«
Er wollte sich gerade setzen, als eine Frau an ihm vorbei huschte. Der Reporter stolperte und stürzte mit ihr zu Boden. Er begrub sie fast vollständig unter seiner Leibesfülle.
Als er wieder auf die Beine kam, war sein Gesicht von Entsetzen geprägt. Die Frau bewegte sich nicht mehr. In ihrer Brust steckte ein futuristischer Gegenstand, der einem Kugelschreiber nicht ganz unähnlich sah.
»Nein. Das darf nicht wahr sein.« Robert Lem war einer Panik nahe. Er sah sich ängstlich um, als schien er auf etwas Unausweichliches zu warten.
»Nicht sie. Das kann nicht sein. Warum ausgerechnet sie?«
Zimmermann war verwirrt. Was ging hier vor?
In diesem Moment schwirrten drei metallene Kugeln in die Bar und umzingelten den Reporter. Aus mehreren Öffnungen schoben sich Strahler hervor.
»Robert Lem, Bürgernummer Sechs-Vier-Beta-Zwei-Acht-Eins-Delta.« plärrte eine Computerstimme aus einem Lautsprecher.
»Wir verhaften sie wegen fahrlässiger Körperverletzung mit Todesfolge. Folgen sie uns unverzüglich zum Bestrafungsdeck. Sollten sie dieser Anweisung zuwider handeln, werden wir sie augenblicklich eliminieren.«
»Aber ich war es nicht. Ich bin unschuldig. Das war nur ein unglücklicher Unfall.«
Wohin nur? Die Flucht versuchen? Aussichtslos. Lem hob die Arme, ließ den Kopf hängen und schlurfte langsam Richtung Ausgang. Kurz bevor er durch die Tür verschwand, drehte er sich ein letztes Mal um und sah dem Kommissar direkt in die Augen.
»Helfen sie mir. Bitte!« flüsterte er. Dann war er weg.
Zimmermann drehte sich zum Barkeeper um, während weitere Roboter herein kamen, um die Leiche zu entfernen.
»Was ist hier gerade passiert? Das war doch jetzt nicht echt. Bin ich hier bei der versteckten Kamera?«
Aber der Barkeeper schüttelte seufzend den Kopf.
»Die Überwachung des öffentlichen Raums ist allumfassend. Ein Großcomputer steuert die Aufzeichnungsgeräte und schickt, wenn es nötig wird, seine Drohnen raus, um Verbrecher einzubuchten. Er übernimmt die Arbeit des Richters und der Polizei. Das ist schnell und effizient.«
Zimmermann war entsetzt. »Und was ist mit der Gewaltenteilung? Richter und Polizei in einem war zu meiner Zeit völlig verboten. Das ist einfach nur falsch. Wo bringt man den Mann jetzt hin und was passiert mit der Leiche?«
»Verbrecher werden direkt bestraft. In der Regel werden sie exekutiert. In einer Welt, die so eng ist wie unsere, braucht man jeden Platz, den man bekommen kann. Die Leiche wird in den Konverter geworfen. Dort wird sie in ihre elementaren Bestandteile zerlegt und dem Versorgungskreislauf zugeführt.«
Dem Kommissar wurde schlecht. Ihm drehte sich alles.
»Wo bin ich da nur rein geraten? Ich muss was unternehmen. Wie kann ich das Konvertieren und die Exekution stoppen?«
»Das kann nur der Polizeicomputer.«
»Wie komme ich zu ihm?«
Der Barkeeper zuckte mit den Achseln. »Als Mörder gar nicht. Das Urteil ist bereits vollstreckt. Nur Kleinstverbrecher kommen in eine Zelle.«
Der Kommissar nickte, stand auf und verließ die Bar, wohl wissend, dass er seine Rechnung nicht bezahlt hatte. Da tauchten auch schon die Drohnen auf.
»Nicht registrierter Bürger. Wir verhaften sie wegen Zechprellerei. Folgen sie uns unverzüglich zum Polizeideck. Sollten sie dieser Anweisung zuwider handeln, werden wir sie augenblicklich eliminieren.«
Zimmermann grinste dem Barkeeper zu, bevor er sich in Bewegung setzte.
»Ziehen sie die automatische Anzeige zurück, sobald ich angekommen bin. Das sind sie ihren Mitbürgern schuldig. Das hiesige Rechtssystem braucht einen dringenden Tritt in den Arsch.«

Die fliegenden Drohnen hatten den Kommissar zur Polizeistation gebracht. Doch bevor er in seine Zelle gesteckt wurde, führten sie ihn dem elektronischen Richter vor. Aus einem holografischen Bild sah ihn ein ausdrucksloses Gesicht an. Die Stimme erschallte aus einem Lautsprecher in der Wand.
»Unregistrierter Bürger. Sie haben sich der Zechprellerei schuldig gemacht. Ich verurteile sie daher zu drei Wochen Gefängnis, die sofort vollstreckt …«
Die Stimme erstarb, das Gesicht fror ein. Ein paar Sekunden der Stille vergingen, bis sich der Richter erneut zu Wort meldete.
»Unregistrierter Bürger. Die Anzeige gegen sie wurde soeben zurück gezogen. Sie sind freigesprochen. Bitte verlassen sie umgehend den Gerichtssaal.«
Doch genau das hatte Zimmermann nicht vor. Er befand sich dort, wo er hin gewollt hatte.
»Ich lege Protest ein gegen die hiesigen Polizeimethoden. Ich möchte mich beschweren über ein Fehlurteil, dass vor ein paar Minuten verhängt wurde.«
Erneut blieb die Bewegung im Gesicht des virtuellen Richters hängen.
»Beschwerden sind nicht zulässig. Das Polizeisystem dieser Raumstation ist unfehlbar.«
»Das wage ich zu bezweifeln.« warf der Kommissar schnell ein. »Was ist, wenn das System einen Unschuldigen zum Tode verurteilt? Was ist, wenn das System einen Menschen tötet, der kein Verbrechen begangen hat? Wird dann das System nicht selbst zum Verbrecher und muss eliminiert werden?«
»Irrelevant.« kam die zögerliche Antwort. »Das System irrt nie. Das System macht keine Fehler.«
Nun drehte der Kommissar richtig auf. »Das System verurteilt Menschen zum Tode. Das System vollstreckt die Todesstrafe. Es tötet also Menschen. Dadurch wird das System zum Mörder. Das System ist ein Verbrecher und muss eliminiert werden. Aber wirklich schuldig macht es sich erst, wenn es Menschen als Mörder verurteilt, die lediglich Teil eines Unfalls gewesen sind.«
»Ich … ich … unfehlbar … kein Mör … der … muss Mörder eliminieren … muss … Menschen vor Mördern … schützen … muss …« Dann erstarb die Stimme des Richters, das holografische Bild erlosch und die fliegenden Drohnen stürzten zu Boden.
Zimmermann zuckte nur mit den Schultern. »Wer sich konsequent an seine Regeln hält, muss sie auch an sich selbst anwenden. Ruhe in Frieden, du verdammter Taschenrechner.«
Er verließ die Polizeistation und suchte die Konverterstation auf, in der er sich die Leiche ansehen wollte. Unterwegs machte er Halt in der Kryo-Abteilung, wo er die beiden Doktoren Pieper und Mertens einsammelte.
»Was? Wir sollen eine richtige, echte Leiche untersuchen? Wie abartig ist das denn?« beschwerten sie sich.
»Dafür sind die Maschinen zuständig. Wir sind Menschen und legen selbst keine Hand an.«
Der Kommissar verdrehte genervt die Augen. »Die Maschine ist tot. Entweder sie helfen mir, oder ich sorge dafür, dass bald noch mehr Material in den Konverter kommt.«
Die Doktoren verstummten sofort und folgten ihm durch die Gänge bis ans Ziel.
‚Konverter‘ stand in großen Buchstaben auf einem riesigen Tor geschrieben. Sie betraten den Raum, dessen Inneres völlig leer war. Keine Stühle, keine Tische, kein sonstiges Mobiliar. Nur die Wände bestanden aus metallenen Türen.
»Das sind einzelne Kühlkammern, heißt es.« erklärte Pieper. In ihnen werden die Toten aufbewahrt, bis sie dem Konverter übergeben werden. Allerdings gibt es hier kein Computerterminal. Wir werden also nicht feststellen können, hinter welcher Tür sich die Leiche befindet. Wir stecken in einer Sackgasse.«
Zimmermann zuckte mit den Schultern. »Ihr steckt in einer Sackgasse. Ich hingegen mache mich an die Arbeit.«
Er ging zur rechten Wand und begann, eine Tür nach der anderen aufzureißen. Hinter jede warf er einen kurzen Blick und arbeitete sie sich so durch den ganzen Raum, bis er einen Hinweis fand.
»Diese Kammer ist leer. Bis auf diesen Gegenstand.«
Er holte ein futuristisches Schreibwerkzeug hervor und hielt es den beiden Doktoren unter die Nase.
»Was halten sie davon?«
»Ein Schriftstick. Nichts Besonderes. Davon gibt es in den Shops der Mall ganz viele. Wie wollen sie damit beweisen, dass kein Mord stattgefunden hat?«
Zimmermann verdrehte die Augen. »Habt ihr in der Zukunft verlernt, wie man ordentlich ermittelt? Wie man Beweise sammelt und daraus Rückschlüsse zieht? Alles muss man selber machen.«
Er hielt den Doktoren den Schreibstick unter die Nasen. »Das Ding ist Graviert. Es trägt die Initialien ‚RM‘. Das steht für Robert Lem. Es handelt sich also um die vermutliche Tatwaffe. Allerdings fehlt die Leiche. Blutspuren am Stick gibt es auch keine. Klingelt es da nicht?«
Pieper und Mertens zuckten nur verwirrt mit den Schultern.
»Die Tote ist mit dem Stick nicht erstochen worden. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass sie zwar hier in eine der Kammern gelegt wurde, dann aber auf eigenen Beinen wieder gegangen ist. Den Stick hat sie in der Kammer verloren.«
Mit schnellen Schritten verließ er den Konverter und ließ die Doktoren stehen. »Sie beide suchen in den restlichen Kammern nach Robert Lem. Befreien sie den Mann. Er ist unschuldig.«
Auf dem Gang stellte er die nächsten Fragen an den Computer, ohne seine Geschwindigkeit zu reduzieren.
»Computer!« rief er laut.
»Gib mir den Namen der Frau, die Bürger Robert Lem getötet haben soll.«
»Bürgerin Calcaneus. Inhaberin eines Kramladens.«
»Wo befindet sich der Laden?«
»Folge bitte den Leuchtzeichen auf dem Boden. Sie werden dich geleiten.«

Ein paar Minuten später stand Zimmermann vor dem Kramladen, in dem unzählige unnütze Dinge zum Verkauf standen. Die Türen waren verschlossen, das Licht im Innern deaktiviert.
»Computer! Öffne die Türen. Ich bin Polizeibeamter und ermittle in einem Betrugsfall.«
Aber die Türen blieben verschlossen.
»Computer! Überprüfe bitte deine Daten über mich. Dann wirst du feststellen, dass meine Angaben korrekt sind. Da ich seit meinem Unfall nicht verstorben bin, stehe ich immer noch im aktiven Dienst.«
Nun öffneten sich die Türen tatsächlich und der Kommissar trat ein. Er hielt sich nicht lange damit auf, sich die Auslagen anzusehen, sondern steuerte direkt auf die hinteren Geschäftsräume zu, in denen er fand, was er suchte.
»Sie sehen sehr lebendig aus für eine Leiche, Frau Calcaneus.«
Die Frau vor ihm, erschrak und ließ eine Tasche fallen, in die sie bis vor einigen Sekunden eiligst ein paar Gegenstände verstaut hatte.
»Ich habe nur eine einzige Frage: Warum?«
Inzwischen tauchten weitere Personen auf. Die Doktoren Pieper und Mertens betraten den Laden. Bei ihnen war Robert Lem, dem der Schrecken des Konverters noch in den Knochen steckte.
»Ich glaube, ich kann das Ganze aufklären.« sagte er und stellte sich neben den Kommissar.
»Ich habe ein paar Mal Artikel über sie geschrieben, über die schlechte Qualität ihrer Produkte. Das hat ihr nicht gepasst. Mehrfach hat sie mich bedroht, meinen Mund zu halten und mich nicht in ihre Geschäfte einzumischen. Ich gehe davon aus, dass ihr Umsatz mittlerweile zu schlecht geworden ist. Deswegen wollte sie mich aus dem Weg räumen und sich dann aus dem Staub machen. Ein Wechsel auf eine der anderen Station ist durchaus möglich.«
Mit jedem Wort, das aus dem Mund des Reporters kamen, füllten sich die Augen der Frau weiter mit Hass – mit abgrundtiefem Hass.
»Du Schmierer. Du Wortverdreher. Das alles hätte auch funktioniert, wenn nicht dieser … dieser Steinzeitmensch hier aufgekreuzt wäre. Ich hasse euch alle.«
Zimmermann nahm ihr diese bösen Worte nicht krumm. Er hatte einen Fall gelöst. Alles andere interessierte ihn nicht.
»Führt die Dame ab und sperrt sie in eine Zelle.« wandte er sich an die beiden Doktoren.
»Und dann kümmern wir uns um den Aufbau eines Rechtssystems, in dem die Menschen dieser Station ordentliche Gerichtsverfahren bekommen.«
Doch daraus sollte nichts werden, denn dem Kommissar wurde plötzlich schwarz vor Augen. Bevor er auf den Boden stürzte und ohnmächtig wurde, brachte er noch einen Satz hervor.
»Das liegt nur daran, dass ich keinen Kaffee bekommen habe.

Das Schwarz vor Augen lichtete sich langsam wieder. Der Kommissar kam zu sich. Der Duft frisch gemahlener und aufgebrühter Bohnen holte ihn zurück in die Wirklichkeit. Er stellte fest, dass er auf dem Boden lag. Vor ihm hockte Inspektor Schmidt, der einen Becher Kaffee in der Hand hielt.
»Das wurde aber auch Zeit. Warum hat das so lange gedauert?« beschwerte sich der Kommissar.
Er nahm den Becher, trank einen großen Schluck und richtete sich langsam wieder auf.
»Das nächste Mal beeilen sie sich aber. Ich hab das Gefühl, als hätte ich Jahrhunderte auf meinen Kaffee warten müssen.«

(c) 2014, Marco Wittler

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