Zimmermann ermittelt (14) – Die Feder ist stärker als das Schwert [Regional-Krimi]

Posted by Marco on 10. Januar 2015as , , , , , , , , , , , , ,

Die Feder ist stärker als Schwert

Kommissar Zimmermann legte die Zeitung zur Seite und schüttelte den Kopf. »In was für einer Welt leben wir eigentlich?«

Er nahm einen großen Schluck Kaffee.
»Ich habe immer gelernt, dass die Feder stärker ist als das Schwert. Und jetzt stürmen ein paar Fanatiker die Redaktion einer Satireredaktion. Das macht mich richtig traurig.«
»Liegt vielleicht daran, dass die Attentäter keine Schwerter dabei hatten. Sie haben die Karikaturisten mit Sturmgewehren angegriffen. Das ist eine ganz andere Größenordnung.«
Das war Inspektor Schmidt, der Assistent des Kommissars. Er kam gerade ins Büro und legte eine Stapel Akten auf seinem Schreibtisch ab. Sein Vorgesetzter strafte ihn mit einem bösen Blick.
»Es sind Menschen gestorben. Das ist nicht der richtige Augenblick für schlechte Scherze.«
In diesem Moment klingelte das Telefon, was den Inspektor aus dieser peinlichen Situation rettete.
»Zimmermann hier.« meldete sich der Kommissar. Dann hörte er ein paar Sekunden zu, bis er sich wieder zu Wort meldete. »Wir kommen sofort.«
Er steckte sich seine Dienstwaffe ein, schlüpfte in seinen fleckigen Trenchcoat, trank den letzten Schluck Kaffee und machte sich auf den Weg zum Parkplatz.
»Kommen sie mit, Schmidt. Es gibt eine Geiselnahme.«
»Geiselnahme? Wir sind die Mordkommission. Wir sind nicht die richtigen Leute, um mit einem Geiselnehmer zu verhandeln. Was ist mit unseren Experten?«
Zimmermann nahm den Inspektor spontan an der Hand und zog ihn grob hinter sich her.
»Es kann niemand anderes schnell genug vor Ort sein. Wir übernehmen die Sache, bis wir abgelöst werden.«

Auf dem Weg zum Einsatzort besprachen die beiden Beamten die aktuelle Situation.
»Welche Zeitung ist betroffen? Oder fahren wir sogar zum Lokalradio?« wollte Schmidt wissen.
»Weder noch.« antwortete Zimmermann. »Wir fahren nach Deilinghofen. Es geht die Redaktion der kleinen Dorfzeitung. Ein Mann hat sich mit einem Schwert Zutritt zum Haus verschafft.«
»Mit einem Schwert?«
»Ja, ich weiß, wie verrückt das klingt. Es ist ja auch kein professionelles Redaktionsbüro, sondern ein Familienhaus. Das sind alles Amateure. Die Zeitung ist deren Hobby.«
Sie bogen von der Hönnetalstraße ab und mussten schon wenige Meter später anhalten. Die Straße vor ihnen war abgesperrt. Mehrere Polizei- und Rettungswagen standen bereit. Polizisten versteckten sich hinter den geöffneten Fahrzeugtüren und hatten ihre Waffen im Anschlag.
»Wer leitet bisher diesen Einsatz?« rief der Kommissar und ließ sich sofort von einem seiner Kollegen die aktuellen Ereignisse in wenigen Sätzen schildern.
»Es handelt sich um einen einzelnen Geiselnehmer. Er hat an der Tür geklingelt und die Bewohner sofort mit einem Schwert bedroht. Das war vor ungefähr einer Stunde. Er hat noch keine Forderungen gestellt, droht aber damit, alle Anwesenden umzubringen. Wir wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen. So einen Fall hat es in Hemer noch nie gegeben.«
»Wie kann ich mit dem Mann Kontakt aufnehmen?«
»Wir können das normale Festnetztelefon der Bewohner anrufen. Er geht an den Apparat.«
Zimmermann holte sein Handy aus der Tasche. Dann ging er langsam auf das Haus zu und warf einen Blick durch eines der Fenster, wo er einen Mann mit Schwert entdeckte. Er winkte ihm mit dem Handy und wählte anschließend die Nummer, die man ihm auf einem Zettel gegeben hatte.
»Wer sind sie.« meldete sich eine aufgeregte Stimme am anderen Ende.
»Zimmermann. Ich bin Kommissar der Mordkommission.«
»Warum sind sie hier. Noch ist niemand gestorben.«
»Es ist sonst niemand verfügbar. Sie können mir glauben, dass ich auch keine Lust auf diese Sache habe, aber ich habe keine andere Wahl. Man hat mich angefordert.«
Ein paar Sekunden schwiegen sie sich an. Der Kommissar befürchtete schon, dass der Geiselnehmer auflegen würde.
»Warum haben sie mich angerufen? Was wollen sie?«
»Die Frage sollte wohl lieber ich stellen. Warum sind sie in das Haus eingedrungen? Warum bedrohen sie diese Menschen und was sind ihre Forderungen?«
Der Mann am anderen Ende der Leitung lachte laut, bevor er wieder sprach. »Ich verlange Entschuldigungen für den Mist, den sie in ihrer Zeitung veröffentlicht haben. Ihre Texte sind eine Beleidigung.«
Dann legte er auf.
»Verdammt.« fluchte Zimmermann. »So komme ich nicht weiter. Ich muss mit dem Mann persönlich sprechen. Am Telefon geht das einfach nicht.«
Wütend warf er sein Handy in seinen Dienstwagen und ging auf das Haus zu. Sofort traten ihm mehrere Polizisten in den Weg.
»Lassen sie das. Es ist definitiv viel zu gefährlich. Das können wir nicht zulassen.«

Zimmermann fluchte laut. »Verdammte Scheiße. Was soll das? Ich muss mit dem Mann reden. Ich kann das nicht von hier draußen.«
»Das ist zu gefährlich. Wollen sie ihr Leben riskieren für eine dumme Idee?« mischte sich Schmidt ein und hielt seinen Chef am Arm fest.
»Ich muss mein Leben riskieren, um andere zu retten. Warum versteht mich denn keiner?«
Wir sind hier aber nicht in einem amerikanischen Thriller und sie sind nicht Bruce Willis. Das wird nicht funktionieren.«
Die Anspannung im Körper des Kommissars ließ nach. Er wusste, dass seine Kollegen Recht hatten und dass ein Alleingang im Haus zu riskant war.
»Ich weiß. Ich habe noch nie mit einem Geiselnehmer verhandelt. Die Situation ist auch für mich neu. Vielleicht bin ich auch zu sehr beeinflusst von dem Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo. Es macht mir einfach Angst, dass hier Menschen zu Schaden kommen könnten, ohne gehandelt zu haben.«
Er ließ sich auf den Fahrersitz seines Wagen fallen und seufzte laut.
»Bitte besorgen sie mir einen großen Becher Kaffee. Dann sehe ich das alles vielleicht etwas entspannter.«
Der Inspektor atmete erleichtert auf, drehte sich um und informierte einen der Polizisten. Dabei entging es ihm, dass Zimmermann leise die Beifahrertür des Wagens öffnete, nach draußen krabbelte und sich im Schutz von Büschen und Hecken auf das Grundstück der Zeitungsredaktion schlich. Seine Kollegen bemerkten ihn erst, als er dicht vor dem Fenster stand, aus dem der Geiselnehmer sah.
»Ich komme jetzt rein, dann können wir in Ruhe reden.«
Der Kommissar zog seinen Trenchcoat aus und legte ihn zur Seite. Dann nahm er seine Dienstwaffe mit zwei spitzen Fingern aus dem Halfter und ließ sie achtlos fallen. Mit beiden Händen klopfte er sich die Arme, den Oberkörper und die Beine ab.
»Keine weiteren Waffen. Ich komme rein, wie ich bin. Sie müssen mich nur rein lassen.«
Der Geiselnehmer sah ihn prüfend an, schien sich die Sache zu überlegen. Dann nickte er.
Zimmermann bewegte sich langsam am Haus entlang, bis er vor der Tür stand. Diese wurde gerade so weit geöffnet, dass er hinein schlüpfen konnte. Danach fiel sie sofort wieder ins Schloss.
»Scheiße. Verdammte Scheiße.« brüllte Schmidt, der sich völlig überrumpelt und auf den Arm genommen fühlte.
»Wie sollen wir ihn jetzt noch heile da raus bekommen?«

»Was wollen sie hier? Ich habe sie nicht zu mir gerufen.«
»Warum bin ich dann hier drin? Sie haben mich rein gelassen.« entgegnete Zimmermann. »Sie sind offensichtlich bereit dazu, mit mir zu reden.«
Der Geiselnehmer zuckte mit den Schultern.
»Aber zuerst möchte ich mich davon überzeugen, dass es den Geiseln gut geht und sie niemanden getötet haben.«
Sie gingen in die Küche. Dort saßen, eine Frau und zwei Männer, offensichtlich Eltern mit ihrem erwachsenen Sohn, gefesselt auf Stühlen.
»Geht es ihnen gut?«
Die drei Gefangenen nickten. Der Kommissar setzte sich auf einen weiteren Stuhl und atmete tief durch.
»Und warum jetzt das Ganze? Warum gerade diese Leute? Sind sie so wichtig, dass man sie aus dem Weg räumen muss? Ich verstehe das einfach nicht.«
Der Geiselnehmer hielt dem Kommissar sein Schwert unter den Hals.
»Sind sie nur deswegen zu mir gekommen? Sie wollen hören, warum ich das mache? Oder wollen sie mich verarschen und aufs Kreuz legen?«
»Ich bin unbewaffnet. Ich hatte es ihnen am Fenster gezeigt. Sie können mich abtasten. Ich habe nichts bei mir, womit ich ihnen gefährlich werden könnte. Ich will nur reden. Und ich wollte mich vergewissern, dass es hier allen gut geht.«
Die Schwertspitze neigte sich langsam wieder nach unten, bis sie sich langsam in den PVC Boden bohrte.
»Ich will Gerechtigkeit. Ich will, dass diese Stümper und Schmierer ihre Unverschämtheiten und Lügen zugeben und sich dafür öffentlich in ihrem Käseblatt entschuldigen.«
»Ich verstehe es immer noch nicht. Was stand denn in der Zeitung? Ich habe bisher keine einzige Ausgabe lesen können, da sie immer sofort vergriffen waren. Was ist so schlimm, dass man sein ganzes Leben dafür weg wirft und andere auslöschen will?«
»Wir wollten etwas Neues probieren.« meldete sich nun der junge Mann zu Wort.
»Wir haben immer nur berichtet, was im Dor Interessantes passiert. Wir haben Geschichten veröffentlicht. Ich wollte es nun mal mit investigativem Journalismus probieren. Ich habe viel recherchiert. Ich habe Hinweise bekommen, dass ein Bauer im Dorf seinen Tieren Hormone ins Futter mischt. Das ist etwas, das unsere Leser interessiert. So etwas muss aufgedeckt werden.«
»Lügen! Alles dreckige Lügen! Du verdammter Mistkerl hältst jetzt endlich dein dreckiges Maul! Ich will nichts mehr von dir hören!«
Mit schnellen Schritten war er am Kommissar vorbei und hielt dem jungen Mann das Schwer an den Hals.
»Du wirst jetzt sterben!«
Doch das wollte Zimmermann nicht zulassen. Ohne darüber nachzudenken griff er nach einem Füllfederhalter, zog die Kappe ab und stach dem Geiselnehmer mit der Spitze in den rechten Oberschenkel. Dieser schrie laut vor Schmerz und ließ seine Waffe fallen.
Der Kommissar warf sich auf ihn und sorgte dafür, dass er sich nicht mehr wehren konnte.
»Das war’s mein Freund. Damit ist wieder einmal bewiesen, dass die Feder doch stärker ist, als das Schwert.

(c) 2015, Marco Wittler

Im Gedenken an die Opfer des Attentats auf die Redaktion von Charlie Hebdo.
Je suis Charlie.

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