Zimmermann ermittelt (15) – Helau und Alaaf, Gevatter Tod [Regional-Krimi]

Posted by Marco on 8. Februar 2015as , , , , , , , , , , , , , ,

Helau und Alaaf, Gevatter Tod

Rosenmontag am späten Abend – irgendwo in einer deilinghofer Kneipe fand eine Kostümparty statt, zu der sich Bettina, wie in jedem Jahr, richtig schick gemacht hatte. Dieses Mal war ihre Wahl auf das Kostüm der sexy Piratenbraut gefallen. Wie in jedem Jahr verfluchte sie ihre Entscheidung, denn der kurzeRock , den sie trug, war bei winterlichen Temperaturen viel zu kalt.
»Hoffentlich finde ich sofort einen Kerl, der mir was zu Trinken bestellt, sonst wird mir heute nicht mehr warm.« Mit diesen Worten öffnete sie die schwere Tür und trat ein.
Der Schankraum war bereits brechend voll und entsprechend laut die Atmosphäre. Hier war alles zu  finden. Vom Alien bis zum Zebra, vom Affe bis … ja, da lief tatsächlich ein Typ als wandelnde Zitrone durch den Raum. Konnte es etwas Lächerlicheres geben? Wahrscheinlich nicht.
Bettina kämpfte sich zur Theke durch. Irgendwo musste es doch einen Mann mit potentem Geldbeutel geben. Zu dumm, dass man es am heutigen Tag nicht an der Kleidung erkennen konnte.
»Dein Kostüm ist aber auch nicht gerade ausgefallen, Columbo.« sprach sie einen unrasierten Schmuddeltypen um die fünfzig an, der einen alten, mit diversen Flecken verzierten Trenchcoat am Körper trug.
»Das ist kein Kostüm.« erklärte der Matrose neben im. »Das Ding trägt er jeden Tag. Ist sozusagen Arbeits- und Freizeitoutfit.«
Bettina schüttelte ungläubig den Kopf und lachte. »Das kann ich mir nicht vorstellen. So wenig Modeverstand kann selbst ein Mann nicht haben.«
»Ein normaler Mann vielleicht nicht. Aber Kommissar Zimmermann von der hiesigen Kripo ist alles andere als normal.«
Der Kommissar nickte Bettina kurz desinteressiert zu und nippte dann wieder an seinem Bierstiefel.
»Ich bin übrigens Inspektor Schmidt.« stellte sich nun auch der Leichtmatrose vor. »Ebenfalls von der Kripo.«
Kurz überlegte er, ob er der Piratenbraut seinen Dienstausweis unter die Nase halten sollte, entschied sich aber dann doch dagegen.
»Oho.« war Bettina amüsiert. »Und ihr seid bestimmt wegen einer verdeckten Ermittlung hier und werdet mich gleich in Handschellen in irgendein Hinterzimmer abführen.« Sie klimperte Schmidt verführerisch zu und hatte bereits die Hoffnung, dass ihr Durst nach einem Getränk bald gestillt würde.
»Mensch Schmidt, nun spendieren sie ihr endlich was zu trinken. Sie wartet nur darauf. Ich verzieh mich. Karneval war noch nie meine Welt.«
Der Kommissar trank den letzten Schluck aus seinem Stiefel und stand auf.
»Die Natur verlangt ihr Recht. Ich muss mal austreten.«
Er gab sich nicht viel Mühe, einen Rülpser zu unterdrücken, der sich in seinem Hals nach oben kämpfte.
»Und er ist wirklich ein echter Mann von der Kripo?« wandte sich Bettina interessiert an den Matrosen, der die Frage mit einem kräftigen Nicken bejahte.
»Dann hat es mich gefreut, ihre Bekanntschaft zu machen, Seemann.« verabschiedete sich die Piratenbraut und ging dem Mann im Columbokostüm nach. Kurz vor den Toiletten hatte sie ihn eingeholt.
»Nicht so schnell, Herr Kommissar. Ich werde sie begleiten. Nicht auszudenken, was alles passieren könnte, wenn sie hier jemand anrempelt und sie unkontrolliert zu Boden stürzen.«
Sie hakte sich bei ihm ein, achtete dabei aber selbst nicht auf ihre Füße. Mit den viel zu hohen Absätzen ihrer Stiefel blieb sie an einem Kabel hängen, stürzte und landete in den Armen eines Clowns, der seit geraumer Zeit reglos auf einer Eckbank saß.
»Sorry.« entschuldigte sich Bettina mit hochrotem Kopf und rappelte sich mühsam hoch.
»Ich weiß auch nicht, wie mir das passieren konnte. Das ist mir so peinlich.«
Schon keimte in ihr die Befürchtung, ihren Fang abgeschreckt zu haben, doch der schien sich nun mehr für den Clown zu interessieren, statt für seine weibliche Begleitung.
»Hey, Sie. Hören sie mich?« Zimmermann rüttelte am Arm des Clowns.
»Hallo! Aufwachen!« Keine Reaktion.
»Ich glaube, sie haben für heute genug getrunken. Ist Zeit, ins Bett zu verschwinden.«
Der Kommissar setzte sich neben den Clown, legte ihm den Arm um und zog ihn hoch. Dabei fielen dem Schläfer die rote Perücke und die überdimensionale Sonnenbrille vom Kopf. Die Augen standen weit auf, sahen wie panisch aus.
»Scheiße. Auch das noch.« fluchte der Kommissar. »Habe ich denn nie Feierabend?«
Er drehte sich um und suchte dem Matrosen, den er an der Theke zurück gelassen hatte.
»Schmidt! Sofort herkommen! Es gibt Arbeit.«
Er legte den Clown zurück auf die Bank und wandte sich dann an die Piratenbraut.
»Tut mir Leid, Lady. Ich befürchte, die Party ist vorbei.«

Kommissar Zimmermann fluchte laut. Zu seiner großen Verärgerung war dies im gesamten Lokal gut zu hören gewesen. Der Wirt hinter der Theke hatte nur einen Sekundenbruchteil zuvor die Musik abgedreht.
Der Kommissar kletterte mühsam auf den Tresen, damit er alles überblicken konnte, während es um ihn herum immer leiser wurde.
»Mein Name ist Zimmermann. Ich bin Kommissar bei der Kriminalpolizei.«
Er fummelte umständlich ein seinen Manteltaschen und holte daraus ein abgewetztes Lederetui hervor. Er klappte es auf und zeigte seinen Dienstausweis vor, was ein paar genervte Seufzer erzeugte.
»Das ist kein Karnevalsscherz.« Er sah sich um und entdeckte seinen steten Begleiter, der sich in seiner Matrosenkluft nun nicht mehr ganz so wohl fühlte.
»Schmidt, sie postieren sich an der Tür. Niemand darf den Laden hier verlassen. Dann rufen sie die Kollegen. Wir werden hier vielleicht Verstärkung brauchen.«
»Was wird hier eigentlich gespielt?« wollte nun ein Mann im Gorillakostüm wissen.
»Hier in der Ecke liegt eine Leiche.« meldete sich nun auch Bettina zu Wort, die mittlerweile ganz blass im Gesicht geworden war.
Sofort wurde es unruhig in der Kneipe. Die Menschen bekamen Angst.
»Es besteht kein Grund zur Sorge. Es wird hier keine Toten geben.« Zimmermann war einen Blick auf den Clown. »Zumindest keine weiteren mehr. Trotzdem kann ich zum jetzigen Zeitpunkt niemanden gehen lassen. Der Mörder könnte sich noch hier im Raum befinden.«
Der Kommissar warf einen grimmigen Blick in die Runde und versuchte alle Augenpaare jeweils einmal direkt anzusehen.
»Und ich werde ihn noch heute Abend zur Strecke bringen.«

Es war alles andere als einfach, Ohne die üblichen Hilfsmittel der Polizei, auf Spurensuche zu gehen. Überall drängten sich die Partygäste und standen im Weg. An Gummihandschuhe war auch nicht zu denken. Der Kneipenbesitzer hatte die seinen schon vor längerer Zeit aus dem Verbandskoffer entnommen und nicht wieder ersetzt.
»Treten sie bitte zurück.« wandte sich Inspektor Schmidt minütlich an die Menschen um ihn herum. »Es gibt hier wirklich nicht zu …« Er seufzte leise. »Machen sie bitte einfach nur Platz, damit wir einigermaßen arbeiten können.«
»Und wenn hier auch nur einer Fotos oder Videos macht, um sie bei Facebook und Co. zu veröffentlichen, dann schleife ich denjenigen höchst persönlich an den Ohren hinter Gittern.« zischte Zimmermann verärgert hinterher, ohne auch nur ein einziges Mal in die Runde zu blicken. Die anschließenden Geräusche verrieten ihm aber sofort, dass in diesem Moment einige Smartphones von der Bildfläche verschwanden.
»Der Mann ist eindeutig vergiftet worden.« beendete er nach ein paar Minuten seine Untersuchung.
»Woher wissen sie das so genau? Wir können hier vor Ort keine Autopsie durchführen.«
»Mensch, Schmidt, sind sie so blöd oder hat ihr Gehirn unter dem Druck der Matrosenmütze gelitten?«
Er zog den Inspektor an den Mund der Leiche heran.
»Riechen sie das denn nicht?«
Schmidt schnüffelte vorsichtig und verzog dann das Gesicht.
»Der muss aber extrem viel getrunken haben. Man, ist das eine Fahne. Sind sie sicher, dass der Clown nicht an einer Alkoholvergiftung verstorben ist? An Karneval soll das manchmal vorkommen.«
Zimmermann schüttelte den Kopf. »Da ist eindeutig eine leichte Duftnote von Rattengift.«
»Und das riechen sie unter dem Alkohol heraus?«
Der Kommissar nickte. »Genau das. Und die leere Giftpackung unter dem Tisch hat mich in meiner Feststellung bestärkt.«
»Das kann doch nicht sein. Das ist aus meinem Kneipenkeller.« war der Wirt entsetzt. »Jemand muss sich daran zu schaffen gemacht haben.«
Es wurde still im Raum. In diesem Moment hätte man eine Stecknadel fallen hören können.
Zimmermann stand auf und sah sich um. Er hielt die gefundene Verpackung in die Luft.
»Das hier ist die Mordwaffe. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich der Mörder noch unter uns befindet. Ich werde ihn finden. Vorher verlässt niemand die Kneipe. Sie könnten also sich, mir und allen anderen viel Zeit ersparen, indem sie sich gleich jetzt stellen und die Sache vereinfachen. Ansonsten werde ich an allen anwesenden Händen riechen, bis ich den Täter gefunden habe.
Betretenes Schweigen. Alle sahen sich um, in der Hoffnung, dass sich eine Hand heben würde. Aber nichts geschah.
»Dann her mit den Händen.«
Doch dann trat ein schmächtiger Cowboy vor.
»Der Mistkerl hat meine Frau angebaggert. Was sollte ich denn machen? Sollte ich etwa zusehen, wie sie sich ihm um den Hals wirft?«
»Du hast wirklich geglaubt, ich würde mit einem anderen flirten? Was denkst du eigentlich von mir?« kam nun auch seine Frau nach vorn. »Ich bin keine billige Schlampe.«
»Fall gelöst.« grinste Zimmermann und flüsterte Schmidt zu.
»Wie gut, dass der Täter nervös geworden ist. Der Riechtest wäre glatt in die Hose gegangen.«
Dann setzte er sich wieder an die Theke und bestellte sich einen neuen Bierstiefel.

(c) 2015, Marco Wittler

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.