Doktor Zimmermann ermittelt (3) – Sport ist Mord [Regional-Krimi]

Posted by Marco on 5. März 2015as , , , , , , , , , , , , , ,

Sport ist Mord

»Müssen was für Figur machen, hat sie gesagt. Müssen Bauch kleiner machen. Mumpitz. Alles totaler Schwachsinn. Ich fühl mich gut. Ich bin in Form und topfit.« keuchte Doktor Zimmermann und hielt sich die Hände an die Flanken seines Oberkörpers.
»Ich werd nie wieder darauf hören, was mir dieses Frauenzimmer einzureden versucht. Die hat doch keine Ahnung. Ich hab gar keinen Sport nötig.«
»Ich kann hören, was Chef sagen.« beschwerte sich Adile lachend und lief mit Leichtigkeit an ihm vorbei.
»Sie werden danke sein, wenn wieder etwas schlanker.«
»Aber muss es ausgerechnet Jogging sein? Ich hab es schon in der Grundschule gehasst, laufen zu müssen. Ich war immer der Langsamste von allen.«
Der Doktor blieb stehen und drehte sich um. Von hier aus konnte er seinen Wagen erkennen, den er vor dem Schützenplatz des IBSV Platte Heide abgestellt hatte. Er sah so unendlich weit entfernt aus. So unerreichbar für jemanden, der bereits eine lange Strecke im Wald gelaufen war.
»Sollten wir nicht langsam umdrehen? Vielleicht schaffen wir den Rückweg sonst nicht. Wir haben bestimmt schon mehr als zwei Kilometer hinter uns.«
Adile schüttelte den Kopf. »Nix aufgeben so schnell. Chef brauchen noch mehr Bewegung.«
Sie holte ihr Smartphone aus der Tasche und warf einen Blick auf ihre Jogging-App.
»Bis Auto sind nur hundertachtzig Meter.«
»Was? Das kann doch nicht sein. Wir haben bestimmt schon mehr. Täuschen sie sich auch nicht?«
Aber die Technik war nicht zu überlisten.
»Wenn bei Praxis gestartet, wir hätten schon mehr geschafft. Ganzer Kilometer mehr.«
»Ja, na klar.«, beschwerte sich der Doktor. »Damit alle meine Nachbarn und Patienten sehen können, wie ich mich hier abmühe und schwitze. Nein, Danke. Dann laufe ich lieber hier im Wald noch eine weitere Runde.«
In diesem Moment erschallte ein lauter Knall durch die Bäume.
»Was war denn das?« wunderte sich der Doktor und sah zum Himmel hinauf. Es waren keine Wolken zu sehen.
»Es scheint ein Gewitter aufzuziehen. Wir sollten lieber umdrehen, bevor es uns erwischt. Sie wissen doch, Adile, dass mit Blitzen nicht zu spaßen ist.«
»Nix Gewitter. Handy sagt, dass heute schöner Tag ist.« Sie hielt ihm das Display unter die Nase, auf dem keine einzige Wetterwarnung verzeichnet war.
»Verdammte Technik. Ich dachte immer, die modernen Erfindungen sollten uns das Leben erleichtern und nicht gegen uns arbeiten. Das ist es immer, wovor die vielen Science Fiction Autoren warnen. Die Technik wird uns eines Tages überholen und ersetzen. Denken sie an meine Worte, wenn auf einmal ein Roboter meine Praxis putzt und sie arbeitslos sind.«
»Roboter nicht gut wie Adile.«
Es knallte erneut. Dieses Mal etwas lauter.
»Es kommt näher. Vielleicht doch ein spontanes Gewitter?«
Adile schüttelte den Kopf. »Nix Gewitter. Schuss von Pistole oder Gewehr.«
Der Doktor sah sich um, versuchte zwischen den Bäumen etwas zu erkennen.
»Das könnte der zuständige Jäger sein. Hin und wieder schießt er Wild, um den Bestand konstant zu halten. Rehe, Wildschweine, Hirsche und was weiß ich alles. Vielleicht auch Füchse und Wölfe.«
»Nein. Wolf nix leben in unsere Region.« wusste es Adile wieder besser, als ein dritter Schuss die Stille im Wald unterbrach.
»Vielleicht sollten wir umkehren. Bei der Jagd sollte man nicht stören, sonst kommen wir am Ende mit einer Ladung Schrotkugeln im Hintern nach Hause.«
Sie wollten schon kehrt machen, als Adile etwas auffiel. »Warum im Wald jagen, wenn keine Warnschild auf Weg? Jäger müssen warnen.
Schuss Nummer Vier knallte durch das Dickicht, gefolgt von einem lauten, aber kurzen Schrei.
»Welches Tier war das?« fuhr der Doktor erschrocken in sich zusammen. Er hockte sich zur Sicherheit auf den Boden.
»Nix Tier.« flüsterte Adile. »Das war Menschenschrei.«
»Dann hat es einen der Jäger erwischt. Wir sollten ihn suchen und dann Hilfe holen.«
Sie liefen los, immer in die Richtung, aus der der Schrei erklungen war.

Es dauerte ein paar Minuten, bis sie eine erste Spur gefunden hatten.
»Blutstropfen. Von einer Seite des Weges zur anderen. Der Getroffene hat sich noch durch den Wald geschleppt. Fragt sich nur, ob er von links nach rechts oder umgekehrt gelaufen ist.«
Adile sah sich um. »Muss dort sein. Fußabdruck zeigt Richtung.«
Sie setzten die Suche fort. Schon nach etwa einhundertfünfzig Metern hatten sie ihr Ziel erreicht. Auf einer kleinen Waldlichtung am Rande eines weiteren Weges lag ein regloser Mensch.
»Das ist ein Jogger.« war der Doktor entsetzt. »Wenn es den erwischt hat, kann es uns auch passieren. Wenn der Jäger seine Brille zu Hause vergessen hat, schießt er auf alles, was sich bewegt. Ich hab schon immer gewusst, dass Churchill Recht hatte. Sport ist Mord. Es wird mich auch niemand mehr vom Gegenteil überzeugen können.«
»Was machen jetzt?« wollte Adile wissen.
»Wir bleiben erstmal hier im Gebüsch und warten ab, bis die Polizei da ist. Ich habe keine Lust auch dort auf der Wiese zu liegen.«
Adile wählte den Notruf und erklärte der Polizei im Flüsterton, wo sie sich gerade befanden und was passiert war. Eine knappe Minute später tauchte auch schon die erste Beamtin auf, die mit gezogener Waffe auf die Lichtung trat.
»Das ging aber fix.« war der Doktor erleichtert. Schon wollte er aufstehen und sich als Zeuge und Anrufer zu erkennen geben, da zog ihn Adile wieder nach unten.
»Nix gutes Idee. Sehen auf Uhr.« flüsterte sie verschwörerisch. »Wann Anruf und wann Polizeifrau kommen?«
Das leuchtete ein. So schnell würde selbst Kommissar Zimmermann, der Bruder des Doktors nicht an einem Tatort erscheinen können. Und der hatte immer einen besonders guten Riecher, was einen Mordfall anging.
»Sie ist zu früh hier. Das stinkt irgendwie.«
Sie blieben also in ihrem Versteck und beobachteten weiter, während sich die Polizistin über das Opfer beugte, ihre Waffe auf dessen Kopf richtete und leicht mit dem Fuß ein paar gegen den reglosen Oberkörper trat.
»Tot.« Sie steckte die Waffe ein und wollte sich gerade auf den Rückweg machen, als die Sirene eines Streifenwagens in Hörreichweite kam. Sie bekam einen verwirrten Gesichtsausdruck, sah sich unsicher um, blieb aber an Ort und Stelle stehen, bis ihre Kollegen angekommen waren.
Zwei Männer in Uniform stiegen aus und sahen nicht minder überrascht aus.
»Steffi? Was machst du denn hier?« fragte einer der beiden.
Die Polizistin musste nicht lange überlegen, hatte allerdings ein leichtes Zittern in ihrer Stimme.
»Ich war gerade auf dem Heimweg, als ich einen Schuss hörte. Ich bin angehalten, um nach dem Rechten zu sehen. Vor ein paar Minuten fand ich dann diese Leiche. Offensichtlich von einem Jäger erschossen worden.«
»Sie lügt! Sie lügt wie gedruckt!« war der Doktor empört. Er lief im Gesicht rot und stürmte auf die Lichtung. Er war so schnell aufgesprungen, dass es Adile unmöglich war, ihn aufzuhalten.
»Ich hab alles mitbekommen und auch die Polizei informiert. Ihre Kollegin hat diesen Mann umgebracht.«
Der Doktor erntete einen kurzen, mit Boshaftigkeit belasteten Blick der Polizistin, bevor sie sich wieder in der Gewalt hatte.
»Was geht hier vor sich?« wollten die beiden Uniformierten wissen und legten ihre rechten Hände auf die Kolben ihrer Dienstwaffen.«
»Dieser Mann ist der Täter. Er hat diesen Jogger umgebracht. Nun versucht er, den Verdacht auf mich zu schieben, um aus der Sache raus zu kommen.«
Zimmermann lachte. »Sie können mir gar nichts. Ich sage die Wahrheit und das wissen sie auch.« Er drehte sich zu den Polizisten um. »Sehen sie sich doch ihre Dienstwaffe an. Wenn sie den Mann erschossen hat, sollten Patronen fehlen.«
Zur Vorsicht zogen die Männer nun ihre eigenen Waffen. Einer richtete sie auf seine Kollegin, der andere auf den Doktor.
»Bevor wir nicht wissen, was sich hier tatsächlich abgespielt hat, gehen wir keinerlei Risiko ein.«
Er streckte die linke Hand aus. »Steffi, gib mir bitte deine Waffe. Schön langsam, damit niemandem von uns etwas passiert.«
Die Polizistin öffnete den Knopf ihres Halfters, zog mit zwei spitzen Fingern die Pistole heraus und legte sie in die Hand des Kollegen. Der zog das Magazin heraus und sah es sich genau an.
»Alle Patronen drin. Damit ist definitiv nicht geschossen worden.«
Die Polizistin grinste den Doktor triumphierend an. »Verhaftet den Mann. Er hat einen Menschen getötet.«
Zimmermann wusste nicht, was er machen sollte. Er saß in der Falle.
»Ich habe ein Alibi. Meine Haushälterin ist meine Zeugin. Sie kann ihnen sagen, dass wir nur zum Joggen in den Wald gekommen sind.«
Er drehte sich zum Busch um, hinter dem er sich noch vor ein paar Minuten versteckt hatte. »Adile? Adile, wo sind sie?«
Hinter dem Busch blieb es still.
»Adile! Ich brauche ihre Hilfe! Kommen sie raus!«
Nichts.
Der Doktor stürmte auf den Busch zu. »Adile! Bitte!«
»Sofort stehen bleiben.« Nun waren drei Waffen auf den Doktor gerichtet. Die drei Polizeibeamten liefen ihm nach. Zeitgleich erreichten sie alle den Busch, hinter es niemand zu finden war.
»Sie ist weg. Vorhin saß sie noch mit mir hier und alles alles gesehen.«
»Sie sind vorläufig festgenommen.« Diesen Satz hörte Zimmermann wie aus weiter Ferne. Widerstandslos ließ er seine Hände auf dem Rücken in Handschellen legen.
»Bitte warten!« rief plötzlich eine Frauenstimme von der anderen Seite der Lichtung. »Bitte warten! Doktor nicht Mörder!«
Es war Adile, die nun über die Wiese lief. Auf ihren Armen lag ihre Joggingjacke, in der etwas eingewickelt war.
Als sie die Anderen erreicht hatte, blieb sie stehen und drückte ihre wertvolle Fracht den Männern in die Hände.
»Habe Mordwaffe gefunden.« keuchte sie.
Vorsichtig schlugen die Polizisten den Stoff der Jacke zur Seite. Darin lag ein Gewehr mit abgesägtem Lauf.
»Ist noch etwas Restwärme im Lauf. Sie muss Recht haben.«
»Schauen nach Fingerdrucke.« schlug Adile vor.
»Lasst das Ding fallen.« rief die Polizistin plötzlich. »Alle stellen sich jetzt zusammen. Wenn niemand den Helden spielt, muss auch niemand mehr sterben.«
Der Doktor grinste bitter, während die anderen Männer ihre Waffen auf den Boden legten.
»Das glauben sie doch selbst nicht. Wir sind Zeugen. Sie können uns nicht leben lassen.«
»Steffi. Was soll das denn? Bist du verrückt geworden, dass du hier deine Karriere aufs Spiel setzt?«
Sie lachte. »Was wisst ihr denn schon? Ich habe keine Lust mehr auf diesen miesen Job. Ständige Schichtwechsel, für die Bevölkerung ist man immer der Fußabtreter. Ich will raus aus der Nummer.«
»Und was ist mit dem Toten?«
»Der? Ist nur mein verhasster Bruder. Hat zufällig gerade eine Lebensversicherung abgeschlossen. Was kann mir besseres passieren? Ich kassier die Kohle und setze mich zur Ruhe.«
Sie hob das Gewehr auf, ohne die Anderen aus den Augen zu lassen.
»Und jetzt stellt euch schön neben der Leiche eng beieinander. Dann reicht vielleicht schon ein Schuss. Das Schrot wird euch erledigen.«
Sie lachte.
»So ein tragischer Unfall. Wie konnte der Wilderer nur seine Brille vergessen? Hat er doch glatt mehrere Personen mit einem Hirsch verwechselt. Leider kam ich zu spät, um jemanden zu retten oder den Wilderer zu stellen.«
Die Männer gingen langsam zum Toten. Adile folgte ihnen, stolperte aber über einen am Boden liegenden Ast und begann zu schreien.
»Au! Aua! Fuß kaputt. Sein gebrochen.«
Dicke Tränen liefen an ihrer Wange herunter.
»Das ist gleich vorbei. Du musst nur noch eine Minute durchhalten. Also stell dich nicht so an.«
Steffi griff nach Adiles Arm. Doch die Türkin drehte sich unerwartet um ihre eigene Achse und trat gegen die Beine der anderen Frau. Die Polizistin ließ vor Schreck das Gewehr fallen und stürzte der Länge nach hin.
Die uniformierten Männer sprangen auf. Einer von ihnen nahm das Gewehr und richtete es auf seine Kollegin.
»Es ist vorbei, Steffi. Gib auf. Du bist festgenommen.«
Sie spuckte verächtlich aus, sah aber ein, dass sie verloren hatte.
Dem Doktor war alles viel zu schnell gegangen. Er rappelte sich erst einige Augenblicke später auf, nachdem er begriffen hatte, was in den letzten Sekunden alles passiert war. Dankbar nahm er seine Haushälterin in den Arm und drückte sie an sich.
»Adile, sie sind eine Heldin. Ohne sie hätten wir das nicht überlebt.«
Adile grinste nur verlegen.

(c) 2015, Marco Wittler

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