Zimmermann ermittelt (16) – Ausländer raus!!! [Regional-Krimi]

Posted by Marco on 29. März 2015as , , , , , , , , , , , , , ,

Ausländer raus!!!

Es war ein herrlicher, warmer Frühlingstag. Der März zeigte sich von einer ungewöhnlich freundlichen Seite. Die Sonne schien, das Thermometer kletterte in Schwindel erregende Höhen und zwitschernde Vögel begannen bereits mit dem Nestbau. Eine Idylle, die zu Spaziergängen und Wanderungen regelrecht einlud.
Davon hatte sich unter anderem Anette einladen lassen. Endlich machte es wieder Spaß, mit dem Hund vor die Tür zu gehen. Nun war das auf ein Minimum beschränkte Gassi gehen vorbei. Sie konnte sich mit ihrem Golden Retriever Rüden Theo den Nachmittag am Felsenmeer vertreiben.
»Ist das nicht herrlich, Theo?« fragte sie immer wieder. »Ist das nicht ein tolles Wetter für uns beide?«
Sie hob einen Stock auf und warf ihn, so weit sie nur konnte, quer über die Wiese und sah ihrem Hund dabei zu, wie er dem heiß begehrten Gegenstand nach jagte. An diesem Spielchen konnten sie sich stundenlang erfreuen. Doch dieses Mal sollte es anders kommen.
Der Stock flog weit, ziemlich weit sogar, bis er zitternd in einer Hecke stecken blieb.
Theo raste ihm nach, blieb dann aber bellend vor der Hecke stehen.
»Was ist los, Theo? Kommst du etwa nicht ran? Gib dir mal ein wenig Mühe. So klein bist du nun auch wieder nicht.«
Lachend ging Anette auf ihren Hund zu, der sich gar nicht mehr beruhigen wollte.
»Warte. Ich helfe dir gleich. Mach nicht so ein Drama. Es ist nur ein Stock.«
Sie erreichte den Rand der Wiese und wollte gerade nach dem Stock greifen, als ihr ein stechender Geruch in die Nase stieg. Es roch wie in ihrer Küche, wenn sie vergessen hatte, das Fleisch vom Vortag wegzuwerfen. Es war allerdings mehr als nur ein Hauch von Verwesung.
»Welches Tier ist denn hier gestorben?«
Neugierig zog Anette ein paar Äste zur Seite, während Theo kaum noch zu bändigen war. Er wollte endlich in das Innere der Hecke.
»Aber … das kann ich nicht glauben.«
Panisch ließ Anette die Äste aus ihren Händen gleiten, während sie ein paar Schritte rückwärts tat.

Im Büro der Kriminalpolizei hatte es sich Kommissar Zimmermann gemütlich gemacht. Er hatte sich tief in seinen Ledersessel gelümmelt und die in alten Socken steckenden Füße auf den Schreibtisch gelegt. Sein Gesicht war hinter einem Romanheft versteckt.
»Perry Rhodan? Lesen sie das immer noch? Müssten sie nicht schon längst alles davon gelesen haben?« fragte Inspektor Schmidt neugierig.
»Nein!« kam eine brummige Antwort. »Das ist Band 2795.  Gibt jede Woche was Neues.«
Der Kommissar griff mit der linken Hand auf dem Schreibtisch ins Leere.
»Sie könnten ja mal für frischen Kaffee sorgen, Schmidt. Ich bin gerade beschäftigt. Spannende Stelle. Sie wissen schon.«
Der Inspektor seufzte und begab sich zur Kaffeemaschine.
»Aber kein Mädchenkaffee, verstanden? Ich brauche Koffein. Sonst läuft mein Motor nicht.«
Ein paar Sekunden später füllte sich das Büro mit einem leckeren Duft, als das Telefon klingelte.
»Gehen sie mal ran, Schmidt. Ich kann jetzt nicht.«
Auch das tat der Inspektor. Er ging zum Telefon des Kommissars und nahm das Gespräch an.
»Kriminalpolizei, Büro Zimmermann. Schmidt hier.«
Er hörte zu, nickte zwischendurch immer wieder und bekam einen besorgten Gesichtsausdruck.
»Ist in Ordnung, wir kommen sofort.«
Genervt warf der Kommissar seinen Roman auf den Schreibtisch.
»Lernen sie das eigentlich nie? Sie dürfen nicht ständig alles sofort zusagen. Wie soll ich denn jetzt erfahren, wie die Story endet? Ich hatte nur noch fünf Seiten. Jetzt muss ich sogar auf meinen Kaffee verzichten.«
Schmidt holte einen Metallbecher mit Schraubdeckel aus dem Schrank, füllte Kaffee hinein und zog sich eine Jacke über.
»Im Felsenmeer ist eine Leiche entdeckt worden. Die Kollegen von der Streife sind bereits vor Ort, um alles abzusperren und sich um die Zeugin zu kümmern.«
»Mensch, warum haben sie das denn nicht gleich gesagt. Wir sollten uns beeilen. Trödeln sie nicht immer so.«
Zimmermann sprang aus seinem Sessel auf, warf sich in seinen abgetragenen Mantel und stürmte aus dem Büro. Nur Sekunden später kam er wieder herein und zog sich seine Schuhe an.
»Und vergessen sie bloß nicht meinen Kaffee. Ich warte unten im Auto.«

Ein paar Minuten später fuhren sie auf den ehemaligen Parkplatz des Felsenmeers.
»Wir müssen etwa dreihundert Meter bis zum Fundort gehen.«
Mit schnellen Schritten erreichten sie eine Gruppe Polizeibeamter, die ungewöhnlich still wirkten.
»Was ist los? Hat es euch die Sprache verschlagen?«
Doch dann sah es Zimmermann selbst. Auf der Stirn des dunkelhäutigen Toten war ein Hakenkreuz eingeritzt.

»Verdammte Scheiße.« fluchte der Kommissar. »Wir haben es hier offensichtlich mit einem rechtsradikalen Hintergrund zu tun.« vermutete Schmidt.
»Ach? Wirklich? Sie sind ja ein Blitzmerker.« Zimmermann ging ein paar Mal im Kreis, um nachzudenken.
»Diese Sache müssen wir ganz anders angehen. Wir brauchen Leute, die sich in der rechten Szene auskennen. Hatte der Tote Papiere bei sich?«
»Papiere nicht,« erklärte einer der Polizisten, die schon etwas länger vor Ort waren »aber einen Zettel in der Tasche, auf dem das Opfer und auch die anderen Bewohner des Asylbewerberheims als ‚Kanacken‘ und ‚Schwarzfüße‘ diffamiert werden.«
Zimmermann zog sich ein Paar Gummihandschuhe über und ließ sich den Zettel geben.
»Das rechte Gesocks zeigt mal wieder besonders viel Intelligenz. Kanake schreibt man ohne ‚c‘. Interessant, dass dieser Begriff immer noch als Schimpfwort benutzt wird. Der Täter hat wohl nicht gewusst, dass er Kanake zu Recht benutzt hat. Das ist nämlich hawaiianisch und heißt nichts anderes als ‚Mensch‘. Zusätzlich hat man damit im späten 19. Jahrhundert die besonders fähigen Schiffskameraden aus Polynesien und Ozeanien bezeichnet. Es war also mal ein Ehrentitel. Es wäre wirklich schön, wenn das wieder ins Bewusstsein der Menschen zurückkehren würde.«
Andächtiges Schweigen machte sich in der Runde breit. Dieses Fachwissen hätte niemand dem Kommissar zugetraut.
»Was steht hier noch? ‚Wir wollen auch keine weiteren Moslems mehr in unserem Land. Wir wollen keine Islamisierung des Abendlandes.’«
Zimmermann schüttelte traurig den Kopf. »Es heißt ‚Muslime‘. Und offensichtlich ist das hier ein erstes Opfer, dass offensichtlich mit der PEGIDA Bewegung in Verbindung gebracht wird. Ich bin richtig entsetzt.«
Er wandte sich an seine Kollegen. »Wie sieht es mit der Zeugin aus? Kann ich mit ihr sprechen?«
»Wir haben sie bereits vernommen und ihre Aussage aufgeschrieben.«
»Das ist mir egal. Ich muss diesen Fall lösen, also spreche ich auch mit der Zeugin.«
Zimmermann stapfte an den Beamten vorbei und steuerte auf die einzige Frau in Zivil zu.
»Sie haben also den Toten hier gefunden? Was können sie mir noch sagen?«
Er ließ sich von Anette noch einmal genau erklären, wie sie, beziehungsweise ihr Hund die auf Leiche gestoßen war.
»Sonst können sie mir dazu nichts sagen?«
Anette schüttelte entschuldigend den Kopf.
»Aber vielleicht kann ich ihnen helfen. Ich hab hier was gesehen.« war plötzlich eine Stimme zu hören. »Lassen sie mich gefälligst durch. Ich bin ein Zeuge.«
Der Kommissar drehte sich um. »Lasst den Mann durch.«
Er war ein Jogger, gekleidet in teure Sportkleidung. »Ich bin hier täglich unterwegs, müssen sie wissen. Ich jogge immer um das Felsenmeer herum, weil es so schön ruhig ist und nicht so nach Abgasen riecht. Außerdem sind hier weniger Steigungen als oben im Wald. Deswegen …«
Der Kommissar unterbrach den Mann unwirsch. »Kommen sie endlich zum Punkt, bevor ich wieder ins Büro fahre.«
Der Mann schluckte.
»Es war vor fünf Tagen – nein, es waren sechs – da wollte ich wieder eine meiner Runden drehen, als ich hier zwei Männer gesehen habe. Der eine war offensichtlich Ausländer, der andere war glatzköpfig und trug Bomberjacke und Springerstiefel. Bestimmt ein Neonazi. Jedenfalls hat er den Ausländer beschimpt, der allerdings nicht viel davon verstanden hat. Konnte wohl unsere Sprache nicht. Mehr habe ich allerdings nicht gesehen, denn dann war ich schon um die nächste Kurve.«
Er seufzte. »Ist das nicht schrecklich, wie man mit den armen Flüchtlingen umgeht? Da werden sie in ihrer Heimat mit dem Tod bedroht und hier geht es ihnen nicht anders. Man sollte bei ihnen im Camp eine Polizeistelle einrichten, damit man sie rund um die Uhr beschützen kann. Und man sollte endlich gegen diese PEGIDA Leute vorgehen und diesen ganzen Mist verbieten, damit hier endlich wieder Ruhe einkehrt. Dieser ganze Ausländerhass geht mir unendlich auf die Nerven.«
Der Kommissar dachte ein paar Sekunden über das Gehörte nach und nickte schließlich. »Recht haben sie. Aber es kommt auf die richtige Methode an, mit der man gegen Rechts vorgeht. Nicht jeder Zweck heiligt die Mittel.«
»Ja, das sagen sie was.« stimmte der Jogger zu. »Das haben sie sowas von recht.«
»Ich werde vielleicht noch einmal mit ihnen sprechen müssen.« Er kramte aus seiner Manteltasche einen Zettel und einen Kugelschreiber hervor. »Schreiben sie mir bitte hier ihren Namen, Adresse und Telefonnummer auf. Gegebenenfalls rufe ich sie dann an.«
»Alles kein Problem.« Der Mann schrieb sofort alles auf.«
»Hm, ist ja interessant. Schmidt, kommen sie mal her.«
Der Inspektor warf gemeinsam mit dem Kommissar einen Blick auf den Zettel. Dann hielt Zimmermann den Zettel des Mörders daneben.
»Ist eindeutig, oder?«
»Der Meinung bin ich auch.« bestätigte Schmidt und holte seine Handschellen aus der Tasche, die nur wenige Sekunden später um die Handgelenke des Joggers einrasteten.
»Sie sind festgenommen.«
»Es kam mir doch gleich komisch vor.« murmelte Zimmermann vor sich hin. »Wie konnte dieser Zeuge wissen, dass auf diesem Zettel etwas von der PEGIDA stand? Offensichtlich hat er ihn selbst geschrieben. Selbst die Handschrift ist gleich. Die Frage ist nur, warum?«
»Ich wollte die Migranten in unserem Land beschützen. Ich wollte, dass endlich dieser PEGIDA Mist verboten wird. Dazu musste etwas Schlimmes passieren.« brüllte der Mörder. »Nur so kann man etwas bewegen. Es hätte auch wunderbar geklappt, wenn sie mir nicht dazwischen gefunkt hätten.«
Der Kommissar schüttelte seufzend den Kopf. »Der Zweck heiligt nicht die Mittel. Der Zweck heiligt niemals solch grausamen Mittel. Wann lernen das die Menschen endlich?«
Er nahm einen Schluck aus seinem Kaffeebecher und schlurfte langsam zurück zum Wagen.

(c) 2015, Marco Wittler

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