SR-1 [Science Fiction]

Posted by Marco on 19. Dezember 2013as , , , ,

SR-1

Das kleine Raumschiff glitt in den Normalraum hinein. Der lange Flug durch den Hyperraum war endlich vorbei. Astard und Tonim, die einzigen Besatzungsmitglieder des kleinen Forschungsschiffes Donor, setzten sich in der Kanzel vor ihre Monitore und begannen ihre Arbeit
„Was meinst du, wie sie sich entwickelt haben?“, fragte Tonim.
Astard, der Expeditionsleiter, antwortete nicht.
„Werden sie wohl unsere Ideen umgesetzt haben? Ich kann es gar nicht abwarten, die Früchte unserer Arbeit zu sehen.“
Astard drehte sich herum und sah seinen Kollegen ernst an.
„Wir werden schon früh genug sehen, wie es diesem Volk ergangen ist. Also reg dich nicht so auf. Unsere Forschungsergebnisse laufen uns schließlich nicht weg. Konzentrier dich lieber auf deine Aufgaben.“
Er wandte sich wieder seiner Arbeit zu.
Aus einem kleinen unbedeutendem Punkt im großen Sternenmeer erwuchs langsam ein blaugrüner Planet. Jedenfalls war es das, was die beiden Forscher nun erwarteten. Doch stattdessen näherten sie sich einer leeren, grauen Welt.
„Was ist das?“, fragte Astard.
Doch eine Antwort war noch nicht zu finden.
„Wo ist unser Zielplanet? Wir sind hier völlig falsch. Tonim check sofort die Koordinaten. Der Navigationscomputer muss einen Fehler gemacht haben.“
Tonim hackte auf seine Tastatur ein. Astard selber begann mit einer Untersuchung der Planetenoberfläche.
„Der Felsbrocken vor uns ist tot. Ich kann keinerlei Signale von Lebensformen erfassen. Die Kontinente sind verbrannt, die Ozeane giftig und alles ist hochgradig radioaktiv verstrahlt. Eine solche Hölle steht ganz und gar nicht auf unserer Liste. Hier ist ja auch kein Leben, wie wir es kennen, möglich.“
Tonim überprüfte ein drittes Mal die Koordinaten, kam aber immer auf das selbe Ergebnis.
„Wir sind eindeutig richtig. Ich kann nicht erklären warum, aber entweder ist das da vorn unser Zielplanet oder unser Navigationscomputer ist defekt.“
Astard erstarrte.
„Das kann nicht sein. Das darf einfach nicht sein.“
Ein weiteres Mal scannte er über die Oberfläche. Er konnte sich nicht erklären, was passiert sein konnte. Mittlerweile hatte er die Form der Kontinente mit den alten Aufzeichnungen verglichen. Es gab ein paar Abweichungen, offensichtlich war der Meeresspiegel angestiegen. Ein paar Kontinentalteile hatten sich abgespalten. Aber dies war eindeutig die kleine paradiesische Welt, die sie vor vielen Jahren besucht hatten. Etwas unglaublich grausames musste hier geschehen sein.
Zum ersten Mal kamen Astard Zweifel, ob sein Forschungsunternehmen richtig war. Hatte er auf dieser Welt einen Segen hinterlassen, oder war diese Zerstörung das Ergebnis seines Experiments?
Tonim runzelte die zerfurchte Stirn.
„Ich bekomme ein Signal rein. Es kommt nicht vom Planeten. Aber es muss irgendwo in der Nähe sein.“
Er navigierte das kleine Raumschiff langsam vorwärts, bis sie nach einer Weile einen kleinen Satelliten fanden.
„Er sendet eine sich wiederholende Binärfolge. Offensichtlich handelt es sich um ein Interface, dass auf eine Abfrage wartet.“
Astard überlegte nicht lange und begann, ein paar Befehle zu senden.
Doch in diesem Moment wurden alle Monitore schwarz, der Hauptschirm fiel aus und alle Energiepegel fielen auf Null.
Nur ein kleiner Lautsprecher knackte ein paar Mal, bis er begann, eine Nachricht wiederzugeben:

2. Januar
Die Feierlichkeiten der Jahreswende sind vorbei. Doch auch, wenn bei einigen Kollegen noch der Kater im Gebein sitzt, ruft die Arbeit. Professor Astard von der Berkeley University hat mir Pläne vorgelegt für den Bau eines neuartigen Positronenhirns. Diese bahnbrechende Erfindung wird unsere Forschungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz um Meilen nach vorne treiben. Endlich stehen wir kurz vor einem Durchbruch.
Noch immer kann ich mir nicht vorstellen, warum ein Wissenschaftler einer anderen Fakultät uns mit seinen Plänen betraut. Die Berkeley sollte doch selber daran interessiert sein, die größte Errungenschaft der Menschheit zu entwickeln. Doch nun wird der Ruhm uns gehören.

3. Januar
Es hat nur Minuten gekostet, die Universitätsleitung zu überzeugen, uns ein Labor und alle nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen. Die Notwendigkeit war allen sofort klar. Wir waren uns einig, dass wir vor einem neuen Zeitalter stehen würden.

20. Januar
Wir haben das Labor bezogen. Unter der Hilfe Astards haben wir die Pläne weiter entwickelt, ein paar Änderungen und Verbesserungen vorgenommen. Die ersten Bauteile sind geliefert worden. Nun können wir beginnen, die ersten Schritte zu gehen. Meine Aufregung ist auf einem Höchstpunkt angekommen.

22. Januar
Astard ist verschwunden. Der Professor ist nicht mehr aufzufinden. Es kommt mir beinahe vor, als wenn es ihn nie gegeben hat. Unsere Sicherheitsabteilung hat sich sofort auf die Suche gemacht. Die Angst bei uns ist groß, dass er die bisherigen Forschungsergebnisse an eine weitere Fakultät verkaufen will. Der Zeitdruck steigt plötzlich an. Wir sind gezwungen, so schnell wie möglich Ergebnisse zu liefern.

25. Januar
Wer ist Astard? Seit heute morgen der Bericht eintraf stelle ich mir praktisch minütlich diese Frage. Diese Person scheint es nie gegeben zu haben. Nachdem alle Universitäten des Landes, einschließlich Berkeley, sagten, diesen Mann nie gesehen oder etwas von ihm gehört zu haben, hat sich der Geheimdienst seiner angenommen. Doch bisher keine Ergebnisse. Unter diesem Namen gibt es keinen einzigen Menschen auf unserem Planeten. Wir wissen nicht, mit wem wir es zu tun hatten. Doch wer ist er? Und warum übergab er uns die Pläne ohne eine Gegenleistung zu verlangen? Die Rätsel vermehren sich, anstatt gelöst zu werden.
In der Zwischenzeit geht unsere Arbeit unaufhörlich weiter. Wir sind unserem Zeitplan weit voraus. Die Vorgaben unseres fremden Gönners waren schon sehr präzise. Mittlerweile sind wir sogar schon bereit uns auf ein Datum für den ersten Testlauf festzulegen. Der 1. April soll es sein. Manch ein Kollege witzelt daher schon, dass es sich nur um einen Aprilscherz handeln kann. Am 20. März werden wir die Presse und die Welt informieren, welche Entdeckung wir präsentieren wollen.

2. Februar
Wir haben einen Rückschlag erlitten. Einen ersten Prototypen ohne Speicher haben wir fertigstellen können. Es ist praktisch nur ein Rohbau, aber in seinen Grunzügen bereits funktionsfähig. Doch waren wir alle extrem überrascht wie viel Energie unsere Entwicklung braucht. Das Stromnetz der Stadt brach zusammen und nur Minuten später brannten unsere Notstromgeneratoren durch. Wir wissen nicht, wie wir das Problem lösen sollen. Das Positronenhirn scheint seinen eigenen physikalischen Gesetzen zu folgen.

3. Februar
Die letzte Nacht erscheint mir wie ein völlig irrealer Traum. Hätte ich nicht dieses Stück Papier in der Hand, während ich diese Worte schreibe, würde ich an mir selber Zweifeln.
Ich war in der Nacht durch ein Geräusch geweckt worden. Zuerst dachte ich an einen Einbrecher, doch dann stand er im Halbdunkel der Zimmerecke. Es war Astard. Er war wieder da. Und an seine Worte erinnere ich mich noch ganz genau, obwohl ich grad erst wach geworden war. Er sagte, dass er über unsere Probleme bescheid wusste. Dann reichte er mir einen Zettel mit einem weiteren Plan und ein kleines Päckchen, in dem sich der Prototyp befand, damit wir mit unserer Arbeit sofort fortfahren konnten. Dann schlief ich sofort wieder ein, als hätte mir jemand eine Familienpackung Valium in den Hals geschüttet. Und nun sitze ich hier mit einer Energiezelle, deren Aufbau ich noch nicht im Geringsten verstehe, aber erste Test ergaben, dass wir damit die gesamten Vereinigten Staaten für ein Jahr versorgen könnten.

(c) 2007, Marco Wittler

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