Das vierte Gesetz [Science Fiction]

Posted by Marco on 19. Dezember 2013as , , , , ,

Das vierte Gesetz

Nach und nach betraten die Studenten die Universität. Ihnen stand heute etwas Besonders bevor. Professor Isaac Bradbury hielt einen Philosophie Vortrag über Robotik und was einem solchen Wesen gestattet und was vorgeschrieben sein sollte. Aus diversen Erzählungen vorheriger Jahrgänge wussten sie alle, dass bei diesem Thema immer etwas überraschendes passieren würde. Alle waren mächtig gespannt, denn weiteres hatte ihnen niemand verraten wollen.

„Nehmen sie ihre Plätze ein, meine Damen und Herren, wir wollen keine unnötige Zeit vergeuden und steigen gleich in die Materie ein.“
Bradbury schritt unaufhaltsam von der Tür zu seinem Rednerpult vor und zog gleich alle Blicke auf sich. Mit einem Knopfdruck verdunkelte er den Hörsaal und aktivierte einen Videoprojektor. Auf der Leinwand im Hintergrund erschienen mehrere Zeichnungen von Robots, angefangen bei industriellen Fabrikhelfern, bis hin zu fiktiven Machwerken in menschlicher Form.
„Schon lange beschäftigt sich die Wissenschaft mit der Robotik. Zuerst waren sie geschaffen worden, um die Effektivität an Fließbändern zu erhöhen und den Störfaktor Mensch zu ersetzen. Die Folge waren hohe Arbeitslosenzahlen, die über viele Jahrzehnte nicht mehr in den Griff zu kriegen waren.
Ihnen folgten diverse Spielzeuge, Eroberer des Weltraums, künstliche Tiere und anderer Schnickschnack. Doch mittlerweile sind wir dank heutiger Mittel kurz davor eine künstliche Intelligenz zu erschaffen, die unserer Existenz ebenbürtig, vielleicht sogar überlegen sein wird.
Daher machen sich unsere Politker schon lange Gedanken darüber, wie man mit diesen mechanischen Wesen umgehen soll. Brauchen sie eigene Gesetze, brauchen sie eigene Freiräume? Man ist sich darüber noch lange nicht einig. Lobbyisten wollen sich an allen Ecken und Enden durchsetzen.
Aber heute sollen sie gefragt sein. Wie würden sie einen Robot einschränken? Was würden sie ihm zugestehen? Wer von ihnen macht einen Anfang?“
Bradbury blickte in die Runde. Nur zögerlich gingen einige Arme in die Höhe. Doch die Wortmeldungen waren alles andere als ergiebig.
Er soll guten Kaffee kochen können. Wenn er mein Geschirr spült, wäre das schon nicht schlecht. Er soll unseren Hund ausführen. Er darf mein Zimmer aufräumen. Wenn er genug im Kopf hat, darf er sich um meine Doktorarbeit kümmern.
Den einen oder anderen Lacher gab es schon für diese und andere Bemerkungen, aber sie führten alle in die falsche Richtung.
„Es ist natürlich eine schöne Sache, wenn einem eine Maschine alle unangenehmen Arbeiten abnimmt.“, schloß der Professor diese Runde. „Aber das ist eigentlich nicht das, was ich von Studenten ihres Grades erwartet hatte. Strengen sie ihre Köpfe an. Lassen sie mich hören, welchen Gesetzen ein Robot folgen soll, damit er nicht zum Problem in der menschlichen Gesellschaft wird.“
Noch bevor er erneut nach Meldung Ausschau hielt, ging er in einen Nebenraum und brachte eine große Kiste herein. Als er sie öffnete kam ein Robot zum Vorschein.
„Dies hier ist einer der ersten Kyberneten, die hier an der Universität entwickelt worden sind. Er wird uns bei unserer kleinen Diskussion unterstützen. Mal schauen, ob wir so weiter kommen.“
Er sah in die Runde und blickte einen Studenten in der ersten Reihe ernst an.
„Nun, Mr. Jennings, fällt ihnen vielleicht eine erste wichtige Regel ein für unseren Robot?“
„Er sollte alle Befehle ausführen, die man ihm gibt.“
„Gut, probieren wir das doch aus.“
Bradbury legte ein großes Messer in die Hand der Maschine. „Robot Alpha, töte Mr. Jennings.”
Der Kybernet bewegte sich nicht. Jennings hingegen sprang entsetzt auf.
„Wie sie sehen, ist das erstellen von Gesetzen nicht so einfach, wie man es sich vorstellt. Damit wären wir auch schon beim ersten Problem angekommen. Gelöst hat es allerdings schon vor uns jemand. Isaac Asimov, berühmter Mathematiker, Physiker und Buchautor hat das erste Robotgesetz wie folgt verfasst: Ein Robot darf kein menschliches Wesen verletzten oder zulassen, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.“
Der ganze Saal atmete auf.
„Das zweite Gesetz haben sie ebenfalls gerade schon erleben dürfen. Ein Robot muss dem Befehl gehorchen, der ihm von einem Menschen gegeben wurde, es sei denn, der Befehl kollidiert mit Regel Eins.“
Eiligst wurde alles zu Papier gebracht. Es raschelte ein paar Sekunden, dann wurde es wieder still.
„Kommen wir zum dritten und letzten Gesetz. Robot Alpha, dreh dich im Kreis und töte dich.“
Die Maschine drehte sich tatsächlich, wurde danach aber wieder unbewegt.
„Ein Robot soll in jedem Fall seine Existenz schützen, solange er dadurch nicht Regel Eins oder Zwei verletzt. Er würde sein Leben immer für das ihre geben.“
Der Professor ging zurück zum Rednerpult. „Dies sind bisher nur Dinge, die in Romanen vorkommen. Nichts davon steht in unseren Gesetzbüchern, da es Robots noch nicht in Serie gibt. Aber die Zukunft holt uns schneller ein, als sie alle denken. Sie selber werden später in wichtigen Positionen sitzen und sich über all das Gedanken machen müssen. Ich hoffe sie beherzigen den heutigen Tag, wenn es soweit ist, egal, ob sie Politker oder Wirtschaftsboss sind.“
Er machte eine künstlerische Pause. „Allerdings maße ich mir an, dem großen Asimov noch eine weitere Regel hinzu zufügen. Ich nenne sie die goldene Regel. Kann sich jemand denken, was ich meine?“
Betretenes Schweigen füllte den Saal. Niemand meldete sich.
„Ein Robot kann uns schwere und unangenehme Arbeiten abnehmen. Er kann unsere Pflichten übernehmen. Aber niemals darf er einen Menschen ersetzen. Er darf nicht in unsere Rolle schlüpfen und uns aus unserem Lebensraum verdrängen, denn das könnte das Ende unserer Zivilisation sein. Sobald sich jemand denkt, dass ein Roboterkind pflegeleichter als ein Richtiges ist, ist unser Fortbestand gefährdet.“
Dann sprach plötzlich der Robot. „Und wir könnten uns unter die Menschen mischen, ohne dass sie uns von sich unterscheiden könnten.“
„Ich kann mir nicht denken, dass eine Maschine uns so kopieren könnte“, ertönte es aus einer der höheren Reihen.
Bradbury nickte nur, ergriff mit beiden Händen seinen Kopf und nahm ihn von seinen Schultern. Er war nichts weiter als eine Maschine. Der Robot tat es ihm gleich. Doch diesmal erschien der wahre Kopf des Professors. „Und der Robot kann es doch, wenn wir es zulassen. Behalten sie das immer im Kopf, wenn sie eines Tages eine Entscheidung treffen müssen.“
Er schaltete den Kyberneten an seiner Seite ab und beendete die Vorlesung.

(c) 2007, Marco Wittler

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