Die Flucht [Science Fiction]

Posted by Marco on 19. Dezember 2013as , , , , ,

Die Flucht

Haben wir uns selber des Paradieses beraubt? Diese und andere Fragen schwirrten mir durch den Kopf. Doch stand ich mit meiner Meinung recht einsam da.

Die technische Weiterentwicklung hatte einen großen Sprung nach vorn getan. Innerhalb der letzten einhundert Jahre hatten wir den Weltraum endgültig erobert und sogar die ersten Kolonien außerhalb der schützenden Erdatmosphäre gegründet. Die letzte Grenze, die sich uns bot, war überschritten. Doch damit endete auch der große Forscherdrang nach dem „Da Draussen“. Die Neugierde, die uns seit der frühen Steinzeit voran getrieben, ja, unsere Entwicklung entscheidend bestimmt hatte, kam völlig zum Erliegen. Wir wurden gemütlich und faul und brauchten jemanden, der unsere bisherigen Arbeiten für uns übernehmen konnte. Diesen Moment machte sich die Industrie zu Nutze. Es sollte nicht lange dauern, bis eine unüberschaubare Anzahl an Robot Modellen den Markt überschwemmten. Sie nahmen uns alles ab, was uns zu viel Zeit raubte. Die nächste Entwicklungsstufe unserer glorreichen Spezies war geboren: Die Couchkartoffeln, oder Homo Potato, wie der Lateiner sagen würde. Der Sinn des neuen Lebens bestand darin, sich vom Fernsehprogramm rund um die Uhr berieseln zu lassen. Kriege wurden beendet, da es keine Nöte mehr gab, die ein brutales Vorgehen gegen andere Völker rechtfertigten. Es musste niemand mehr hungern und jedweden Luxus gab es für jedermann im Überfluss. Die Menschheit hatte endlich den Weg in den Garten Eden gefunden.
Oder vielleicht doch nicht? Es gibt kein System, in dem sich jeder wirklich rund um wohl fühlt. Ein paar wenige von uns konnten oder wollten sich an diese neuen Verhältnisse nicht anpassen, sich nicht in die neue Gesellschaftsordnung einfügen. Das reine Leben in Luxus, Wohlstand und Gemütlichkeit bot keine Herausforderungen mehr. War diese bittersüße Existenz wirklich das so sehr ersehnte Paradies oder doch nur ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Ewigen Verdammnis im Fegefeuer der Hölle? Wir hatten die Maschinen und die Robots erschaffen, damit diese uns dienen konnten. Doch machten wir uns nicht selber zu den Sklaven dieser Automaten, da wir immer abhängiger von ihnen wurden?
In meinen Augen beraubten wir uns tatsächlich des Paradieses. Doch der Großteil der Bevölkerung wollte das nicht einsehen. Sie erfreuten sich an der stetig wachsenden Zahl der Robots, die unsere eigenen Bevölkerungszahlen schon bald überholt hatte. Es gab von ihnen wesentlich mehr als von uns. Die Erde war im Begriff zu einer Maschinenwelt zu verkommen, wie sie schon in diversen Science Fiction Romanen und Filmen beschrieben wurden.
Zu diesem Zeitpunkt wurde mir einfach alles viel zu viel. Ich musste raus und das so schnell wie möglich. Ich bekam einfach nicht mehr genug Luft zum atmen. Auf diesem Planeten wurde es mir zu eng zum Leben. Hier konnte ich mich nicht mehr richtig entfalten, nicht mehr der Mensch sein, der ich sein wollte. Ich war dazu verdammt, mit diesen Blechkübeln zu leben. So konnte es nicht mehr weiter gehen.

Es war eine reichlich unüberlegte Kurzschlussreaktion, die mich dazu veranlasste, meine Wohnung zu verkaufen und die Erde zu verlassen. Mein Geld reichte gerade aus für eine einfache Passage zum Mars. Dort, in der Einsamkeit der roten Sandwüsten, gab es nur ein paar kleine Kolonien, in denen Körperkraft und richtige Arbeit noch sehr hoch geschätzt wurden. Dort gab es keine Robots, nur die wenigen schweren Arbeitsmaschinen. Dort war ein Mensch noch etwas wert. Dort erwartete ich mir das wahre Paradies. Dort würde ich mich endlich wieder richtig geborgen fühlen können. Das war Freiheit für die Sinne und die Seele.
Acht Monate später im Tiefschlaf vergingen buchstäblich wie im Fluge. Für mein Gespür waren nur zwei Tage vergangen. Die erste Überraschung, die sich mir bot, erlebte ich bereits, als ich den Raumhafen verlies. Die kleinen, überschaubaren Ansiedlungen, die ich hier vorzufinden erhofft hatte, waren bereits großen Städten gewichen. Allein hier in Olympus City lebten mittlerweile über eine halbe Million Menschen. Ich musste mir eingestehen, dass meine Informationen über diesen einst so unwirtlichen Planeten völlig veraltet waren.
Zu meinem Glück wies man mir direkt eine kleine Wohneinheit im Randbereich zu, weit genug entfernt vom Zentrum. Dort waren die Straßen nicht so sehr überlaufen und ich konnte mich ganz entspannt in meine Arbeit stürzen. Allerdings währte diese Ruhe nicht sehr lange. Denn ein halbes Jahr später trafen erstaunliche Nachrichten von der Erde ein, die mich auf der einen Seite sehr erfreuten, auf der anderen aber äußerst beunruhigten. Die Menschen in der Heimat waren sich nun doch endlich bewusst geworden, dass sie durch ihre erst so geliebte Bequemlichkeit erheblich eingeschränkt wurden. Die Robots achteten mittlerweile, gemäß ihrer Programmierung, darauf, dass ihren Herren nichts geschah. Alle gefährlichen Tätigkeiten wurden unterbunden. Dazu gehörte auch das Rauchen, der Genuss von alkoholischen Getränken und jegliche Sportarten bei denen ein Verletzungsrisiko bestand. Der Preis für die Bequemlichkeit ist die Freiheit.
Kurz gesagt, der Besitz von Robots auf der Erde wurde verboten. Alle Modelle mussten umgehend abgeschaltet und an zentralen Sammelstellen abgegeben werden. Die terranische Regierung hatte zuerst mit Protesten gerechnet, aber genau das Gegenteil war der Fall. Die Bürger kamen dieser Aufforderung nur zu gerne nach.
Doch anstatt, dass die nun nutzlos gewordenen Maschinen auf dem Schrott landeten, funktionierte man sie zu großzügigen Geschenken für die Kolonien auf den anderen Planeten um. Dort würde man, jedenfalls nach Ansicht des Präsidenten, helfende Hände sehr gut gebrauchen können.
Plötzlich wünschte ich mir nichts sehnlicher, als eine Passage zurück nach Hause. Allerdings war mein Kontostand ganz anderer Meinung. Dort herrschte seit meiner Ankunft hier oben eine chronische Ebbe. Mir blieben also nur noch acht Monate, bis die Robotflut den Mars überschwemmen würde.
Der Tag meines persönlichen Grauens kam schnell. Im Gegensatz zu mir waren die übrigen Kolonisten in heller Aufregung. Sie freuten sich auf Wohlstand und übermäßig viel Freizeit. OH, ihr Unwissenden. Ihr armen fehl geleiteten Seelen. Nun ist auch euer Paradies dem Untergang geweiht. Es führt kein Weg daran vorbei. Schon bald werdet auch ihr die Zeichen des Verfalls erkennen. Doch dann will ich schon nicht mehr unter euch weilen.

Aber wie sollte ich es anstellen, von diesem Planeten zu entkommen, wenn ich mir den Flug in die Heimat nicht leisten konnte? So entschloss ich mich notgedrungen hier zu bleiben und abzuwarten, wie sich alles entwickeln würde. Ein kleiner Funke Hoffnung brannte noch in mir in meiner Brust. Vielleicht würde es gar nicht so schlimm werden.
Doch da hatte ich mich grundlegend getäuscht. Denn es kam sehr viel schlimmer. Innerhalb der ersten drei Stunden verteilten sich die Robots über den gesamten Mars. Da die menschliche Bevölkerung hier oben zwar schon recht zahlreich war, aber im Vergleich zur Erde immer noch recht klein, standen plötzlich jedem zehn der verdammten Kyberneten zur freien Verfügung. Man musste nur noch zugreifen. Die Blechkerle waren einfach überall. Nirgendwo gab es noch ein ruhiges Plätzchen für mich. Ich war von ihnen umzingelt. Sie umsorgten und umhegten mich. Jegliche Arbeit nahmen sie mir ab, achteten darauf, dass ich rund um die Uhr vor allen Gefahren bewahrt wurde. Es war grausam, nicht mehr auszuhalten. Der rote Planet verwandelte sich von einem Augenblick zum anderen in ein einziges großes Pflegeheim. Am liebsten wäre ich schreiend in die Wüste hinaus gerannt, doch der Sauerstoffgehalt war einfach zu niedrig, um länger als eine Minute überleben zu können.
Geschlagene drei Tage hielt ich durch, dann rissen meine Nerven entzwei. Es war vorbei. Ich musste raus. So schnell wie möglich musste ich zurück zur Erde. Nur dort konnte ich jetzt noch meinen Seelenfrieden finden.
In meiner großen Verzweiflung setzte ich mich an das Visifon und rief meinen Vater in der alten Heimat an. Voller Herzschmerz und Inbrunst erklärte ich ihm mein Problem und die Qualen, die ich hier erleiden musste. Wie ich es erwartet hatte, ergriff ihn sofort ein tiefes Mitgefühl für meine Situation. Er begriff genau, wie schlecht es mir ging. In diesem Moment bat ich ihn, mir das Geld für den Flug nach Hause auf mein Konto zu überweisen. Ich wusste, dass er über genug finanzielle Mittel dafür verfügte. Seine Firma hatte ich schon vor langer Zeit zu einem reichen Mann gemacht.
Doch zu meiner Überraschung sagte er Nein. „Ich kann dir das Geld nicht geben, mein Sohn. Die Dinge hier unten haben sich völlig verändert. Glaube mir, ich würde dir wirklich gerne helfen. Nur zu gern würde ich dich zu mir holen und dich an meine Brust drücken. Aber mir sind die Hände gebunden. Es liegt nicht mehr in meiner Macht dir zu helfen. Es tut mir wirklich leid.“
Ohne ein weiteres Wort unterbrach ich die Verbindung. Ich hatte noch die Tränen in seinen Augen gesehen. Ich wusste genau, wie sehr es ihn schmerzte, mir nicht helfen zu können, auch wenn er mir die Gründe dafür nicht genannt hatte. Trotzdem war ich so sehr verletzt, dass ich vorerst nicht mehr mit ihm reden wollte. Mein eigener Vater hatte mich verstossen. Nun war ich auf mich allein gestellt. Jetzt gab es niemanden mehr, der mir helfen würde. Jetzt gab es nur noch eine Möglichkeit, von hier zu entkommen. Zugegeben, sie war verrückt, aber die einzige Chance, die mir jetzt noch blieb. Würde ich sie nicht ergreifen, würde ich in dieser Blechlawine ertrinken.
Ich kramte zusammen, was ich finden konnte. Alles, was mir irgendwie wichtig erschien, landete in einem kleinen Rucksack, welchen ich mir anschließend auf den Rücken schnallte.
Nur weg von hier.
Ich ging zum Raumhafen. Dort starteten und landeten täglich irgendwelche Schiffe. Die Passagierflieger konnte ich abhaken. Ich würde es nicht einmal bis zur Gangway schaffen. Ohne Ticket kein Flug. Die Sicherheitsbeamten waren da verdammt kleinlich. Selbst in Personalverkleidung würde ich es nicht an ihnen vorbei schaffen. Meine ID-Karte hatte dafür die falsche Kennung. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mich an Bord eines Transporters zu schmuggeln. Doch wie sollte ich das anstellen?
Ich näherte mich einem Schweber, der vor der Gütereinfahrt wartete, bis seine Papiere gecheckt waren. Selbst hier, weit von der Erde entfernt, war die Bürokratie nicht verschwunden. Aber dafür gab es mir genug Zeit, mich zwischen ein paar Containern zu verstecken.
Ein paar Minuten später war ich auf dem Gelände des Raumhafens und wurde direkt zu einem der großen Raumschiffe geflogen. Doch wie nun weiter? Jede Fracht wurde geprüft. Ich musste an den Robotern vorbei kommen. Also hatte ich nur eine Wahl. Ich zog einen Strahler aus der Tasche. Diese Waffe durfte sich eigentlich nicht in meinem Besitz befinden, aber auf dem Mars sah man gelegentlich darüber hinweg.
Ich sprang auf den Boden und sah mich um. Am Raumschiffschott standen sie zu zweit. Schrotttypen von der Heimatwelt. Wie sehr ich sie verabscheute und hasste. Am liebsten hätte ich sie sofort weg gepustet, aber das würde meine Chance auf eine Passage nach Hause nur noch verringern. Ich musste mich irgendwie an ihnen vorbei schleichen.
Eine erste Kiste wurde vom Schweber genommen und schwebte auf einem Antigravkissen zum Schott. Ich versuchte, mich daneben entlang zu schleichen. Doch als ich die Laderampe betrat, schrillte ein Alarmsignal los.
Eindringlingsalarm!
Ich war entdeckt. Und schon stürmten die Robots auf mich zu. Sie zielten mit ihren Waffen auf mich und verlangten von mir, dass ich die Hände hoch nahm.
Das war eine unglaubliche Unverschämtheit. Die Blechkerle befahlen mir etwas, mir, der ich doch ein Mensch war und so weit über ihnen stand.
Nun hob auch ich meine Waffe und schoss. Die beiden Wachrobots fielen direkt um und rührten sich nicht mehr. Das Glühen in ihren Augen erlosch.
Allerdings hatte ich nicht mit der Verstärkung gerechnet. Drei weitere Maschinen drangen ein, verfolgten mich durch die Gänge des Schiffes. Sie schossen, verfehlten mich. Auch meine Zielsicherheit wurde geringer. Ich war es nicht gewohnt während des Laufens zu schiessen und hinterließ unzählige schwarze Flecke auf der Gangverkleidung.
Zwei weitere Robots stürzten, zerstört durch meine Waffe. Der letzte von ihnen lies sich aber nicht abschütteln und kam mir immer näher.
Nach einer Abzweigung blieb ich stehen. Die Flucht hatte keinen Sinn. Ich musste mich ihm stellen. Ich stellte mich, wie ein Cowboy mittig im Gang auf und hielt meinen Strahler auf die Abzweigung. Sobald der Blechkerl auftauchte, würde ich schiessen.
Es kam aber anders, als ich dachte.
Er rannte an der Öffnung zu meinem Gang vorbei und schoss. Auch ich gab einen Schuss ab, verfehlte ihn aber.
Ein heißes Gefühl durchfuhr mich. Da war Schmerz und es roch verbrannt. Meine Beine knickten ein und ich fiel zu Boden. Er hatte meine Schulter durchschossen.
Schon sah ich vor meinem Inneren Auge, wie ich da lag, in meiner eigenen Blutlache, über mir der Robot. Er würde zielen und mich endgültig erledigen.
Und er kam tatsächlich. Aber er hatte nicht damit gerechnet, dass ich noch bei Bewusstsein war. Still lag ich da, bewegte mich nicht. Als er neben mir stand, rollte ich mich herum und schoss ihm den Schädel weg. Er stürzte und blieb neben mir liegen.
Ich hatte gesiegt. Vorerst jedenfalls. Doch nun wusste das Computerhirn des Schiffes bescheid. Man würde nicht starten, bevor man mich nicht gefunden hatte. Ich musste unbedingt raus, ein anderes Schiff finden.
Ich lief die Gänge entlang, suchte den Ausgang. Überall roch es nach verbranntem Kunststoff, nach getöteten Robots. Der Geruch widerte mich an. Am liebsten hätte ich mich übergeben.
Ich rannte die Rampe hinab und sah mich um. Da war ein weiterer Transporter. Er würde in ein paar Minuten abheben, denn nacheinander wurden die einzelnen Laderampen eingefahren. Das würde meine Chance sein.
Ich lief, was meine Beine her gaben. Doch was blieb, war der ekelhafte Geruch. Ich wurde ihn nicht mehr los. Es war, als würde er mich begleiten.
Und dann kam auch die Angst wieder, verbluten zu müssen. Ich griff mir an die Schulter, doch statt in eine blutende Wunde griff ich in ein Loch und es knisterte wie bei einem Kurzschluss.
Ich sah zur Seite und blickte in ein zerstörtes Wirrwarr aus verschmorrten Drähten.
Mir wurde schwindlig. Alles drehte sich plötzlich um mich. Wie konnte das sein? Was hatte das zu bedeuten?
Nein!
Das durfte einfach nicht sein!
Ich richtete den Strahler auf meinen Arm und schoss mir die Haut weg. Ich spürte keinen Schmerz, als sie verdampfte und unter ihr blanker Stahl erschien.
Das war es also. Das war der Grund, warum mich mein Vater nicht zur Erde holen konnte – nicht holen durfte.
Auch ich war ein Robot. Und ich hatte es nicht einmal gewusst. Ich selber gehörte zu denen, die ich am meisten hasste. Und nun war der Weg zur Erde für immer für mich versperrt.
Ich schrie. Ich schrie so laut, wie niemals zuvor. Die Wahrheit, die nun über mich herein brach, war nicht zu ertragen.
Ich nahm den Strahler ein letztes Mal hoch und schoss.

(c) 2007, Marco Wittler

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.