Vespucci [Science Fiction]

Posted by Marco on 19. Dezember 2013as , , , ,

Vespucci

08. Februar 2376
»Sir, sie eröffnen auf uns das Feuer.«
Lieutnant McMahon schrie förmlich durch die kleine Brücke.
Von einem Augenblick zum anderen wechselte die Standardbeleuchtung in ein grelles Rot. Die Alarmsignale gellten überall auf.
»Fähnrich Bowman, was machen die Schilde?«
»Sind bei dreissig Prozent.«
Captain Richards blieb die Ruhe selbst. In dieser Situation durfte er sich keinen Gefühlsregungen hingeben. Jetzt hiess es, Augen zu und durch, die Mannschaft zusammen halten und einen kühlen Kopf zu bewahren.
Es krachte. Die kleine Raumstation wurde durchgeschüttelt. Die Trägheitsabsorber versagten und einzelne Offiziere flogen durch die Brücke. Aus einer Konsole schlugen Blitze hervor, eine andere begann zu rauchen.
»Wir sind getroffen.«
»Schadensmeldungen, Bowman.«
Der Fähnrich kam vom Boden hoch, auf den es ihn geschleudert hatte. Mit der einen Hand hielt er sich an der Konsole fest, mit der anderen fragte er den Status der Station ab.
»Ich bekomme Meldungen von allen Sektionen. Überall nur leichte Verletzungen. Die Maschinensektion meldet den Ausfall eines Fusionsmeilers, die Lebenserhaltung arbeitet nur noch eingeschränkt und die Torpedophalanx ist komplett ausgefallen. Aber zumindest ist die Kommunikation wieder in Ordnung.«
Richards fluchte innerlich. Hätten sie es doch nur kommen sehen.

05. Februar 2376
»Wir sind jetzt fast im Halyra Sektor angekommen, Captain Richards. Wir werden sie in drei Stunden an ihrem neuen Arbeitsplatz absetzen können. Ich hoffe, sie haben die Zeit genutzt und sind gut vorbereitet.«
Admiral Benson hatte es sich nicht nehmen lassen, seinen Zögling aus vergangenen Tagen selbst an seinen neuen Einsatzort zu eskortieren. Das Flaggschiff der terranischen Streitkräfte, die EISENHOWER, trug auf ihrem Rücken die VESPUCCI, eine Forschungsstation der neuesten Bauart. In ihr arbeiteten 56 Menschen, erforschten und kartographierten Sonnensysteme in weit entfernten Sektoren der Milchstraße.
»Die wenigen Daten, die mir vorlagen, sind tief in mein Gedächtnis eingebrannt, Sir. Machen sie sich keine Sorgen. Wir werden unseren Zeitplan einhalten und dafür sorgen, dass die Planeten des Andaram Systems in drei Jahren so weit von uns untersucht wurden, damit eine baldige Kolonisierung beginnen kann.«
Der Admiral stand auf und reichte Richards die Hand.
»Löblich, Löblich. Wenn ich das so meinem Stab weitergebe, werde ich wohl einige Schulterklopfer ernten. Sie wären die ersten, die den Zeitplan einhalten würden. Ich hoffe, sie haben sich da nicht zu viel vorgenommen.«
Richards konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
»Ich hoffe, sie erinnern sich noch an unsere gemeinsame Mission auf Dolyn. Die Kartographie war immerhin zwei Wochen vor dem Plan. Es handelte sich zwar nur um einen einzelnen Planeten, aber was zählt ist, dass wir schneller fertig waren.«
»Doch nun haben sie es mit einem ganzen System zu tun und haben noch mehr Aufgaben. Aber ich denke, sie werden das mit Bravur meistern. Und ich glaube, ich habe leuten hören, dass man sie dafür mit einem Kommando auf einem Schlachtkreuzer belohnen will. Aber sie wissen ja, ich habe nichts gesagt.«
Benson zwinkerte kurz und wurde dann wieder ernster.
»Wir sehen uns dann in drei Jahren wieder, Captain.«
Beide salutierten voreinander und Richards verlies das Büro.

Sie waren am Ziel angekommen. Das Andaram System im Halyra Sektor war den Menschen bisher völlig unbekannt. Man wusste lediglich den Grundaufbau. Drei annähernd gleich große Sonnen, rote Riesen, die auf einer gemeinsamen Bahn um einen einen Mittelpunkt kreisten.
Allein schon dieses unglaubliche Phänomen hatte bei der ersten Entdeckung die wildesten Spekulationen angefacht. Viele Wissenschaftler waren sich sicher, dass es sich hierbei nicht um eine natürliche Konstellation handeln konnte. Vielmehr jemand dabei seine Hand im Spiel gehabt haben. Das war auch der eigentliche Grund der Erkundungsmission. Es sollten Kenntnisse gewonnen werden, ob an Ort und Stelle eine hoch entwickelte Zivilisation existiert hatte und wie sie die drei Sonnen hatte anordnen können. Die Besiedelung des Systems war nur zweitrangig und vorerst den Forschern vorbehalten, falls sich die bisherigen Vermutungen bestätigen würden.
Dreiundzwanzig Planeten zogen ihre Bahn um die drei Gestirne. Die ersten fünf waren glühende Felsbrocken. Aber die Nummern sechs bis neun lagen in der gemäßigten Zone. Ab der zehnten Welt handelte es sich nur noch um Gasriesen und von achtzehn bis dreiundzwanzig extreme Eiswelten.
Wobei es sich nun um bewohnbare Planeten, mit atembarer Atmosphäre handelte, war noch nicht klar. Doch dazu war die VESPUCCI schließlich hier her versetzt worden.
In ihrem Hangar standen zehn SURFACE LANDER und drei EXPLORER bereit, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Die EXPLORER waren Forschungsschiffe mit Überlichtantrieb. Sie dienten für die erste Kartographierung. Mit den kleineren SURFACE LANDERN konnte man auf der Oberfläche eines Himmelskörpers landen und genauere Untersuchungen vornehmen. Labore für Gesteins- und Pflanzenproben waren an Bord der VESPUCCI untergebracht.
Die Raumstation wurde an ihren Bestimmungsort gebracht. In einer Umlaufbahn um den sechsten Planeten wurde sie vom Trägerschiff abgekoppelt. Für einen letzten Abschiedsgruß erschien Admiral Benson auf dem Hauptmonitor der kleinen Brücke.
»Captain Richards, ich wünsche ihnen und ihrer Crew ein gutes Gelingen. Machen sie der Forschungsabteilung unserer Streitkräfte keine Schande. Ich will in drei Jahren wieder hier vor Ort sein und ihnen einen Haufen Lametta anhängen dürfen. Also geben sie sich Mühe.«
Die Übertragung brach ab und die EISENHOWER verschwand mit einem Sprung in dem Hyperraum.
»Ladys und Gentlemen, sie haben gehört, was der Admiral gesagt hat. Also machen sie sich an die Arbeit. Wir haben hier einige Planeten zu erkunden.«
Richards verlies die Brücke und ging in sein angrenzendes Büro. Während sich seine Leute nun in die kleineren Schiffe stürzen und in den Weltraum fliegen würden, hatte er einen Berg Schreibkram zu erledigen.

Logbuch des Captains, 05. Februar 2376, 0825 Uhr
Wir haben den ersten Zeitplan perfekt eingehalten. Punkt acht Uhr Bordzeit koppelten wir von der EISENHOWER ab und das Schiff des Admirals flog zurück zur Erde. Die Wissenschaftler an Bord unserer Raumstation sind voller Tatendrang. Obwohl der heutige Tag noch als Freizeit im Schichtplan steht, hat es niemanden davon zurück halten können, sich sofort auf die bevor stehenden Aufgaben zu stürzen. Die Geheimnisse des Andaram Systems üben einen zu großen Reiz aus. Ein erstes Team wird bereits in einer Stunde die Oberfläche des sechsten Planeten erreichen. Um den ersten Schritt auf dieser unberührten Welt ist bereits ein Wettrennen entstanden, denn wer als erster seinen Fuß auf diesen Himmelskörper setzt, darf ihm mit meiner Erlaubnis einen Namen geben. Es ist die Chance, sich für immer in den Sternenkarten zu verewigen.
Ich hingegen werde mich über die organisatorischen Dinge kümmern müssen. Der Dienstplan ab morgen bedarf noch einigen Korrekturen.

Gegen Abend kehrte das Landeteam zurück an Bord der VESPUCCI. Mittlerweile hatte der Planet den Namen McMahon’s Planet bekommen. Der Lieutnant hatte es sich nicht nehmen lassen den SURFACE LANDER selber zu steuern. Mit einem Trick hatte er sich auch den ersten Schritt auf der Oberfläche sichern können. Vom Cockpit aus hatte er die Schotten der Fahrgastzelle verriegelt und konnte so ganz gemütlich das kleine Schiff landen, den Antrieb deaktivieren und von Bord gehen. Erst dann öffnete er den verärgertern Wissenschaftlern von außen den Zugang.
Der schlechte Laune war allerdings sehr schnell wieder vergessen. Denn nun gab es für die Labore eine Menge zu tun. Das Team hatte mehrere Container mit Gesteinsproben mitgebracht. Ebenfalls waren einige Pflanzen und Insekten verschiedenster Arten dabei. Das sollte ausreichen, um mehrere Wochen beschäftigt zu sein.
Währenddessen zog die VESPUCCI ihre Bahn unaufhörlich um den Planeten und ein Fähnrich fügte Stück um Stück in einen virtuellen Globus in einem Hologramm ein.
Von einer zweiten Konsole führte einer seiner Kollegen Scans durch, die bis tief in unter die Oberfläche gingen, durch. So würden gleichzeitig etwaige Bodenschätze mit aufgezeichnet und eventuelle Hinterlassenschaften von Fremdzivilisationen entdeckt.
Wer in der Lage war, drei nahezu gleich große Sonnen in einem perfekten Dreieck zueinander zu stellen und sie um einem gemeinsamen Mittelpunkt kreisen zu lassen, der war auch in der Lage, Gebäude und Technik zu bauen, die die Ewigkeit überdauern würden. Sie mussten nur noch gefunden werden.
Gegen zweiundzwanzig Uhr gab es im Gemeinschaftsraum eine erste Besprechung und damit einen ersten Austausch der Informationen zwischen den einzelnen Abteilungen.
»Nachdem wir nun einige Stunden mit der Erforschung von McMahons Planeten«, allgemeines Schmunzeln machte sich im Raum breit, während der Captain die Diskussion begann, »verbracht haben, bin ich gespannt, auf welche Geheimnisse sie lüften und welche sich neu aufgetan haben. Zeichnet sich eine lohnende Arbeit für uns ab, oder werden wir die nächsten drei Jahre hier nur unsere Zeit verschwenden und dafür später auch noch hoch dekoriert werden?«
Der erste Bericht kam von der Kartographie. Fähnrich Allistair hatte bereits die Oberfläche des Planeten vermessen und konnte mit ersten Ergebnissen aufwarten.
»Wir haben es hier mit einem recht jungen Himmelskörper zu tun. Ein genaues Alter lässt sich noch nicht bestimmen, aber ich schätze, dass er jünger ist als die Erde. Das schließe ich aus der ungewöhnlich starken vulkanischen Aktivität sowohl auf den Kontinenten, als auch in den Ozeanen.
Nahezu jede bewohnbare Region ist durch Erdbeben gefährdet. Allerdings lässt sich das Ausmaß noch nicht bestimmten. Das wird die Zeit erst zeigen.
McMahons Planet hat einen Durchmesser von rund fünzehntausend Kilometern, eine Gravitation von 1,5g. Etwa siebzig Prozent der Oberfläche ist von den Ozeanen bedeckt. Die drei großen Kontinente befinden sich alle auf der Nordhalbkugel, während sich auf der anderen Hälfte lediglich eine überschaubare Anzahl von Inselgruppen befindet.
Die Rotationsachse ist um drei Grad geneigt. Dadurch sind die Jahreszeiten fast nicht spürbar. Wüsten gibt es keine, dafür aber eine recht hohe Gebirgszüge. Sämtliche Kontinente sind mit Vegetation bedeckt bis in eine Höhe von siebentausend Metern.«
»Höheres Leben haben wir bisher nicht entdeckt.«, schloss sich die biologische Abteilung an.
»In den Ozeanen fanden wir Einzellige Organismen und Lebewesen, die vom Entwicklungsstand mit terranischem Plankton vergleichbar sind. Auf den Kontinenten leben Einzeller, Kriechtiere und eine Vielzahl von Insekten. Allerdings muss ich dazu erwähnen, dass wir an einem Tag nur stichpunktartig einige Flecken untersuchen konnten. Ob wir an anderen Stellen auf weiter entwickelte Lebensformen und vielleicht sogar Intelligenzwesen stossen, lässt sich noch nicht sagen.«
Den Abschluss mit ihrem Bericht machten die Geologen.
»Die Kernstruktur ist noch nicht erforscht. Wir sind dabei eine Bohrstation einzurichten, um Proben des Planetenkerns zu bekommen. Allerdings können wir jetzt schon sagen, dass sich eine Ausbeute der Rohstoffe durchaus lohnen wird. Diverse Mineralien, allen voran Eisen, sind in Hülle und Fülle vorhanden. Praktisch jeder Quadratmeter kann genutzt werden. Ein besonderes Augenmerk sollten wir der Nordpolregion schenken. Unterhalb des Meeresgrundes haben wir große Mengen Hyperkristall entdeckt. Meines Erachtens sollten wir um vorrangig darum kümmern, da nirgendwo in bereits erforschten Regionen der Milchstraße eine solche Menge dieses seltenen Materials vorkommt. Damit könnten die Versorgungsenpässe der Flotte der Vergangenheit angehören. Falls sich dies nach ersten Probegrabungen bewahrheitet, sollten wir den Admiral darüber informieren, damit in ein paar Monaten bereits mit dem Abbau begonnen werden kann.«
Richards sah in die Runde. Er hatte gewusst, dass er sich auf seine Leute verlassen konnte. Und nun hatte er den Beweis. Mit so vielen Ergebnissen hatte er gar nicht gerechnet. Aber es zeigte ihm, wie Enthusiastisch seine Mannschaft war. Das selbst auferlegte Ziel, die Frist von drei Jahren zu unterschreiten war ein Stück näher gekommen.

06. Februar 2376
Captain Richards war praktisch gerade wieder aus seinem Bett gekommen, als die ersten Einsätze auch schon begannen. Von der Brücke aus, wollte er die Starts der SURFACE LANDER beobachten und zumindest per audiovisueller Verbindung dabei sein, wenn die ersten Proben genommen und einer ersten Analyse unterzogen waren.
An Bord der drei Shuttles war eine Horde arbeitshungriger Wissenschaftler, die es gar nicht erwarten konnten, sich in die Arbeit zu stürzen. Sie lechzten geradezu danach. Solche Leute durfte man in keinem Fall bremsen. Im Gegenteil, sie waren der wichtigste Teil dieser Mission. Mit ihnen stand und fiel alles.
Die kleinen Schiffe schleusten aus und rasten dem Planeten entgegen. In gut einer Stunde sollten sie auf der Oberfläche angekommen sein. Der Plan sah vor, zuerst eine kleine Basis einzurichten, die Instrumente und Geräte aufzubauen und anschließend die Proben zu nehmen.
Die Bergung eines Stückes Hyperkristall war die größte Herausforderung. Die Fundstätte lag unter eintausend Metern Boden begraben, der wiederum in etwa fünfzehntausend Metern Meerestiefe lag. Ein kleines Zwei-Mann-Tauchschiff war zwar auf dem Weg zum Planeten, aber dennoch lagen keinerlei Daten vor, die sich die Meeresströmung verhalten würde. Dies war definitiv der heikelste Punkt der gesamten Mission. Doch auch dies sollte zu schaffen sein. Die Besatzung der VESPUCCI war zwar tatendurstig, aber dennoch nicht so leichtsinnig sich unüberlegt in ein risikoreiches Abenteuer zu stürzen.

McMahon saß wieder hinter dem Steuerpult des SURFACE LANDERS. Eine Gewisse Spur Stolz schlich sich durch seine Gefühlswelt. Bald würde er erneut seinen Fuß auf seinen Planeten setzen können. Nur durch seine Dreistigkeit war ihm ein Eintrag in die Geschichtsbücher gelungen. Er hatte seinen Namen für die Ewigkeit festgeschrieben.
Mit der Leichtigkeit eines Segelfluges brachte er das kleine Gefährt zu Boden. Er setzte drei Mann und deren Materialcontainer ab und flog weiter zum Nordpol.
Da die Umweltbedingungen auf McMahons Planet nicht denen der Erde entsprachen, gab es an dieser Stelle keine Eiskappen. Es blieb dem Piloten nichts anderes übrig, als ein paar Luftkissen zu entfalten. Als er auf den passenden Knopf drückte, öffneten sich mehrere Luken in der Nähe der Landestützen. Sie füllten sich innerhalb weniger Sekunden mit Luft und deckten anschließend fast den gesamten Rumpf ab. So vorbereitet, würde das kleine Shuttle mühelos über den Ozean schwimmen können.
Kurz darauf öffnete sich die Ladeluke und das kleine Tauchschiff glitt gemächlich in das Wasser.
MacMahon stand neben der Luke und beobachtete die zwei verbliebenen Forscher, wie sie in das Gefährt stiegen.
»Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie gern ich dabei wäre.«, sagte er und grinste über das ganze Gesicht.
Für diesen Satz erntete der Pilot einen düsteren Blick. Noch immer nahmen sie ihm übel, dass er dem Planeten den Namen gegeben hatte. Dieses Privileg war bisher nur Wissenschaftlern vorbehalten gewesen. Noch nie hatte es jemand gewagt, sich über dieses ungeschriebene Gesetz hinweg zu setzen – bis zum gestrigen Tag.
Dieser Umstand war eine Schande. In den vielen Labors an Bord der VESPUCCI wurde bereits heftigst diskutiert, wie man diese Schmach dämpfen konnte. Würde auf der Erde erst einmal bekannt werden, wer McMahon wirklich war, wäre das Gelächter groß und Nachahmer würden sich in der Flotte rasend schnell verbreiten. Dies musste verhindert werden.
Der einzig annähernd vernünftige, aber in keiner Weise akzeptable Vorschlag war, dass sie dem Piloten einen Doktortitel ehrenhalber verleihen würden. Doch dass hätte dann seine Unverschämtheit noch bekräftigt.
Entsprechend kalt waren die Gefühle ihm gegenüber, den die beiden Forscher in diesem Moment hatten.
»Bleib du mal schön hier oben und spiel mit deinen Schaltpulten. Wäre ja noch schöner, wenn jede weitere Entdeckung deinen verdammten Namen tragen würde.«
McMahons Fisch, McMahons Krabbe, McMahons Tiefseegraben, McMahons Ozean.
Die Gedanken sprudelten nur so durch den Kopf des Piloten. Zwar klang dies alles etwas eintönig, aber um der Ewigkeit willen, würde er das nur zu gern akzeptieren. Aber diesmal würden die Ehren an zwei Studierte gehen, die vom wahren Forschergeist keine Ahnung hatten.
Verdammte Schreibtischtäter.

Es waren einige Stunden vergangen und der SURFACE LANDER war an Bord der VESPUCCI zurück gekehrt.
MacMahons Laune war nicht mehr ganz so fröhlich, da er die ganze Zeit über untätig hatte herum sitzen müssen, während sich die bei Freaks in den Tiefen des Ozeans hatten austoben dürfen. Und dennoch hatten sie sich für fast nichts interessiert. Sie hatten zwar einige Aufzeichnungen mitgebracht, die von den automatischen Sensoren gemacht wurden, doch schenkten sie ihnen keinerlei Beachtung. Die erstaunlich vielfältige Flora und Faune blieb unbeachtet und namenlos. Der Lieutnant hätte die beiden Kerle am Liebsten… Diesen Gedanken schenkte er sich dann doch.

In den Labors war hektische Betriebsamkeit ausgebrochen. Die ersten Bohrproben waren eingetroffen und wurden auf die einzelnen wissenschaftlichen Bereiche verteilt. Es war tatsächlich gelungen, einige Gramm Hyperkristall aus dem Boden zu holen. Nun musste bestimmt werden, um welche Art es sich handelte und wie rein er war. Vielleicht war man hier auf eine Goldgrube gestoßen. Doch das würde erst nach den Experimenten klar sein.

Captain Richards saß in seinem Büro und sichtete die ersten Berichte. Viel hatte er nicht zu tun, denn die ersten Auswertungen liefen noch. Seine Arbeit bestand derzeit lediglich aus delegieren und abwarten. Letzteres konnte er auf den Tod nicht ausstehen. Als Captain hatte man an Bord seines Schiffes zu bleiben und die wirklich aufregenden Aufgaben anderen Leuten zu übertragen. Dies war allgemein bekannt, war es doch eine der wichtigsten Statuten der Flotte. Daher hatte es Richards auch so lange wie möglich heraus gezögert, vom ersten Offizier zum Captain befördert zu werden. Doch irgendwann kam er nicht mehr drum herum, die Angebote eines eigenen Kommandos auszuschlagen, wollte er sich nicht seine weitere Karriere versauen.
Er nahm einen Datenblock zur Hand und schob ihn in das Lesegerät. Der Monitor zeigte einige unwichtige Listen an, die er auch nur mit halbem Herzen überflog – als plötzlich das Intercom Signal gab.
»Captain Richards, hier spricht Professor Stevens. Wir haben hier eine erstaunliche uns bisher unbegreifliche Entdeckung gemacht. Würde es ihnen etwas ausmachen, uns in der wissenschaftlichen Abteilung aufzusuchen?«
Der Captain nahm diese Anfrage nur zu gern an. So konnte er zumindest der Eintönigkeit seines Jobs entkommen.

»Mittlerweile haben wir erste Analysen des Hyperkristalls, der heute Nachmittag geborgen wurde, durchführen können. Allerdings sind wir auf einige seltsame Dinge gestossen.«
Stevens projizierte ein Hologramm in der Mitte des Besprechungstisches.
»Hier sehen sie die uns bekannten Hyperkristalle. Von außen sehen sie alle ziemlich gleich aus. Was sie aber unterscheidet, ist ihre innere Struktur.«
Das Holo änderte sich, zoomte in die Kristalle hinein. Nun wurde klar, was der Professor meinte. Die Gitterstrukturen waren alle verschieden und wiesen verschiedene Eigenschaften auf.
»Diese Strukturen sind dafür verantwortlich, mit welcher Frequenz ein Kristall schwingt. Alle Frequenzen sind haben eines gemeinsam, sie haben einen genau berechenbaren Zyklus. Dadurch sind mehr oder weniger für unsere Antriebe geeignet.«
Der Captain wurde langsam ungeduldig. Diese Fakten waren ihm mehr als bekannt. Sie waren Standardunterrichtsstoff an der Flottenakademie. Jedes Kadettenhirn wurde damit bis zum Umfallen gefüttert.
»Kommen sie zum Punkt, Professor. Was wollen sie mir mitteilen?«
Stevens rief ein weiteres Holo auf.
»Das hier ist eine unserer Proben. Wenn sie sich die Frequenz betrachten, werden sie ebenfalls diese Unregelmäßigkeit feststellen, an der wir uns bisher die Zähne ausbeissen. Seit geschlagenen drei Stunden rechnen unsere Computer daran herum. Aber sie konnten bisher keinen Logaritmus feststellen. Es ist, als würde sich einer von uns unter die Maschinen legen und wir versuchten, zu berechnen, wie sein Herz schlagen wird. Das nächste Rätsel ist die Kristallstruktur. Sie untescheidet sich gravierend von den Kristallen, die wir bisher kennen. In der Vergrößerung hat man das Gefühl, als würde die Struktur vibrieren und pulsieren. Wir wissen, dass dies nicht möglich ist. Ein Kristallgitter ist in sich gefestigt. Es muss sich dabei um eine optische Täuschung handeln, aber wir sind und nicht sicher, ob wie da wirklich richtig liegen. Je länger wir uns mit diesem Ding beschäftigen, desto verwirrter werden wir.«
Der Professor schaltete die Holos ab und erwartete ein paar aufmunternde Worte seine Vorgesetzten. Doch diese wusste sich auch keinen Rat.
»Vielen Dank, dass sie mich über die aktuelle Lage informiert haben. Ich werde die Fakten in meinem Bericht erwähnen. Wann denken sie, dass sie neue Ergebnisse zu erwarten haben?«
»Nun, das wird wohl er so weit sein, wenn in ein paar Tagen ein paar andere Proben genommen und ausgewertet wurden. Es kann sein, dass unsere Kristalle mit einem bisher unbekannten Material verunreinigt sind und wir daher falsche Messwerte bekommen haben. Wir brauchen einfach einige Gegenproben.«
»Gut, dann machen sie es so.«

07. Februar 2376

Richards brütete über dem Bericht, den er gerade verfasst hatte. Immer wieder sah er sich die Datenblätter der Wissenschaftler an, konnte aber mit seinem Halbwissen der Hyperphysik keine weiteren Schlüsse ziehen. Stattdessen entschloss er sich zu handeln.
Er betätigte das Interkom und rief seinen besten Piloten zu sich ins Büro.
»MacMahon, ich habe unsere Pläne bezüglich einer weiteren Probebohrung in ein paar Tagen geändert. Es gibt da jede Menge Ungereimtheiten, die schnell gelöst werden sollten, damit die Freaks in der Wissenschaft endlich wieder ihr Hirn frei bekommen. Mich nervt die ganze Sache mittlerweile schon.
Sie werden diesmal mit einem Team unter Wasser gehen. Der Chefingenieur rüstet bereits ein Shuttle für einen Tauchgang aus. Ich will, dass sie mit den Strahlern ein Loch in den Boden brennen, damit wir genügend Proben des Hyperkristalls bergen können. Ich will wenigstens fünf Kilo bis heute Abend an Bord haben.«
McMahon grinste breit. Das war genau, was er hatte hören wollen.
»Aye, Sir. Ich mache mich sofort auf den Weg in den Hangar. Vielleicht kann ich sogar helfen, die Arbeiten zu beschleunigen, damit wir schneller starten können.

Die Arbeiten waren in vollem Gange. Ein zusätzliches Triebwerk war gerade am Rumpf befestigt worden, dass es dem SURFACE LANDER ermöglichte, auch unter Wasser zu operieren. Momentan arbeiteten die Ingenieure an einer weiteren Strahlerbank, die am Bug angebracht wurde.
»Hey, Jungs, ihr haut ja mächtig rein. Mit dem schicken Ballermann kann ich mich bestimmt bis zum Planetenkern durchschlagen.«
McMahon stieg in das kleine Schiff und beschäftigte sich mit dem modifizierten Steuerpult. Er wollte vorbereitet sein, um eventuelle Fehler zu vermeiden.
Währenddessen kümmerten sich die Wissenschaftler um das kleine U-Boot, welches im Anschluss an die Bohrung die Proben aufnehmen sollte.

Am Abend gab es erneut Unruhe in den Laboren. Zum einen hatte McMahon einen großen Haufen Aufzeichnungen während seiner Tauchfahrt gemacht, saß nun an seinem Terminal und trug die neuen Spezies ein, die er entdeckt hatte. Mittlerweile trugen sechsunddreißig Tiere seinen Namen und achtundsechzig Pflanzen. Er konnte tatsächlich mit seiner Ausbeute zufrieden sein.
Die andere Sache betraf die Hyperkristalle. Ganze 11,6 Kilo davon befanden sich nun an Bord der VESPUCCI. So viel hatte sich noch nie an Bord eines Schiffes oder einer Raumstation der Flotte befunden. Der Antrieb benötigte lediglich dreihundert Gramm. Und noch einmal die gleiche Menge stand jederzeit als Ersatz bereit.
Die Test liefen auf vollen Touren, die Forscher waren nicht mehr zu bändigen. Den ganzen Tag über hatten sie sich auf die Experimente vorbereitet und nun schlugen sie sich noch die Nacht um die Ohren. Sie wollten unbedingt so schnell wie möglich mit Ergebnissen aufwarten können. Doch bis dahin sollte noch etwas Zeit vergehen.
Captain Richards besah sich diese Strebsamkeit über seinen Monitor, um keine wichtigen Entdeckungen zu versäumen. Mit den Arbeiten, die über seinem Tisch verteilt lagen, beschäftigte er sich nur noch nebenher. Auch ihn hatte das Fieber der Jagd gepackt.

Spät in der Nacht war es, als das Intercom summte und Richards aus seinem Traum erwachte.
»Sir, entschuldigen sie bitte die Störung, aber sie hatten uns gebeten umgehend Meldung zu machen, sobald wir zu ersten Ergebnissen gekommen sind. Würden sie bitte zu uns herunter kommen?«
Der Captain machte sich auf die Socken und stand ganze zwei Minuten später in einem der Labore.
Erneut wurden ihm Holos gezeigt.
»Das hier kenne ich schon. Das sind doch die ersten Kristalle, die sie geborgen haben.«
Stevens schüttelte den Kopf. Tut mir leid, Sir, aber sie irren. Dies sind keine Aufzeichnungen, sondern die aktuellen Bilder der neuen Proben. Die Bohrungen fanden an einer anderen Stelle der Vorkommens statt, aber die Ergebnisse sind identisch. Erneut diese sonderbaren Impulse und Frequenzen. Wir stehen vor einem Rätsel. Es wird wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen und einiger Tests bedürfen, bevor wir definitiv sagen können, um welche Art von Hyperkristall es sich hierbei handelt und ob das Material überhaupt für eine Nutzung in unserem Sinne in Frage kommt. Das alles können wir, nach meinen Berechnungen, frühestens in vier oder fünf Wochen sagen.«
Der Captain fluchte innerlich. Zuerst hatte er das Flottenkommando auf der Erde heiß gemacht, dass es unerwartet hohe Vorkommen des seltenen Kristalls gäbe, und nun musste er seine Vorgesetzten weiterhin um Geduld bitten. Das alles würde gar nicht gut in seiner Akte aussehen. Er war zu hitzköpfig und vorschnell gewesen. Nun musste er die Quittung dafür einstecken.
»Nun gut, dann tun sie, was in ihrer Macht steht und halten sie mich auf dem Laufenden. Ich will so schnell wie möglich Bescheid wissen. Mir sitzen meine Leute auch im Nacken und erwarten einen positiven Bericht. Also enttäuschen sie mich nicht, Professor.«

08. Februar 2376
MacMahon saß auf der Brücke. Der Dienstplan sah vor, dass der Lieutnant seine Schicht an Bord der VESPUCCI zu versehen hatte. Für einen Piloten war dies keine Erholung, sondern eine Strafe. Seine Bitte, um die dauerhafte Versetzung in einen SURFACE LANDER war abgelehnt worden. Offenbar waren seine Vorstöße in die Welt der Wissenschaft doch zu weit gegangen.
Nun saß er hier, zusammen mit Fähnrich Bowman und langweilte sich.
Hier gab es nichts zu tun. Zur täglichen Routine gehörten die Überprüfung der Systeme, das Abrufen der Statusmeldungen der einzelnen Stationen und die Testläufe der einzelnen Offensiv- und Defensivsysteme, sowie der sensorischen Phalanx. Alles Arbeiten, die der Fähnrich auch allein hätte absolvieren können. Und daher lies er es den jungen Bowman auch machen.
MacMahon überwachte in der Zeit die Kommunikation und lies seinen Blick immer wieder über den Hauptmonitor gleiten. Er konnte sich einfach nicht der Faszination dieses Anblicks entziehen.
Nach einiger Zeit stutzte er.
»Was ist das?«
Bowman sah auf und schaute nun ebenfalls in die Sterne.
»Was meinen sie? Ich sehe nichts.«
»Na, da vorn. Sehen sie nicht diesen Schatten. Es ist wie ein Flirren, als würde man das Sternenlicht auf heißem Asphalt betrachten.«
Der Fähnrich sah noch einmal hin, konzentrierte sich. Dann stand er auf und ging näher an den Schirm. Vorsichtig fuhr er mit der rechten Hand über die Sterne, die nun nur noch wenige Zentimeter von ihm entfernt waren. Dann machte er einen Schritt zurück.
»Da ist es. Jetzt erkenne ich es auch. Aber es ist nicht nur eins. Da sind noch zwei Felder. Was mag das sein? Sind die Sensoren defekt oder stellt der Schirm nur einfach alles falsch dar?«
MacMahon wurde nun etwas hektischer und nervös. Seine Finger flogen über das Touchpanel. Er rief sich Unmengen von Daten auf seinen kleinen Schirm, verglich die Parameter und Konfigurationen sämtlicher relevanten Systeme mit den Werten der letzten Tests.
»Alles ist in bester Ordnung. Ich kann keine Fehler feststellen. Da draußen ist irgendwas. Ich glaube, es ist besser, wenn wir den Captain informieren.«

Es dauert keine drei Minuten, da stand Richards zwischen seinen Leuten auf der Brücke. Auch er sah die undeutlichen Schemen, die die Sterne zum Flirren brachten. Solche Effekte sollte es eigentlich nur innerhalb von planetaren Atmosphären geben. Aber hier im Luftleeren Raum? Unvorstellbar.
»Haben sie die Umgebung nach Gaswolken oder dunkler Materie gescannt?«
»Ja, Sir, aber Fehlanzeige. Da draußen ist nichts, dass sich anmessen liesse. Es gibt einfach keine Erklärung für dieses Phänomen. Was halten sie davon, wenn ich mal mit einem Shuttle rüber fliege und mir das aus der Nähe ansehe?«
Der Captain legte dem Lieutnant eine Hand auf die Schulter.
»Das lassen sie mal schön bleiben, MacMahon. Ihren Forscherdrang in Ehren. Auf der einen Seite gibt es schon genug Dinge, die nach ihnen benannt wurden und auf der Anderen ist mir das einfach zu gefährlich. Wir wissen nicht, was das ist und was es mit ihnen anstellen könnte. Ich will erst mehr darüber wissen.«
Richards überflog noch einmal die Monitore, auf denen sich nichts tat, bevor er eine Entscheidung traf.
»Benachrichtigen sie die wissenschaftliche Abteilung. Zur Abwechslung können sich die Herren mal wirklich nützlich machen und heraus bekommen, was das da draussen für Dinger sind.«
MacMahon betätigte das Interkom, doch alles, was er zu Hören bekam war ein lautes Rauschen.
»Sir, da stimmt etwas nicht. Ich bekomme keine Verbindung.«
Er betätigte ein paar weitere Schaltungen und versuchte andere Abteilungen zu erreichen, doch jedes Mal mit dem gleichen Ergebnis.
»Irgendwas stört die Kommunikation.«
Richards setzte sich langsam in seinen Kommandosessel. »Oder jemand möchte nicht, dass wir untereinander kommunizieren. Stellen sie mir spaßeshalber eine Verbindung zum Flottenkommando her. Ich bin mir sicher, dass auch das nicht funktionieren wird.«
Der Captain sollte Recht behalten.
»Bowman, sie begeben sich sofort zu unseren Wissenschaftlern. Schaffen sie mir zwei oder drei von diesen Leuten hier rauf. Wenn sie jemandem unterwegs begegnen, sollen die weitere Offiziere hierher schicken. Ich brauche einen oder zwei Ingenieure, einen Sicherheitsmann will hier hier haben und für alle Fälle zwei Leute aus der Krankenstation. Und das alles möglichst Pronto und bis gestern.«
Der Fähnrich sprang auf und verlies die Brücke.
»Also wenn sie mich fragen, Lieutnant, ich habe ein scheiss Gefühl bei dieser Sache.«

Es dauerte fünfzehn Minuten, bis die Brücke vollzählig besetzt war. Nun wurde es zwar eng, aber die Situation schien solche Maßnahmen erforderlich zu machen. Mittlerweile waren auf dem Hauptschirm zehn der sonderbaren Schemen zu erkennen. Und sie wurden beständig größer.
»Kann mir mittlerweile irgendjemand sagen, womit wir es zu tun haben? Ich werde langsam nervös.«
Der Captain wanderte hin und her, setzte sich in seinen Sessel, stand wieder auf und wanderte weiter. Er hasste es, wenn er nichts tun konnte. Abwarten war einer seiner Schwachpunkte.
MacMahon trug sämtliche Ergebnisse zusammen, doch das war praktisch immer noch nichts.
»Wir haben weiterhin nichts in der Ortung. Die Sensoren wurden bereits zweimal manuell überprüft, aber Fehler wurden keine festgestellt. Wir können uns nur auf unsere Augen verlassen.«
Richards wandte sich an die Wissenschaftler. »Wann wird die Sonde einsatzbereit sein?«
Stevens hatte nur auf sein Stichwort gewartet und stand sofort unterwürfig neben seinem Vorgesetzten.
»In diesem Moment wird sie in den Torpedoschacht eingeführt. Sie müssen praktisch nur noch auf den Auslöser drücken, sobald sie in den nächsten zwei Minuten grünes Licht bekommen.«
»Das wird ja auch mal langsam Zeit.«

Es dauerte drei Minuten. Sobald die Anzeige die Farbe wechselte, schlug der Captain auf sein Pult. Sekunden später jagte das kleine Geschoss in den Pulk der unbekannten Objekte – und verschwand.
»Was ist da passiert?«
Helle Aufregung erfüllte die Brücke. Damit hatte niemand gerechnet.
»Bowman, vergrößern sie mir sofort den Bereich, wo die Sonde zuletzt zu sehen war.«
Der Fähnrich betätigte ein paar Tasten, bis sie es alle sahen.
Im Leerraum trieben feine Staubpartikel. Mehr war von der Sonde nicht übrig geblieben.
»Ich will sofort die Aufzeichnungen sehen. Wir müssen wissen, was da passiert ist. Wenn diese Dinger eine Art Gravitationsfelder sind, müssen wir das schnell heraus bekommen. Ich habe keine Lust hier drin hilflos zerquetscht zu werden.«
Alle Personen auf Brücke stürzten sich wieder an die Arbeit und werteten die Messergebnisse aus. Währenddessen spielte Bowman die Aufzeichnungen ab. Und tatsächlich, von einem zum anderen barst die kleine Sonde auseinander. Allerdings war nicht zu erkennen, was die Schuld an dieser Zerstörung trug.
MacMahon drehte sich herum. Er war kreidebleich. Alle Farbe war aus seinem Gesicht verschwunden. »Sir, da tut sich etwas.«
Auf dem Hauptschirm erschien nun wieder das aktuelle Bild. Die undeutlichen Schemen verschwanden allmählich. Zum Vorschein kamen zehn riesige Raumschiffe.
»Wer ist das?«
MacMahon arbeitete bereits fieberhaft an einer Identifizierung.
»Tut mir leid, Sir, aber ich finde nichts Vergleichbares in der Datenbank. Mit solchen Schiffen hatte die Flotte bisher noch keine Kontakte.«
Richards wurde nervös.
»Ich fresse einen Besen, wenn die zu friedlichen Zwecken hier raus gekommen sind. Sonst hätten sie sich nicht in einem Tarnschild heran geschlichen.«
Plötzlich schrie Stevens durch die Brücke. »Ich kann etwas anmessen. Die Sensoren haben die Schiffe erfasst. Da drüben steigt das energetische Niveau rapide an.«
Der Captain lies sich in seinen Sessel fallen und brüllte ein paar knappe Kommandos.
»Sofort die Schilde hochfahren. Ich hab heute Abend noch was vor. Also sollten wir verhindern, in den nächsten Minuten gegrillt zu werden. Alle Kampfstationen sofort besetzen und einsatzbereit machen. Wir feuern aber nicht zuerst. Ich will hier keine Krise herauf beschwören. Vielleicht ist alles nur ein Missverständnis.«
Fähnrich Bowman begann zu schwitzen. Dies war sein erster Einsatz im All und er hatte sich alles ganz anders vorgestellt. Er hatte geglaubt, dass er tief im Nichts des Alls eine ruhige Kugel hätte schieben können. Doch nun blickte er dem Tod in sein lachendes Gesicht.
»Fähnrich, öffnen sie einen Kanal und senden sie Grußbotschaften in allen Sprachen auf allen Frequenzen. Ich will das Problem so schnell wie möglich aus der Welt schaffen.«
Bowman lies seine Finger über das Panel fliegen.
»Es tut mir leid, aber ich bekomme keine Antwort.«
»Verdammt.«

»Sir, sie eröffnen auf uns das Feuer.«
Lieutnant McMahon schrie förmlich durch die kleine Brücke.
Von einem Augenblick zum anderen wechselte die Standardbeleuchtung in ein grelles Rot. Die Alarmsignale gellten überall auf.
»Fähnrich Bowman, was machen die Schilde?«
»Sind bei dreissig Prozent.«
Captain Richards blieb die Ruhe selbst. In dieser Situation durfte er sich keinen Gefühlsregungen hingeben. Jetzt hiess es, Augen zu und durch, die Mannschaft zusammen halten und einen kühlen Kopf zu bewahren.
Es krachte. Die kleine Raumstation wurde durchgeschüttelt. Die Trägheitsabsorber versagten und einzelne Offiziere flogen durch die Brücke. Aus einer Konsole schlugen Blitze hervor, eine andere begann zu rauchen.
»Wir sind getroffen.«
»Schadensmeldungen, Bowman.«
Der Fähnrich kam vom Boden hoch, auf den es ihn geschleudert hatte. Mit der einen Hand hielt er sich an der Konsole fest, mit der anderen fragte er den Status der Station ab.
»Ich bekomme Meldungen von allen Sektionen. Überall nur leichte Verletzungen. Die Maschinensektion meldet den Ausfall eines Fusionsmeilers, die Lebenserhaltung arbeitet nur noch eingeschränkt und die Torpedophalanx ist komplett ausgefallen. Aber zumindest ist die Kommunikation wieder in Ordnung.«
Richards fluchte innerlich. Hätten sie es doch nur kommen sehen.
»Los, rufen sie Schiffe nochmal. Ich will verhandeln. Einen weiteren Treffer werden wir nicht überleben.«
»Zu spät.«
MacMahon sah es als erster. Eine weitere Salve raste auf die VESPUCCI zu. »Wir haben verloren.«
Die Lichtstrahlen fraßen sich gespenstisch langsam durch das All. Aber dann erreichten sie doch ihr Ziel und hüllten die kleine Raumstation vollständig ein.
Das Licht erlosch. Es wurde dunkel und still.
Dann war Nichts.

20. Februar 2376
Admiral Benson wurde ungeduldig. Seit Tagen gab es keine neuen Berichte der VESPUCCI. Das sah Captain Richards gar nicht ähnlich. Irgend etwas musste geschehen sein. Er hatte schließlich befohlen in das Andaram System zurück zu kehren.
Die EISENHOWER war nun an den Systemgrenzen ankommen, aber noch immer gab es keinen Funkkontakt zur vermissten Raumstation.
»Emily, bitten unterrichten sie mich, sobald sie etwas Neues für mich haben.«
Benson übergab die Brücke an seine erste Offizierin und begab sich in seinen Raum.
Noch immer konnte er sich nicht erklären, was passiert war. Doch lange musste er nicht warten. Schon fünf Minuten später sollte er sich wieder auf der Brücke einfinden.
»Sir, wir haben die VESPUCCI jetzt auf dem Schirm. Wir haben sie bereits angefunkt, aber es gab keine Rückmeldung. Außerdem können die Sensoren keinerlei energetischen Emissionen anmessen. Die Station scheint absolut tot zu sein.«
»Das kann doch nicht sein. Wie ist das möglich? Stellen sie sofort ein Außenteam zusammen, Emily. Ich will Antworten.«

Eine halbe Stunde später befand sich die erste Offizierin Emily Woodward in ihrem Raumanzug vor dem Notschott der Stationsbrücke.
»Wir gehen jetzt rein, Sir.«
»Passen sie bloss auf sich auf.«
Emily öffnete den Durchgang und schloss ihn wieder hinter sich und ihrem Team. Dann passierte nichts.
»Wir müssen den Druckausgleich manuell durchführen, sonst öffnet sich die innere Tür nicht.«
Ein paar Minuten später waren sie drin.

Die Brücke war leer und verlassen. Alles sah danach aus, als wäre nichts geschehen. Keine Leichen, wenige Verwüstungen an den Konsolen. Es gab noch immer keine Antworten, aber dafür umso mehr Fragen.
Doch dann wurde es hell. Ein gleissendes Licht flammte in der Mitte des Raumes auf. Und in ihm erschien Captain Richards. Seine Hand erhob sich langsam zu einem Gruß.
»Ich wusste, dass eines Tages jemand kommen wird, um nach uns zu suchen. Doch sind wir schon längst nicht mehr hier. Wir haben die Station verlassen.
Wir durften gar nicht hier sein. Es war ein großer Fehler dieses System zu erforschen und zu erobern. Mittlerweile wissen wir es besser.
Wir waren so dumm und doch so überheblich. Wir haben uns an der Natur dieser Welt vergriffen.
Dieser Planet ist die Brutstätte einer uns völlig unbekannten Lebensform. Sie ist anders als alles, was wir bisher kennengelernt haben.
Und die Kristalle, an denen wir einen unglaublichen Raubbau betrieben haben, waren die Nachkommen der Wesen, auf die wir getroffen sind. Wir haben es nur nicht gewusst.«
Commander Woodward musste schlucken. Hier war ein unglaubliches Unrecht geschehen. Und doch war es nicht aus Boshaftigkeit geschehen. Es geschah aus der Unwissenheit heraus und der Gier nach neuen Quellen für Hyperkristall.
»Das hier geschehene Unrecht kann nicht mehr ungeschehen gemacht werden – zu unserem großen Bedauern. Wenn wir es besser gewusst hätten, wären wir nicht hierher gekommen. Die Trauer war auf beiden Seiten unermesslich groß.
Als Wiedergutmachung hat die gesamte Besatzung die Station verlassen. Unsere geistige Essenz ist nun aufgegangen in ein unvorstellbares Kollektiv von Wesen, die sie sich nicht in ihren künsten Träumen vorstellen können. Wir sind einen weiteren Schritt auf der Treppe der Evolution voran gegangen. Wir sind jetzt der reine Intellekt, ohne an einen gebrechlichen Körper gebunden zu sein.«
Niemand im Außenteam sagte etwas. Sie hatten alle einen dicken Kloß im Hals. Mit allem hatten sie gerechnet, aber dies schien zu viel für sie zu sein.
»Ihr müsst nun gehen und dieses System verlassen. Ihr habt nicht mehr viel Zeit, auf eure Rückreise zu gehen. Berichtet von den, was ihr heute erfahren habt und kommt nicht wieder zurück.«
Die Erscheinung verschwand von einer Sekunde zur anderen. Auf der Brücke war es wieder dunkel geworden.
Woodward kam als erste wieder zu Sinnen und erteilte die nächsten Befehle.
»Los, Leute, wir verschwinden von hier. Aber das Ganze etwas zügig.«

Es hatte keine Viertelstunde gedauert, bis sie wieder an Bord der EISENHOWER angekommen waren. Die Triebwerke waren bereits aufgewärmt und Admiral Benson wartete nur darauf starten zu können.
Er hatte sich bereits die Aufzeichnungen der Außenmission angesehen und konnte noch immer nicht glauben, was er da gesehen hatte.
Als Woodwards Team wieder zurück an Bord war, gab er Befehl mit höchster Beschleunigung das Andaram System zu verlassen.
Zwanzig Minuten später gab es eine helle Explosion. Die VESPUCCI war zerstört und schleuderte eine unglaublich hochenergetische Sturmwolke hinaus in das All.

(c) 2007, Marco Wittler

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