Der antike Mensch [Science Fiction]

Posted by Marco on 19. Dezember 2013as , ,

Der antike Mensch

»Warum vertrauen sie nicht der Schulmedizin? Haben sie zu viele Bedenken?«
Der Arzt sah vom Krankenblatt auf und sah seinem Gegenüber direkt in die Augen.
»Ich habe es mir gründlich überlegt. Die Chancen auf eine Heilung sind zu beschränkt. Wenn ich noch länger zögere, werde ich in ein paar Wochen sterben.«
Es waren stets die gleichen Begründungen, die der Arzt in diesen Gesprächen zu hören bekam. Es waren die Angst vor dem Tod und die Hilflosigkeit, nichts gegen ein baldiges Ende unternehmen zu können. Nur in den wenigsten Fällen kamen weitere Motive hinzu.
»Wenn ich ihre Akte richtig gelesen habe, hinterlassen sie niemanden. Sie würden also von niemandem vermisst werden?«
Der Patient nickte.
»Wer will schon gerne Kontakt zu einem kranken Krüppel haben? Meine Eltern sind beide tot und meine letzten Freunde und Verwandte haben sich ihre Bande zu mir abgebrochen, als es begann bergab zu gehen.«
Der Arzt machte sich einige Notizen. Als er wieder hoch sah, erblickte er noch etwas anderes in den Augen seines Gesprächspartners.
»Da ist noch etwas anderes. Was ist der zweite Grund ihres Wunsches, diese Reise anzutreten?«
Der Patient fühlte sich ertappt und wurde rot im Gesicht.
»Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll.«, stotterte er vor sich hin.
»Es ist die Neugierde. Dort wird eine ganz andere Welt auf mich warten. Und niemand kann sich ein Bild davon machen, wie sie sein wird.«
Der Arzt nahm einen Stempel zur Hand, drückte ihn auf ein Formular und setzte seine Unterschrift daneben.
»Ich will ihnen keine falschen Hoffnungen machen. AIDS ist eine gefährliche Krankheit. Das Virus macht es uns sehr schwer. Ich kann ihnen nicht versprechen, dass sie bei ihrer Ankunft geheilt werden können. Und ich hoffe, dass sie anpassungsfähig sind. Wenn sie uns erst einmal verlassen haben, gibt es kein Zurück mehr. Sie werden nie wieder ihr altes Leben leben werden.«
Der Patient schluckte, nickte aber sofort.
»Es wird mir keine Probleme bereiten. Versprochen.«
Sie standen beide auf und schüttelten sich die Hände.
»Dann darf ich sie Willkommen heißen. Future Health wird sich ihrer annehmen. Treten sie bitte auf die Plattform dort drüben.«
Er folgte der Anweisung.
Einen Moment später betätigte der Arzt ein paar Tasten, die in seinem Schreibtisch eingelassen waren. Die Plattform begann zu leuchten. Der Patient wurde in ein energetisches Feld eingehüllt.
»Drei, …, zwei, …, eins, …, null!«
Es blitzte hell auf. Dann erloschen alle Lichter und es befand sich nur noch eine Person im Raum.
»Sir, soeben kam die Bestätigung per Fax herein. Sämtliche Besitztümer von Mister Tom Webster sind in das Firmenvermögen übertragen worden. Den symbolischen Dollar habe ich auf ein Sparkonto auf seinen Namen transferieren lassen.«
Die Sekretärin war ohne Anklopfen herein geplatzt und legte ein Blatt Papier auf den Schreibtisch.
»Vielen Dank, Mary. Schicken sie bitte den nächsten Patienten zu mir. Wir wollen doch niemanden warten lassen.«

Grelles Licht war das letzte, woran sich Tom erinnern konnte. Und nun war nichts mehr. Seine Leben war beendet worden.
Das entsprach aber nicht der ganzen Wahrheit.
Ich bin nicht tot. Ich habe nur aufgehört zu existieren. Aber ein Teil von mir lebt weiter.
Er spürte, sah und hörte nichts. Seine Sinne waren taub – abgestorben.
Ich kann denken. Ich habe noch immer ein Bewusstsein.
Er hielt inne, brachte seine Gedanken in Ordnung und betrachtete sie erneut.
Ich habe kein Bewusstsein mehr. Ich bin ein Bewusstsein. Mehr ist von mir nicht mehr übrig geblieben. Die Essenz meines Geistes. Ist das schon die neue Welt?
Es jagten noch viel mehr Fragen durch in hindurch. Aber Antworten gab es keine, denn Tom war allein.
Er bekam plötzlich Angst. Sollte dies sein neues Leben darstellen? So hatte er es sich jedenfalls nicht vorgestellt. Vielleicht wäre der Tod die angenehmere Alternative gewesen.
Ich will in meinen Körper und mein altes Leben zurück.
Doch dann hörte er wieder die Worte des Arztes, dessen Namen ihm nicht einmal genannt worden war.
»Wenn sie uns erst einmal verlassen haben, gibt es kein Zurück mehr.«
Warum habe ich mich nur so leichtgläubig darauf eingelassen? Ich hätte mehr Informationen verlangen müssen. Aber nun ist es zu spät. Viel zu spät. Ich bin verloren.
Mittlerweile kamen ihm die Geschäftspraktiken der Firma Future Health wie leere Versprechungen vor. Als Bezahlung verlangten sie das gesamte Hab und Gut ihrer Kunden und machten ihnen Hoffnung auf die Heilung tötlicher Krankheiten in einer anderen Welt. Mehr erfuhr man nicht.
Das Ganze glich einem Himmelfahrtskommando für Todgeweihte. Und doch schienen sich unzählige Personen darauf einzulassen. Es war für sie die einzige Chance, die man ihnen bot, der Strohhalm über dem reißenden Fluss kurz vor dem Wasserfall.
Ich will zurück. Ich muss zurück.
Tom versuchte sich umzudrehen. Er suchte nach dem Startpunkt seiner Reise. Aber wo er auch hin sah, gab es nichts. Es gab keine Richtungen, keinen Anfang und kein Ende. Er war nur noch ein Bewusstsein in der Unendlichkeit der Ewigkeit.
Dann erfolgte der zweite Blitz.

Bandil erstarrte.
Als er den Posten des großen Überwachers angeboten bekommen hatte, fühlte er sich groß und wichtig. Man wollte ihm eine bedeutende Aufgabe übertragen. Zumindest hatte es sich immer so angehört, wenn jemand über die Überwacher sprach.
Nicht, dass auch nur ein normaler Sterblicher jemals einen Überwacher zu Gesicht bekommen hätte. Aber gerade deswegen existierten viele Gerüchte und Vermutungen über diese elitäre Gruppe.
Bandil hatte seine Chance sofort ergriffen und sämtliche weltlichen Dinge hinter sich gelassen. Die Kontakte zu Familienangehörigen und Freunden mussten ebenfalls gekappt werden. Denn den Rest seines Lebens würde er der großen unbekannten Aufgabe widmen. Die Entbehrungen waren es wert.
Die Realität sah alelrdings völlig anders aus. Schon nach wenigen Tagen wurde es Bandil bewusst, dass er bis zu seinem Lebensende einsam und allein die Langeweile ertragen musste, die seine Berufung mit sich brachte.
Er fristete sein Dasein in einem Turm, hoch oben in den Wolken über der Stadt.
»Du wartest und empfängst die Menschen, die zu dir geschickt werden. Sie haben eine lange Reise hinter sich, sind totkrank und bedürfen sofort ärztlicher Hilfe. Du bist dafür verantwortlich, dass sie sich in unserer Welt zurecht finden.«
Diese knappe Nachricht war ihm von seinem verstorbenen Vorgänger hinterlassen worden.
Es kam aber niemand in der ganzen Zeit, keine Kranken aus einer anderen Welt, keine Menschen aus der Stadt und keine anderen Überwacher. Gerade letztere saßen ebenfalls in ihren Türmen in anderen Städten und warteten vergeblich.
Aus den Unterlagen ging es ganz kalr hervor. Seit diese Stationen eingerichtet worden waren hatte nicht ein einziger Weltenreisender sein Ziel erreicht. Seit sechshundertdreiundvierzig Jahren waren die Überwacher nutzlose Geschöpfe – ohne Wissen der restlichen Bevölkerung, mit Ausnahme der Regierung.
Doch nun war Bandil erstarrt.
Vor wenigen Augenblicken hatten seine Kontrollen zu blinken begonnen. Eine unüberschaubare Menge Daten- und Zahlenkolonnen rasten über die sonst schwarzen Monitore.
»Verdammt, was mache ich denn jetzt? Ich kann doch gar nicht mit den ganzen Geräten umgehen. Ich wurde doch nie eingewiesen.«
Aber nun war es zu spät. Bandil sah verzweifelt über sein großes Schaltpult und presste schließlich seine Hand auf einen großen roten Knopf.
Die Anzeigen erloschen wieder. Es schien vorbei zu sein.
»Du meine Güte. Was war denn das?«
In diesen Moment ging in der ganzen Stadt das Licht aus. Die Stromversorgung brach zusammen.
»Was ist passiert?«
Bandil sah verzweifelt aus dem Fenster, in der Gewissheit, an dieser Katastrophe die Schuld zu tragen. Am Liebsten hätte er sein Gesicht in den Händen vergraben und wäre nur zu gerne ganz tief im Erdboden versunken. Doch dann hätte er vielleicht den Blitz übersehen, der nun für einen kurzen Augenblick den Raum erfüllte und ihm die Augen blendete.
Bandil sah nichts mehr, verlor die Orientierung, stolperte unsicher umher und fiel schließlich zu Boden.
Die kurzzeitige Erblindung ließ langsam wieder nach. Der Überwachungsraum kam wieder zum Vorschein und dazu noch ein fremder Mann, der gerade auf einer leuchtenden Plattform in sich zusammen sackte.
Bandil rappelte sich hoch.
»Bei allen Heiligtümern der toten Mönche.« Es ist tatsächlich geschehen. Und ich bin der Auserwählte, der ihn in unsere Welt begleiten darf.

(c) 2008, Marco Wittler

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