Der Knopf [Science Fiction]

Posted by Marco on 19. Dezember 2013as , , ,

Der Knopf

Bill und Walter waren aufgeregt. In der kybernetischen Fakultät war zu einer Präsentation eingeladen worden. Sie als Vertreter der Fachpresse hatten das unverschämte Glück, darüber als Erste berichten zu dürfen. Es hieß, dass Professor Williams eine bahnbrechende Erfindung gelungen sei, die das wirtschaftliche Leben des gesamten Planeten revolutionieren würde.
»Ich hoffe nur, dass es dieses Mal spektakulärer sein wird, als die künstliche Nase. Menschliche Ersatzteile gibt es mehr als genug. Wahre Innovationen sind das nicht mehr.«
Doch da wurde Bill von seinem Kollegen in sie Seite gepiekt, denn der Professor betrat gerade das Podium. In Händen hielt er einen Stapel Papier.
»Nun schau dir das mal an.«, machte sich Walter lustig.
»Da ist der Mann so gescheit und so gelehrt, hat einen Lehrstuhl an der Universität, das modernste Forschungslabor der Welt und ein Ansehen, um das ihn der verstorbene Michael Jackson auch nach mittlerweile fünfundzwanzig Jahren in der Grube beneiden würde, und dieser Kerl schleppt noch altmodisches Papier mit sich rum. Hat der denn noch immer nichts von E-Readern gehört? Wenn ich Auszüge seiner Arbeit veröffentlichen soll, dann bestehe ich auf digitale Texte. Ich tipp das doch nicht alles per Hand ab. Wo komm ich denn da hin?«
Es wurde still im großen Hörsaal. Die eingeladenen Professoren, die Damen und Herren Doktoren, die Elite der forschenden Unternehmen der Welt verstummten und richteten ihre Augen nach vorn.
»Meine sehr verehrten Damen und Herren.«, begrüßte Williams seine Zuhörer, während er das Licht im Raum per Fernbedienung abdunkelte.
»Auch wenn es meiner Meinung nach nicht nötig sein sollte, da mir durchaus bekannt ist, wie weit mir mein Ruf voraus eilt, gebietet es mir doch der Anstand, dass ich mich ihnen vorstelle.«
»Der trägt ja schon zu Anfang ganz schön dick auf.«, flüsterte Bob.
»Ich hoffe, dass seine Sensation das auch wirklich wert ist,«
Walter zischte nur zurück und brachte ihn wieder zum Schweigen.
»Ich bin Professor Lester Williams, Leiter der hiesigen Kybernetikabteilung und Koryphäe auf diesem Forschungsgebiet.«
In den nächsten Minuten spulte er sein ganzes wissenschaftliches Leben vor seinen Kollegen herunter und langweilte sie damit, denn seine bisherigen Leistungen waren durchaus bekannt und geachtet. Es sollte ganze zwanzig Minuten dauern, bis er die Richtung in sein heutiges Thema einschlug.
»Wie sie alle wissen, ist die kybernetische Branche seit zehn Jahren anerkannt und ein wichtiger wirtschaftlicher Zweig geworden.Menschen, die durch Kriege und Unfälle verstümmelt wurden, bekommen endlich vollwertige Ersatzteile, die rein äußerlich nicht mehr von den Originalen zu unterscheiden sind, um wieder ein normales Leben führen zu können. Andere versuchen ihrem Schönheitsideal näher zu kommen oder bekommen Gliedmaßen, mit denen sie ihre körperlichen Aufgaben besser und schneller erledigen können. Das alles brachte der Menschheit noch mehr Freizeit, Wohlstand und Zufriedenheit.«
Mittlerweile wurde wieder im Hörsaal getuschelt. Es wurden wilde Theorien aufgestellt, worum es sich bei der neuen Erfindung handeln konnte.
»Was wir aber in dieser Zeit noch immer nicht lösen und beseitigen konnten, ist die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen den Industrienationen und der Dritten Welt. Hunger und Durst werden zu immer größeren Bedrohungen. Die rückständigen Staaten fühlen sich immer weiter in die Ecke gedrängt und können ihre Bevölkerungen nur mehr schlecht in ihre Schranken weisen. Der weltweite Terrorismus hat seit dem Jahr 2001 erheblich zugenommen. Die zwei Anschläge auf das World Trade Center sind mittlerweile verblasst, nachdem fast siebzigtausen Menschen bei einem Konzert in einem deutschen Fußballstadion starben und damit der weltweite terroristische Massenmord eingeläutet wurde.«
Im Publikum wurde es wieder still. Wollte der Professor nun etwa behaupten, den seit dreiunddreißig Jahren tobenden Krieg gegen extremistische Gruppen beenden zu können?
»Wie ich eingangs schon erwähnte, sind die Hauptgründe dafür die Versorgungsengpässe in den Entwicklungsländern. Hunger ist zur Triebfeder der Anschläge geworden. Die Eifersucht gegen die Industrienationen ist immens. Diese Probleme werden wir nur dann in den Griff bekommen, wenn wir den Hunger und den Durst endgültig besiegen.«
»Hört, hört.«, kam es aus dem Mund eines Wissenschaftlers.
Williams ließ sich davon nicht beeindrucken und sprach einfach weiter.
»Wenn sich meine neueste Erfindung erst einmal durchgesetzt hat, werden wir nicht mehr an Kriege denken müssen. Jeder Mensch bekommt genug zu essen und das Problem der Überbevölkerung wird von einem Tag zum anderen gelöst sein.«
Es folgten die ersten Lacher und einige Forscher standen bereits auf und verließen den Saal. Zu oft hatten diverse Scharlatane behauptet, die Weltordnung neu schreiben zu können. Allerdings hatte sich bisher alles als leere Luftblase heraus gestellt. So würde es wohl auch dieses Mal sein.
Williams wurde langsam nervös und blätterte in seinen Aufzeichnungen. Er hatte offenbar den Faden verloren.
»Nun kommen sie endlich auf den Punkt. Wir sind nicht zu einem Kaffeekränzchen her gekommen.«, kam ein neuerlicher Zwischenruf.
Der Professor fühlte sich in die Ecke gedrängt und begann zu schwitzen. Er hatte die Kontrolle über die Veranstaltung verloren.
»Ach, was soll‘s.«, seufzte er.
Er legte seine Aufzeichnungen zur Seite und trat vor die erste Reihe seiner Kollegen. Dann drehte er sich zur Leinwand um und startete den Film, den er erst in einer Stunde starten wollte.
»Ich präsentiere ihnen den ›Knopf‹.«
Nun erfüllte das Lachen den ganzen Saal. Die Wissenschaftler konnten sich nicht mehr halten. Doch dann sahen sie in einem dreidimensionalen Animationsfilm, um was es ging. Augenblicklich wurde es wieder still.
»Nach sechs Jahren intensiver Forschung ist es uns gelungen, ein Meisterwerk zu erschaffen. Der Mensch der Zukunft bekommt ein weiteres, ein absolut neues Bauteil für seinen Körper – den ›Knopf‹. In unseren Studien und Tierversuchen konnten wir bereits die Wirksamkeit meiner Erfindung testen und bestätigen.«
Im Film wurde ein Mensch gezeigt, in dessen Nacken sich ein kleiner, unbedeutender Knopf befand. Der Mensch ging am Morgen zur Arbeit, verrichtete seine Aufgaben und ging anschließend zu einer Sammelstelle. Er legte sich in ein kleines Fach, das an den Leichenschrank eines Pathologen erinnerte. Ein Mitarbeiter trat an den Menschen heran, drückte den Knopf und schaltete ihn ab.
»Wie sie sehen, verbringt dieser Mensch seine Ruhezeiten auf problemlos auf engstem Raum. Die Abschaltung betrifft nicht nur das Gehirn, sondern sämtliche Körperfunktionen. Es werden also sehr viel weniger Nahrungsmittel benötigt, als zuvor. Gleiches gilt für die Überbevölkerung. Riesige Städte gehören un Zukunft der Vergangenheit an. Wohnungsnot wird es nicht mehr geben. So werden wir endlich alle Probleme der Erde unter Kontrolle bringen und eliminieren.«
In diesem Moment brach ein großer Tumult aus. Von allen Seiten wurden Proteste und Beleidigungen gerufen. Selbst die beiden Journalisten waren außer sich.
»Das ist mal wieder typisch.«, entrüstete sich Bob.
»Die Reichen werden sich ein feines Leben machen und die einfachen Arbeiter zu Sklaven und Arbeitsdrohnen degradiert. Die Wirtschaft wird uns zu Robotern machen. Es ist unglaublich,«
Er packte seine Sachen zusammen und forderte Walter auf, dies ebenfalls zu machen.
»Seine Ergebnisse dürfen auf keinen Fall an die Öffentlichkeit geraten. Die Menschen werden Aufstände anzetteln und die Unternehmen werden mit allen Mitteln versuchen, diese neue Zukunft in die Tat umzusetzen.«
Sie waren einer Meinung und brachen auf. Innerhalb kürzester Zeit war der Hörsaal leer. Nur ein einziger Wissenschaftler war geblieben.
Williams war war sauer. Mit dieser Reaktion hatte er nicht gerechnet.
»Undankbares Pack. Ihr seht doch alle gar nicht, welch bahnbrechende Erfindung ich gemacht habe. Ihr werdet noch sehen, was ihr davon habt. Am Ende werde ich der Lachende sein.«
Mit vor Wut zittrigen Händen räumte er seine Unterlagen zusammen und merkte gar nicht, wie sein verbliebener Kollege aufstand und nach vorn trat.
»Ach, Lester, wie weit ist es nur mit dir gekommen?«
Williams drehte sich um und sah in das Gesicht seines ehemaligen Forschungskollegen, den er schon vor einigen Jahren aus seinen Projekten heraus gedrängt hatte.
»Jeff?«
Er war verwirrt.
»Warum bist du nicht mit allen anderen verschwunden? Von dir hätte ich gar nicht erst erwartet, dass du hier überhaupt erscheinst.«
Jeff zwang sich ein Lächeln auf, während er noch ein paar Schritte näher kam.
»Irgendwer muss doch dafür sorgen, dass ein Wahnsinniger, wie du es bist, gestoppt wird, bevor er großes Unheil anrichten kann.«
Williams bekam Angst und stolperte einen Schritt zurück.
»Was soll das heißen? Willst du mich umbringen?«
Jeff schüttelte den Kopf.
»Ich bin mir sicher, dass das nicht nötig sein wird. Wie ich dich kenne, bist du wahrscheinlich auch heute noch immer einer der ersten, der seine Erfindungen an sich selbst ausprobiert.«
Der Professor wurde panisch und ging rückwärts, bis er die Wand hinter sich spürte. Jeff folgte ihm. Mit einer schnellen Bewegung hatte er seine Hand hinter den Nacken des Professors geführt.
»Ich hab es doch gewusst.«, seufzte er.
»Wie konnte ein so brillantes Gehirn, so sehr auf den falschen Weg gelangen?«
Jeff drückte den Knopf und fing Williams auf, der von einem Moment zum anderen in sich zusammen sackte.
»Von deiner Erfindung wird nun niemals jemand erfahren.«
Er sammelte die Unterlagen zusammen, warf sie in einen Metalleimer und steckte sie in Brand.
»Zu dumm, dass du noch nie Kopien deiner Aufzeichnungen gemacht hast. Es wird also niemand deine Ergebnisse nachvollziehen können.«
Er legte den Professor auf eine Liege und schob in aus dem Hörsaal.

(c) 2010, Marco Wittler

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.