Täter [Science Fiction]

Posted by Marco on 19. Dezember 2013as , , , , , , , ,

Täter

Langsam wurde ich wach. Die Augenlider waren noch sehr schwer. Meine Arme und Beine wollten zunächst meinen Anweisungen nicht gehorchen. Es war ein Gefühl, als hätte ich wieder mal eine ganze Nacht lang und vor allem viel zu viel getrunken. Das Pochen unter meiner Schädeldecke war unerträglich. Interessanterweise stellte ich aber sehr schnell fest, dass es im gleichen Takt auftrat, wie der Rhythmus der Musik, die ich aus einem nahen Radio hörte.
Ich öffnete meine Augen, schloss sie aber sofort wieder. Das gleißende Licht der Sonne war in diesem Moment unerträglich.
»Was ist nur passiert?«, brachte ich unter größten Mühen flüsternd durch meine Lippen gepresst.
Ich wollte mir an den Kopf fassen und bemerkte erst in diesem Moment einen mir unbekannten Gegenstand in der Hand. Gleichzeitig fuhr mir ein widerlicher Geruch, verbrannten Fleisches in die Nase.
Hatte ich mich vielleicht beim Kochen verbrannt, war in Ohnmacht gefallen und hielt noch einen Topf oder eine Pfanne in der Hand?
Ich hob den Gegenstand langsam hoch, öffnete die Augenlider einen Spalt breit und sah eine Strahlwaffe in meiner Hand.
»Was?«
Weiter kam ich einfach nicht. Woher stammte dieses Ding? Ich besaß doch keine Waffen. Ich lebte zwar in einem Land, in dem es immer noch als völlig normal galt, sich zu bewaffnen, aber trotz der sprunghaften Zunahme tödlicher Amokläufe, hatte ich mich stets geweigert, mir so ein Höllending zu besorgen. Angewidert ließ ich die Waffe fallen.
Der Geruch war noch immer da. Verbranntes Fleisch? Ich schreckte hoch und sah mich mit aufgerissenen Augen um. Überall waren Leichen. Sie waren erschossen worden, von einer Strahlwaffe mal längs, mal quer durchschnitten bis zur Unkenntlichkeit verbrannt oder größtenteils desintegriert. Unter ihnen waren viele Kinder und Jugendliche. Ein paar Erwachsene schien es auch erwischt zu haben.
Was war hier geschehen? War ich der einzige Überlebende eines Massakers? Alle Erinnerung war wie ausgelöscht. Ich wusste nur noch, dass ich abends vor dem Schlafen eine Tablette gegen meine Übelkeit eingenommen hatte. Mehr war da nicht.
Die Strahlwaffe. Warum hatte sie in meiner Hand gelegen? Zur Verteidigung? Was machte das für einen Sinn?Woher hatte ich sie? Und wenn, hatte ich den Verrückten zur Strecke gebracht?
Ich sah mich um, konnte aber niemanden mit einer weiteren Waffe entdecken.
Ich wollte aufstehen, stemmte mich hoch und brachte direkt wieder zusammen. Ein höllischer Schmerz breitete sich in meinem rechten Bein aus. Ich sah an mir herab. An der Stelle, wo sich mein Fuß befinden sollte, war nun nichts mehr. Er war weg. Verschwunden. Das einzige, was noch an ihn erinnerte, war eine stinkende, verbrannte Wunde.
In diesem Moment endete das Lied im Radio und die aufgeregte Stimme des Moderators erklang.
»Es scheint, als würde sich der jüngste Amoklauf an der Jefferson High School in Oklahoma seinem Ende zuneigen. Wie uns vor wenigen Augenblicken Einsatzleiter Harris erklärte, habe einer seiner Scharfschützen den Täter angeschossen. Offensichtlich ist er bewusstlos und soll nun festgenommen werden. Wir wollen hoffen, dass er nicht zu viele Menschen getötet hat. Sobald wir weitere Neuigkeiten erfahren, sind sie die ersten, die wir informieren.«, beendete er seine Reportage und legte den nächsten Musiktitel auf.
Ich hatte also Recht behalten. Ein Amoklauf. Irgendwo zwischen den vielen Leichen musste also ein Verletzter Attentäter liegen. Ich konnte nur hoffen, dass das Sondereinsatzkommando eintraf, bevor er wieder bei Bewusstsein war.
Da waren auch schon die ersten Geräusche. Schritte näherten sich der Eingangstür. Stimmen flüsterten sich gegenseitig Kommandos zu. Es war also gleich so weit. In ein paar Sekunden würden sie die Tür aufbrechen und herein stürmen. Dann musste ich nur noch zeigen, dass ich am Leben war, um schnell in ärztliche Behandlung zu kommen.
Es gab einen Lichtblitz und einen lauten Knall. Sie hatten den Eingang gesprengt. Lautes Rufen begleitete die Männer, die nun in den großen Raum rannten und alles sicherten. Sie hatten ihre Waffen im Anschlag und würden sofort erneut auf den Mörder schießen, wenn er sich nicht an ihre Anweisungen halten würde.
Langsam hob ich meinen Arm und winkte.
»Er liegt hier.«, hörte ich jemanden sagen. Sofort kamen mehrere Maskierte auf mich zu und umringten mich.
»Er lebt noch. Wir brauchen einen Arzt.«
Über Funk wurde jemand verständigt, während ein anderer Mann meine Waffe zur Seite kickte. Ich hatte es geschafft. Ich würde diesen Tag überleben. Dann spürte ich eine Nadel in meinem Arm und dämmerte weg.

»Wenn er nicht endlich zu sich kommt, drückt ihm noch eine Spritze rein.«, war eine tiefe Männerstimme zu hören.
War ich endlich im Krankenhaus angekommen? War meine Wunde versorgt worden? Hatte ich ein bionisches Implantat als Ersatz für meinen Fuß bekommen? Viele Fragen, die ich nur sehenden Auges beantworten konnte.
Ich öffnete meine Augenlider. Doch statt des Krankenzimmers, in dem ich mich vermutete, sah ich mich einem großen hölzernen Pult gegenüber, hinter dem mehrere Männer und Frauen in dunklen Roben saßen. Ich selbst lag auf einer schräg stehenden Liege und war an Armen und Beinen festgeschnallt.
»Schön, dass sie jetzt endlich unter uns Weilen, Angeklagter.«, sprach der Richter mich direkt an und schien mir direkt in die Seele zu blicken.
»Nachdem sie nun den gesamten Prozess verschlafen haben, können sie zumindest noch die Urteilsverkündung miterleben.«
Eine Anklage gegen mich? Verurteilung? Aber wofür?
»Sie haben wohl die abscheulichste Tat begangen, die unser Land jemals erlebt hat. Amokläufe hat es schon viele gegeben, aber noch nie hat es so viele Tote gegeben.«
Er schaltete einen Holomonitor ein, auf dem mir Bilder fremder Menschen gezeigt wurden.
»356 Tote. Das ist einfach unerträglich. Das ist pervers.«
Langsam verstand ich, was mir vorgeworfen wurde. Ich sollte es gewesen sein. Ich sollte das Attentat begangen haben.
»Sie haben Schüler, Kinder und Jugendliche wie Vieh zusammengetrieben und danach kaltblütig ermordet.«
Ich wusste nicht mehr, was ich denken sollte. Ich konnte mir das alles nicht mehr mitanhören. Innerlich schaltete ich ab und ließ keines der an mich gerichteten Worte. Ich versuchte meine Gedanken zu ordnen, um mich irgendwie zu äußern.
»Darum verurteile ich sie zum Tode durch den Desintegrationsstrahl.«
Ich war erschrocken. Sollte es das schon gewesen sein? Hatte ich denn keinen Anwalt, der mich verteidigte? Ich wollte aufschreien, mich rechtfertigen, erklären, dass ich es nicht getan hatte. Aber meine Stimme versagte. Ich konnte nicht sprechen. Es war mir sogar versagt, den Mund zu öffnen. Ich war in einem unbeweglichen Körper gefangen.
»Es ist jetzt zu spät, Reue zu zeigen. Sie hätten sich schon vor der Tat überlegen sollen, zu was das alles führt. Sie haben nicht nur die Leben ihrer Opfer und deren Angehörigen zerstört, sondern auch ihr eigenes. Zum Schutz unserer Bürger, haben wir ihre Muskeln gelähmt, um ihre verdrehten Gedanken nicht mitanhören zu müssen. Sie werden nun wieder bis zur Vollstreckung des Urteils in ein künstliches Koma versetzt.«
Er schlug einen Hammer auf den Schreibtisch und beendete die Verhandlung. Es war vorbei. Ich spürte, wie ich wieder eine Spritze verabreicht bekam. Mein Geist verschwand in andere Sphären.

Als ich wieder zu mir kam, war mein Körper aufgerichtet, gefesselt an eine cremefarbene Wand. Ich konnte weder Arme noch Beine bewegen. Auch mein Kopf war fixiert. Mein Blick ging starr geradeaus. Vor mir waren ein Holomonitor und eine Kamera aufgebaut. Offensichtlich sollte die Vollstreckung des Urteils landesweit im Holokanal übertragen werden. Aus einem versteckten Lautsprecher dran eine Stimme an mein Ohr.
»Bevor sie nun ihre gerechte Strafe erhalten, wird unser Präsident zu ihnen sprechen. Wenn sie ein besonders großes Glück haben, wird er sie begnadigen. Aber sie sollten lieber nicht damit rechnen.«
Das Holo flammte auf und ein bekannter Kopf tauchte auf. Es war der Präsident. In seinem Gesicht sah ich ein gequältes Lächeln. Es schien ihm wohl unangenehm mit einem Attentäter reden zu müssen.
»Es ist mir ein sehr großes Anliegen gewesen, mit ihnen persönlich zu sprechen.«, begann er.
Es war seiner Stimme anzuhören, dass da etwas in ihm war, dass ihm große Probleme bereitete. Ich hätte gern geantwortet, vielleicht sogar um mein Leben gebettelt, aber noch immer war mein Körper gelähmt und stillgelegt. Also blieb mir nichts anderes übrig, als ihm weiter zuzuhören.
»Ich möchte mich bei ihnen für ihr Opfer bedanken.«
Dank? Wofür dankte er mir? Was hatte ich für ihn getan? Ich kam mir vor wie in einem schlechten Film.
»Wir haben sehr lange und gründlich nach ihnen gesucht. Meine Leute vom Geheimdienst hatten den Auftrag einen Mann zu finden, der ganz entschieden gegen den Besitz und den Einsatz von Waffen ist.«
Ich verstand noch immer nicht, was er mir damit sagen wollte. Mir fehlte noch das eine oder andere Puzzleteil.
»Wir sind ein paar wenige Leute in der Regierung, die die Waffengesetze stark einschränken wollen. Meine Vorgänger haben sich mehrfach daran versucht und sind immer wieder an der Opposition gescheitert. Es fehlten uns einfach die nötigen Grundlagen, um unsere Gegner und das Volk von unseren Zielen zu überzeugen. Es musste einfach eine Tat begangen werden, die so schrecklich ist, dass endlich ein Umdenken stattfindet.«
So langsam dämmerte es mir, was wirklich geschehen war.
»Wir brauchten jemanden, der unsere Beweggründe verstehen würde. Das waren sie. Wir wussten, dass sie unsere Entscheidung, ein Massaker an einer Schule zu fingieren, stützen würden, um endlich die vielen Waffen in unserem Land endgültig verbieten zu können.«
Man hatte mich hereingelegt. Ich war zum Bauernopfer für eine Regierung geworden, die über Leichen ging.
»Ich möchte ihnen noch einmal meinen Dank und den meiner Mitstreiter überbringen.«
Dank? Dafür? Der blanke Hohn.
»Bitte haben sie dafür Verständnis, dass wir darüber nichts an die Öffentlichkeit gelangen lassen können. Es wäre ein politischer Selbstmord, wenn wir darüber sprechen würden, dass der Geheimdienst so viele Menschen getötet hat.«
Er nickte mir noch einmal zu, bevor das Bild erlosch. Nur zu gern hätte ich diesem Drecksack ins Gesicht gespuckt, ihn angebrüllt, ihm gesagt, was ich von ihm und seinen Gefolgsleuten wirklich hielt.
Die Kamera wurde eingeschaltet. Von nun an war ich landesweit zu sehen. Ich wollte den Menschen da draußen entgegen brüllen, was hier geschah, was ihnen die Politik vorenthielt. Aber mein Körper und meine Stimme versagten mir den Gehörsam.
Ich sah noch, wie der große Desintegratorstrahl auf von einem Roboterarm auf mich gerichtet wurde. Aus seiner Mündung erstrahlte ein helles Licht. Es hüllte mich mich von Kopf bis Fuß ein. Dann verspürte ich einen unglaublichen Schmerz. Er fraß mich von innen auf. Ich wollte schreien, aber ich blieb still. Die Minuten in Agonie vergingen so langsam. Ich wusste aus Holoübertragungen, dass dieser Vorgang ganze zehn Minuten dauerte. Verurteilte sollten möglichst lange leiden. Nun hatte ich selbst das Gefühl, dass der Schmerz Stunden anhielt.
Aber irgendwann war es vorbei. Der Schmerz verging und ich mit ihm.

(c) 2013, Marco Wittler

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