Der Trauminjektor [Science Fiction]

Posted by Marco on 19. Dezember 2013as , , , , , , , , , , ,

Der Trauminjektor

»Die Rücktrittsankündigung des Präsidenten kam für uns alle völlig überraschend. Dennoch haben es alle Parteien geschafft, rechtzeitig einen Kandidaten zu nominieren. Seit heute Morgen läuft der Wahlkampf auf vollen Touren.«
Abartig. Einfach abartig. Nicht zwingend die Tatsache, dass die Welt einen neuen Präsidenten brauchte. Nein, das war es nicht. Es war vielmehr die Tatsache, dass man nun von allen Seiten mit Wahlwerbung und den dazugehörigen Reportagen auf allen Holosendern zugedröhnt wurde. Es gab kein Entkommen.
Lustlos gab ich dem Computer die Anweisung, zum nächsten Sender zu wechseln.
»… begrüße ich nun den Kandidaten der World Democratic Party, Robert Foster. Er liegt derzeit in den Umfragen auf dem zweiten Platz, knapp hinter seinem Konkurrenten Brian Webster von der Konservativen Weltpartei.«
Die Moderatorin wandte sich von der Kamera und ihrem Gesprächsgast zu.
»Wie es aussieht, Mr. Foster, wird das ein hartes Kopf an Kopf Rennen für sie und ihre Partei. Die letzten Umfragen zeigen mehr als deutlich, dass sie mittlerweile leicht an Boden verlieren und ihre Wähler zur anderen Seite abwandern.«
Der Kandidat lächelte und winkte ab.
»Abby, sie wissen ja, dass es sich bei Wahlen so verhält, wie beim Fußball. Das Spiel ist erst vorbei, wenn es vorbei ist. Wir glauben weiterhin an einen Sieg für unsere Partei und werden hart dafür arbeiten. Und wenn uns das nicht helfen sollte, kann es ja immer noch ein Wunder geben.«
Abby wandte sich wieder zur Kamera.
»Ich vermute mal, dass Mr. Foster auf die letzten vier Wahlen anspielen möchte. Für alle Zuschauer unter ihnen, die nicht ganz im Bilde sind, möchte ich das ‘Wahlwunder’ kurz erklären. Die letzten vier Präsidenten entstammten alle der World Democratic Party. Bis ein paar Tage vor der Wahl lagen sie alle hinter ihren Konkurrenten. Doch am Abend vor der Wahl überlebten sie alle ein gefährliches Attentat, welches sie in der Gunst der Wähler sprunghaft ansteigen ließ.. Verschwörungstheoretiker sprechen bis heute von sehr geschickt geplanten Wahlkampfmanövern.«
Ich sah, dass dieses Thema Foster sehr unangenehm sein musste. Er verzog etwas gequält sein Gesicht, bevor er zu einer Antwort ansetzte.
»Sie wissen so gut wie ich, meine liebe Abby, dass die Verschwörungstheorien von unseren politischen Gegnern in die Welt gesetzt worden sind. Niemand würde sein Leben auf’s Spiel setzen und sich abknallen lassen, um eine Wahl zu gewinnen.«
Ich konnte mich nur zu gut an diese vier Dramen erinnern. Zwei spätere Präsidenten waren durch die Schüsse der Attentäter verletzt worden. Die vier Attentäter hingegen waren alle von den Sicherheitsleuten unmittelbar niedergestreckt worden. Ob fingiert oder nicht, bei ihnen allen hatte man später detaillierte Pläne gefunden, über ihre Vorhaben. Die Beweise waren da.
In diesem Moment fragte ich mich, warum ich mir diesen Mist antat und schaltete das Holo ab. Zeit für’s Bett.
Ich stellte mich unter die Ultraschalldusche und genoss dieses entspannende Prickeln auf der Haut. Es war einer der wenigen Momente meines Lebens, in dem ich komplett abschalten konnte. Ich war abgeschottet von der Welt da draußen. Nur ich und meine Gedanken, die sich komplett leerten und für ein paar Minuten genussvoll zum Stillstand kamen.
Als ich dann etwas später im Bett lag, ging mein Griff wie üblich zum Trauminjektor. Ich hatte ihn fast an meinem Interface im Hinterkopf angeschlossen, als mir dieses Ding zum ersten Mal völlig nutzlos vorkam.
»Drecksteil.«, entfuhr es mir und ich warf das Kabel achtlos zur Seite.
Warum sollte ich mir von irgendeiner Gesellschaft meine Träume vorschreiben lassen? Programmierte Träume, geschickt mit Werbung gespickt, das war aus dem Schlaf der Menschheit geworden. Watteweiche Träume, frei von Gewalt und jeglicher Aufregung. Albträume gehörten seit einhundert Jahren der Vergangenheit an. Mittlerweile konnten sich nur noch die Ältesten von uns an sie erinnern.
Trauminjektoren waren nicht vorgeschrieben. Aber der dazugehörige Computer registrierte jede Nutzung. Bei längerer Inaktivität des Geräts, machte er eine Meldung an die nächste psychologische Abteilung. Man wurde nach spätestens zwei Nächten zu einem Gespräch eingeladen, um zu überprüfen, wie sich der Mangel an ausgewählten Träumen in der menschlichen Psyche bemerkbar machte. Am Ende waren wir also doch alle dazu gezwungen, die Maschine zu benutzen.
Ich hob das Kabel wieder auf. Diesem Ärger ging man lieber aus dem Weg. Trotz meiner Furcht vor den Ärzten, sträubte sich alles in mir gegen die Vernetzung. Ein letztes Mal ließ ich den Injektor fallen. Es war das letzte Mal, dass ich ihn berührte. In der folgenden Nacht hatte ich seltsame Träume. Monster, bunte Seen voller Farbe, Absurdes und Abstraktes. Dinge, die ich vorher nie gesehen hatte. Es war einfach grandios.
Von Nacht zu Nacht wurden die Träumer klarer. Es gab tatsächlich eine Art Handlung. Ein paar Wissenschaftler hatten dies schon öfter vermutet. Die meisten ihrer Kollegen hatten diese These allerdings immer abgelehnt. Eine solche Leistung trauten sie dem menschlichen Gehirn einfach nicht zu. Dafür brauchte es, nach ihrer Meinung, einen leistungsstarken Computer oder ein Netz voller Tauminjektoren, welches wir nutzten.
Nach etwa einer Woche, seltsamerweise hatte ich bisher noch keine Einladung für ein Psychogespräch bekommen, bekamen meine Träume etwas Bedrohliches.
Vor meinem inneren Auge sah ich den Präsidentschaftskandidaten Robert Foster. Grinsend saß er in einem Schutzbunker. Vor ihm ein großer roter Knopf.
»Wir blasen sie endgültig von der Landkarte.«, schmunzelte er, während sein Blick auf China gerichtet war, dem einzigen souveränen Land, das noch übrig geblieben war.
»Diese Schlitzaugen waren uns schon immer ein Dorn im Auge.«
Dann drückte er den Knopf und beobachtete, wie sich eine Unzahl Marschflugkörper in Bewegung setzten, zügig den Erdball umkreisten und an ihrem Ziel detonierten.
»Keine Chinesen – keine Wirtschaftskonkurrenz.«
Dann erhob er sich und verließ triumphierend den Raum.
In diesem Moment erwachte ich schweißgebadet. So einen realen Traum hatte ich bis dahin noch nicht erlebt. Und das machte mir große Angst.
Am nächsten Abend wusste ich nicht, was ich machen sollte. Der Griff zum Trauminjektor wäre so einfach gewesen, aber ich tat es nicht. Ich wollte mich meinen echten Träumen hingeben.
Dann kam es, wie ich es mir nicht schlimmer hätte ausmalen können. Der Traum wiederholte sich. Wieder musste ich mit ansehen, wie vier Milliarden Menschen durch seine Hand sterben mussten.
Ein weiterer schweißgebadeter Morgen erwartete mich. Das Kopfkissen war unter meinem Kopf mehr als feucht geworden.
Was hatte das zu bedeuten? Warum zweimal den gleichen Traum? War das natürlich oder hatte es eine Bedeutung? Ich erinnerte mich, ein paar Tage zuvor etwas über Traumdeutung gelesen zu haben. Allein das Verständnis hatte mir gefehlt.
Ich wollte es auf einen Versuch ankommen lassen und legte mich am Abend wieder ohne Injektor schlafen.
Dieses Mal wurde der Traum noch grausamer. Ich sah Foster am Abend vor der Wahl auf einer Veranstaltung sprechen und konnte dabei in seine Gedanken blicken. Er war plötzlich wie ein offenes Buch für mich. Während er vom Frieden sprach, von Völkerverständigung und wirtschaftlicher Zusammenarbeit, drehte es sich in seinem Kopf nur um die Auslöschung Chinas. Sein ganzer Wahlkampf verfolgte nur das Ziel, an die Macht zu kommen, um seine Vorstellung einer perfekten Welt umzusetzen.
Das war etwas, das niemals geschehen durfte. Foster musste aufgehalten werden. Wie von einem anderen Geist geführt, griff ich in meine Jackentasche. Ich holte meine kleine Strahlwaffe hervor, die ich bisher immer in meinem Safe eingeschlossen hatte, und schoss ihn nieder.

Die Träume machten mich wahnsinnig. Konnte die Natur wirklich so grausam zu ihren Geschöpfen sein? Waren die Trauminjektoren wirklich ein größerer Segen als ein Fluch für uns? Langsam machte sich in mir der Wunsch breit, doch wieder in die normale Gesellschaft einzutauchen. Doch bis jetzt war der Wunsch nach mehr größer. Ich wollte unbedingt mehr über diesen Traum erfahren.
Mehr erfuhr ich allerdings nicht. Von nun an träumte ich immer wieder vom verrückten Foster, den ich niederschoss. Mehr war da einfach nicht. Die nächsten drei Wochen immer wieder von vorn.
Langsam hoffte ich zu begreifen, dass es vielleicht nicht nur ein Traum war, sondern eine Art Botschaft – eine Warnung. Foster war gefährlich. Er musste definitiv gestoppt werden. Ich war davon überzeugt, dass er nach der Machtergreifung China angreifen würde. Beweise hatte ich dafür nicht. Es gab nur meinen Traum. Sollte ich es wirklich wagen und ihn ausschalten?
Die Umfragen zur Wahl zeigten mittlerweile ein eindeutiges Ergebnis. Foster lag, je nach Umfrageinstitut, zwischen fünf und sieben Prozent hinter Webster. Es war eigentlich eine ausgemachte Sache. Eigentlich. Aber durfte man so leichtsinnig das Schicksal herausfordern?
Es dauerte noch ein paar Nächte, bis ich mir der Antwort sicher war. Ich musste etwas unternehmen.
Ich suchte im Internet nach einer Möglichkeit, eine Chance, um meinen Plan in die Tat umzusetzen. Es gab nur noch eine einzige Wahlveranstaltung. Sie war für den Vorabend der Wahl terminiert und fand nur wenige Wohnblocks von hier entfernt statt. Das sollte der passende Moment für die Rettung der Welt sein.

Es war gar nicht so einfach gewesen, mit einer Waffe an den vielen Sicherheitsleuten vorbei zu kommen. Aber das kleine Versteck im Absatz meines Schuhs hatten sie nicht entdecken können.
Ich stand in der dritten Reihe vor dem Podium. Ich hatte einen herrlichen Blick auf das Rednerpult, von dem aus Foster seine Worte der ganzen Welt entgegen warf. Die letzten Sätze waren fast gesprochen, als ich mich langsam bückte, meinen Schuhabsatz zur Seite drehte, die Strahlwaffe an mich nahm und mein Ziel anvisierte.
»Foster!«, rief ich laut.
Er sah mir direkt in die Augen. Zu meinem Erstaunen waren da weder Überraschung noch Angst. Er sah aus, wie ein Mann, dessen Strategie aufging. Er grinste kurz, bevor er sich fallen ließ.
Was hatte das nur zu bedeuten? War es ein Fehler, den ich hier beging? Für ein Zurück war es aber nun zu spät. Die Sicherheitsleute würden sich in wenigen Augenblicken auf mich stürzen.
Ich bekam Angst. Die Waffe, die ich vor ein paar Sekunden auf Foster gerichtet hatte, wurde plötzlich so schwer. Ich ließ sie los, wollte fort von hier. Ich gab meinen Beinen den Befehl zu rennen, aber da traf mich bereits ein Schuss. Er brannte sich schmerzhaft in meinen Rücken, bevor mein Leben für immer erlosch. Das Letzte, was ich wahrnahm, waren Fosters Lippen, die lautlos ein Wort formten: ‘Danke’.

»Zufall oder nicht? Darüber können sie nur selbst entscheiden. Gestern wurde Robert Foster mit dreiundsechzig Prozent zum neuen Präsidenten der Welt gewählt. Beobachter gehen davon aus, dass das schändliche Attentat auf ihn die Wahl entscheidend beeinflusst hat.«, erklärte Abby zwei Tage später in ihrer Nachrichtensendung.
»Auch dieses Mal haben die Verschwörungsteoretiker zu Wort gemeldet, die ihre ganz eigenen Erklärungen für den wahren Grund hinter dem Attentat haben.«
Das Bild wechselte zu einem vermummten Mann, der ein paar haarsträubende Geschichten erzählte, die gut genug waren, um einen kompletten Roman zu füllen. Nach ein paar Minuten war dann Abby wieder zu sehen.
»Kommen wir nun zu erfreulicheren Themen. Wie uns die Dream Corporation heute mitteilte, ist einen großen Schritt Richtung Zukunft gegangen. Der Trauminjektor, wie wir ihn alle kennen und nutzen, gehört bald zum alten Eisen. In ein paar Monaten ist das neue Modell marktreif. Dann ist endlich Schluss mit dem lästigen Kabel, dass wir allabendlich an unserem Kopf anschließen. Der Injektor der neuen Baureihe funktioniert funkgesteuert. Er ist so klein, dass er nahezu in unserem Interface verschwindet und somit kaum noch wahrgenommen werden kann. Gemütlicher kann ein Traum nicht mehr sein.
Mein Name ist Abby Taylor. Ich wünsche ich eine gute Nacht und angenehme Träume.«

(c) 2013, Marco Wittler

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