Ein Mordfall auf dem Bauernhof [Krimi]

Posted by Marco on 19. Dezember 2013as , , , , , ,

Ein Mordfall auf dem Bauernhof

Inspektor Becker war gerade auf dem Hof angekommen und stieg aus seinem Wagen aus. Auf dem Beifahrersitz war sein neuer Kollege, Kommissar Steffens, eingeschlafen.
Mit dem Finger klopfte Becker an die Scheibe und weckte Steffens. Dann wies er ihn mit dem Zeigefinger an, auszusteigen.
»Der heutige Fall wird sie sicherlich interessieren. Wir haben es eindeutig mit einem Mordfall zu tun. Der Täter befindet sich noch vor Ort, allerdings liegt es nun an uns, heraus zu finden, wer es ist.«
Steffens blieb verwundert stehen und kratzte sich den ungepflegten Dreitagebart am Kinn.
»Wie war das?«
Langsam setzte er seinen Weg weiter fort. Und sah sich um. Er konnte keinen einzigen Streifenwagen, keine Polizisten entdecken. Nicht einmal die Spurensicherung war zu sehen.
»Besteht denn gar kleine Fluchtgefahr? Das verstehe ich nicht.«
Becker lachte und hielt sich den gut genährten Bauch.
»Kein Problem. Das werden sie aber schon bald. Sie sind noch neu hier und müssen sich erstmal an die örtlichen Gepflogenheiten gewöhnen.«
Sie gingen um eine Scheune herum und trafen auf drei Männer, die schweigend etwas Abstand voneinander hielten, die jeweils anderen aber nicht aus ihren grimmigen Blicken ließen.
Als sie die Kriminalbeamten entdeckten, schienen ihnen dutzende schwere Steine von den Herzen zu fallen.
»Becker und Steffens, Kriminalpolizei.«, stellte der Inspektor vor, während er in seinen Taschen nach seinem Dienstausweis suchte und es schließlich erfolglos aufgab.
»Ach, auch egal. Ist ja nicht so, dass wir uns nicht kennen.«
Er schüttelte den Anwesenden die Hände, waren sie doch alle gemeinsam Mitglieder des hiesigen Kegelvereins.
»Also, was ist hier passiert?«, preschte Steffens plötzlich vor und zückte Kugelschreiber und einen Notizheft.
»Was ist denn mit ihnen los?«, fragte Becker gelassen.
»Immer ruhig mit den jungen Pferden. Wir haben es doch nicht eilig.«
Er drehte sich grinsend zu Bauer Heintz um.
»Gibt es hier zur Begrüßung keinen Kaffee mehr? Ich hab vielleicht einen Durst.«
Der Bauer flitzte sofort los.
»Wie immer schwarz?«
Becker winkte ab.
»Ein viertel Milch bitte. Mein Arzt ist der Meinung, dass das Koffein noch mal mein Tod sein wird, und meine Frau passt nun genau auf mich auf.«
Er seufzte.
»Na gut, meine Herren. Was ist hier vorgefallen?«
Vor ihm standen der Hofknecht Manfred und Eckart, der Fahrer des Milchlasters.
»Naja.«, begann Eckart.
»Wir sind uns nicht sicher, Herr Inspektor. Es ging alles so schnell.«
Becker drehte sich zu seinem Kollegen um.
»Was denn, was denn? Jetzt geht die Arbeit los. Also fangen sie an zu schreiben. Vor zwei Minuten waren sie doch noch so strebsam.«
Steffens zuckte zusammen, fuhr sich schnell mit der linken Hand durch sein Haar und begann, sich Notizen zu machen.
Der Inspektor umrundete inzwischen den Milchlaster, um sich ein Bild der Lage zu machen. Dann stand er auch schon der Leiche.
»Ganz offensichtlich vom LKW überrollt. Sie liegt sogar noch halb unter dem Reifen. Das ist kein schöner Anblick.«
Steffens war seinem Kollegen gefolgt. Als er das Ausmaß vor sich sah, drehte sich alles in ihm. Sein Magen rebellierte und er war kurz davor, sich übergeben zu müssen.
»Noch nie eine Blutlache gesehen?«
Becker lachte.
»Die jungen Leute sind einfach nichts mehr gewohnt. Schauen sich ständig brutale Filme an, aber wenn es auf einmal real wird, klappen sie zusammen.«
In diesem Moment kam Bauer Heintz zurück und drückte dem Inspektor den Kaffee in die Hand.
»So, wie schaut der Fall aus? Irgendwelche Vermutungen?«
Becker stellte die Frage an Steffens, der sofort versuchte, eine Lösung zu finden.
»Ist für mich eindeutig. Das Opfer hat hier auf dem Hof gestanden oder hat ihn überquert und der Wagen hat sie beim Zurücksetzen erwischt. Der Fahrer ist unser Täter.«
Becker seufzte und schüttelte den Kopf.
»Was haben sie eigentlich auf der Polizeischule gelernt? Hat man ihnen denn nicht beigebracht, alle Fakten einzubeziehen, Zeugen und vermeintliche Täter zu befragen? Das ist doch keine gute Polizeiarbeit.«
Er wandte sich an die drei Männer.
»Dann erzählt mal.«
Was nun folgte, waren unzählige Schuldzuweisungen. Eckart beschwor die Ehre seiner Mutter, seiner Großmutter und seines verstorbenen Großvaters. Er bestand darauf, dass er nichts anderes getan hatte, wie jeden Tag. Er war langsam mit seinem LKW rückwärts auf den Hof gerollt, um dann die Milch in seine Tanks pumpen zu können. Die Anlagen des Fahrzeugs waren in bester Ordnung. Während des Betriebs im Rückwärtsgang war ein lautes Piepen ertönt.
Vom technischen Zustand des Fahrzeugs ließ sich Becker sogleich überzeugen. Es war wirklich in bester Ordnung.
»Aber er hat Meggy überfahren. Das ist doch eindeutig. Kein anderer hat hinter dem Steuer gesessen.«, warf nun der Knecht ein.
Der Inspektor warf ihm einen durchdringenden Blick zu.
»Dann erzähl mir doch mal, was du zur Tatzeit getan hast, Manfred.«
Der Knecht schluckte und musste seine Gedanken einen Moment lang sammeln.
»Ich war im Stall. Habe ausgemistet. Die Schweine haben seit gestern eine Menge Dreck gemacht. Ich hatte nicht einmal free Sicht auf den Hof. Ich kann es also gar nicht gewesen sein.«
Der Inspektor drehte sich wieder zu Steffens um.
»Schon eine Vermutung?«
Der Kommissar zuckte mit den Schultern.
»Ich bin noch immer der Meinung, dass es der Fahrer des LKW war. Aber ich wette, dass sie noch immer nicht zufrieden sind.«
Becker grinste breit und steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen.
»Vollkommen richtig. Sie lernen schnell.«
Dann befragte er den Bauern, der ebenfalls etwas zu berichten wusste.
»Ich habe Eckart die Zufahrt zum Hof geöffnet. Das mache ich jeden Morgen. Dann gehe ich rein und koche für uns eine Kanne Kaffee, damit wir anschließend noch ein Schwätzchen halten können. Ich war also im Haus als es passierte.«
Steffens fuhr sich wieder durchs Haar und nuschelte vor sich hin.
»Das passt doch alles zusammen. Ich weiß nicht, warum wir da überhaupt noch diskutieren müssen.«
»Weil der wahre Täter noch nicht überführt ist.«, gab Becker die Antwort.
Nun ging er in die Hocke und besah sich das erste Mal die Leiche. Vorsichtig tastete er sie mit einem Kugelschreiber ab und untersuchte sämtliche Wunden.
»Schau an, was ist denn das?«
Er winkte die anderen Männer zu sich und zeigte ihnen, was er entdeckt hatte.
»Das sind Bissspuren.«
Becker nickte.
»Exakt. Wie es aussieht, war Meggy schon tot, als sie vom Reifen erfasst wurde. Jetzt müssen wir nur noch heraus finden, wer Eckart diesen schändlichen Mord in die Schuhe schieben wollte.«
Er drehte sich im Kreis, besah sich den ganzen Hof genau, bis er schließlich entdeckte, wonach er gesucht hatte.
»Aha. Einfacher, als ich dachte.«
Mit schnellen Schritten ging er auf den entlarvten Täter zu. Es konnte nur Bruno gewesen sein. Becker hockte sich vor dem schlafenden Hofhund nieder und besah sich dessen Lefzen.
»Da kleben noch Blut und Federn im Fell. Also wenn das kein Beweis ist.«
Bauer Heintz kam herüber gerannt.
»Ach, Bruno. Aber warum denn gerade Meggy? Das schönste Huhn im ganzen Stall. Nächste Woche hätte sie garantiert den ersten Platz bei der Hühnerausstellung gewonnen.«
Der Inspektor richtete sich auf.
»Eckart, Manfred. Ihr seid entlastet. Ihr könnt wieder an die Arbeit. Schadensersatz wird der Hofhund wohl nicht zahlen können. Der Fall ist für uns erledigt.«
Er verabschiedete sich von seinen Kegelbrüdern und setzte sich mit seinem Kollegen ins Auto.
»Ach ja. Das Leben auf dem Land ist einfach schön. Keine Aufregung, keine komplizierten Fälle. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das unsere Leute in den Großstädten machen.«
Er startete den Wagen und fuhr zurück zum Revier. Insgeheim freute er sich bereits auf eine heimliche Tasse Kaffee ohne Milch.
»Den nächsten Fall lösen sie. Sie haben ja jetzt gesehen, wie man richtige Polizeiarbeit leistet.«
Steffens nickte.

(c) 2010, Marco Wittler

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