Zimmermann ermittelt (3) – Der Edelweißmörder [Regional-Krimi]

Posted by Marco on 19. Dezember 2013as , , , , , , , , , ,

Zimmermann ermittelt – Der Edelweißmörder

Kommissar Zimmermann beäugte misstrauisch die Eintrittkarte in seiner Hand. Er rieb mit den Fingern über den Druck und las sich ein paar Mal den Namen der Veranstaltung durch.
»Oktoberfest, hm?«
Ja, das wird bestimmt eine tolle Sache Chef.«, schwärmte ihm sein Assistent Inspektor Schmidt vor. Ich bin von Anfang an dabei gewesen. Na gut, so lange findet das auch noch nicht in Hemer statt, aber Spaß macht es trotzdem. Man spart sich die lange Fahrt nach München und teure Hotels muss man auch nicht bezahlen. Wenn man erstmal da ist, fühlt es sich wie das Original an.«
Zimmermann war sich noch immer nicht sicher, ob er das Angebot annehmen sollte.
»Fällt die Einladung eines Kollegen auch unter Bestechung?«, knurrte der Kommissar.
»Nun seien sie doch nicht so. Das wird bestimmt eine Mordsgaudi. Es gibt Weißbier, riesige Maßkrüge, Frauen in sexy Dirndl. Eine echte Weißwurst werde ich ihnen bestimmt auch noch besorgen können. Aber die gibt’s nur bis zum Mittag. Ist irgendeine bayrische Tradition oder so.«
Zimmermann knurrte erneut. Er hatte etwas gegen frühes Aufstehen.
»Ein ordentlicher Kaffee ist mir lieber.« und wünschte sich statt des Oktoberfestes lieber ein echtes Wiener Kaffeehaus mit einem schlecht gelaunten Oberkellner.
In diesem Moment klingelte das Telefon. Schmidt ging ran, hörte wortlos zu und verlor von einem Augenblick zum anderen die Lust am Oktoberfest.
»Chef, wir haben ein Problem.«
»Dann besorgen sie mir schon mal einen Kaffee, der so tiefschwarz ist wie die Nacht, wenn Neumond ist.«

Sie standen auf einem der Parkplätze des Sauerlandparks, nur einen Steinwurf vom Felsenmeer entfernt. Zimmermann knöpfte seinen Trenchcoat zu, um sich vor dem Regen zu schützen.
»Ich hoffe, mein Kaffee hat einen Deckel.«
Er hatte einen und wurde von Schmidt überreicht, der sich zugleich einen Überblick der Lage verschafft hatte.
»Die Leiche liegt hinter der großen, gelben Ente.«
»Gelbe Ente?«, war der Kommissar verwirrt. Doch dann fiel ihm auf, dass irgendwelche Vandalen sich mit weißer Farbe ausgetobt hatten. Nur in den obersten Bereichen des Kunstwerks war noch der Ursprungszustand zu erkennen.
»Dann wollen wir mal.«
Zimmermann wollte so schnell wie möglich wieder ins Trockene. Er betrat den Tatort und sah sich um. Der Tote hatte eine Platzwunde am Kopf und Würgemale am Hals. So viel hatten die Polizeibeamten bereits herausgefunden, als sie eingetroffen waren.
»Wie sieht es mit der Tatwaffe aus? Haben sie die auch schon gefunden?«
»Lagen beim Opfer. Ein großer Maßkrug aus Glas und ein Charivari.«
»Hä? Was soll das sein?«
»Das ist eine Trachtenkette aus Bayern und Österreich. Die trägt man an der Lederhose oder an der Dirndlschürze.«, erklärte Schmidt allwissend. Doch bei jedem Wort, das er sprach, wurde er langsamer und unsicherer.
»Einen Moment bitte.«
Er zog sich Gummihandschuhe über, trat zur Leiche vor und öffnete ihr den Mund. Für ein paar Sekunden verschwanden seine Finger darin, bis sie einen weißen Gegenstand daraus hervorzogen.
»Ich hab’s befürchtet. Wir haben es hier mit einem Serienkiller zu tun. Wir haben jetzt ein ganz großes Problem.«

Zimmermanns Büro war fast zu klein für die Mitglieder der spontan gebildeten Sondereinheit. Man hatte zusätzliche Polizisten und auch Kriminalbeamte aus den Nachbarkreisen angefordert. Hinter dem kleinen Schreibtisch warf ein Videobeamer das Foto einer kleinen Blüte an die weiße Wand.
»Leontopodium nivale, das Alpen-Edelweiß. Es ist das Markenzeichen unseres Mörders. Jedes Jahr tötet er Menschen zur Oktoberfestzeit. Wo er zuschlägt, weiß niemand. Das Ganze geht nun schon seit neun Jahren so.«
»Also müssen wir jetzt damit rechnen, dass er in den nächsten Tagen in einer der Nachbarstädte zuschlagen wird?«
Inspektor Schmidt schüttelte den Kopf.
»Wenn er seinem bisherigen Muster treu bleibt, wird er in Hemer bleiben. Er tötet drei Menschen. Den ersten eine Woche vor dem eigentlichen Fest. Einen währenddessen. In der Regel sogar auf dem Festgelände. Einen dritten dann während der Aufräumarbeiten. Die Tatwaffen sind immer die gleichen. Als Visitenkarte hinterlässt er grundsätzlich eine Edelweißblüte im Mund der Opfer. Die Blumen stehen übrigens unter Naturschutz. Da macht er sich zusätzlich strafbar.«
Schmidt hatte diesen unwichtigen Punkt als Witz geplant. Es lachte aber niemand.
»Wie dem auch sei, wir haben es hier mit einem Irren zu tun.«, mischte sich Zimmermann ein, der gerade seinen großen Kaffeepott geleert hatte.
»Wir müssen ihm das Handwerk legen, ehe er noch weiter Menschen tötet und wieder für ein Jahr in der Versenkung verschwindet.«

In den letzten drei Tagen hatte Zimmermann alle Berichte der bisherigen Taten gelesen, mit Kollegen telefoniert und einige Profiler hinzugezogen. Aber am Ende waren sie trotzdem keinen Schritt weiter gekommen.
»Das Charivari kommt nur bedingt als Todesursache in Frage. Der Täter kettet seine Opfer damit fest, wodurch die Würgemale entstehen. Aber der eigentliche Todestoß erfolgt dann durch die Maß. Der Krug wiegt 1,3 kg und erzeugt eine Kraft von 8500 Newton. Der menschliche Schädel bricht aber bereits bei 4000.«, hatte Schmidt herausgefunden, aber das waren nur Zahlen. Am Ende gab es immer noch einen toten Menschen.
Mittlerweile war die Frist beinahe abgelaufen. In vierundzwanzig Stunden würde das Oktoberfest im Sauerlandpark beginnen. Der Täter hatte den Vorteil noch immer auf seiner Seite. Niemand wusste, wer er war. Er konnte sich mit den vielen anderen Parkbesuchern völlig frei auf dem Gelände bewegen, ohne entdeckt zu werden.
»Vielleicht sollten wir das Fest abblasen?«, schlug Schmidt im Büro vor.
Aber Zimmermann schüttelte den Kopf.
»Und vor dem Mistkerl kapitulieren? Vergessen sie’s gleich wieder. Ich krieg ihn dran. Darauf verwette ich meinen Kaffeepott, den ich seit dreißig Jahren benutze und kein einziges Mal mit Spülmittel gereinigt habe.«

So unter Druck hatte sich der Kommissar schon lange nicht mehr gefühlt. Der Bürgermeister war kurz davor, das Oktoberfest aus Sicherheitsgründen abzusagen. Einzig sein Vertrauen in Zimmermann hatte ihn noch davon abgehalten. Dafür wurden nun die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt.
»Was soll das bringen?«, hatte Zimmermann in den vielen Telefonaten immer wieder gefragt.
»Maßkrüge gibt’s vor Ort. Lassen sich nicht verbieten. Charivaris werden auch genug Leute tragen.«
Es blieb ihm nichts anderes übrig, als den Bürgermeister immer wieder zu beruhigen.
»Wir schaffen das. Ich bringe ihn zur Strecke.«, beendete er die Verbindung.
»Wo bekomme ich jetzt einen ordentlichen Kaffee her?«
Er stand an einer großen Kreuzung mitten in der Innenstadt. Von hier aus wäre eigentlich der Eingang zum Sauerlandpark zu erahnen gewesen, aber nun verdeckten große Plakate mit grinsenden Politikern die Sicht. Am kommenden Sonntag würden sie wieder um jede einzelne Stimme der Bürger buhlen.
In diesem Moment kam ein Mann den Gehweg entlang. Er war in Lederhosen gekleidet, hatte eine Trachtenjacke an, trug auf dem Kopf einen Hut mit großem Gamsbart.
‘Hey, Meister. Das Oktoberfest geht erst Morgen los.’, wollte der Kommissar dieser Erscheinung entgegenrufen. Doch dann verkniff er es sich doch. Stattdessen sah er dem Mann zu, wie er vor einem Plakat mit der Kanzlerin stehen blieb.
»Saupreissn. Vadommte Saupreissn.«
Zimmermann schluckte.
»Den schau ich mir doch mal näher an.«
Der Bayer marschierte zum Parkgelände. Immer wieder schimpfte er vor sich hin. Erst vor dem Parkeingang machte er Halt.
»Die Wiesn hot nix in eierm vadommtn Preissn zum suacha.«, beschwerte er sich laut. Dann ging er mit hochrotem Kopf zur Hauptstraße zurück.
»Scheiße.«, hauchte Zimmermann.
»Ich verwette nicht nur meinen Kaffeepott, sondern auch meinen Arsch.«
Sofort zog er sein Handy aus der Tasche und nahm unauffällig die Verfolgung auf.

Kurz nachdem der Bayer sein Hotel erreicht hatte, trafen auch schon drei Streifenwagen ein.
»Durchsuchungsbefehl?«, fragte Schmidt unsicher.
»Kommt noch. Hab schon mit dem Richter gesprochen.«
»Ist das nicht illegal?«
Zimmermann verdrehte die Augen.
»Hab ich immer so gemacht.«
»Zimmerservice!«, rief er, nachdem er an die Zimmertür geklopft hatte.
Der Bayer öffnete und war so überrascht, dass er die Beamten nicht mehr daran hindern konnte, einzutreten.
»Ich habs doch gewusst.«, der Kommissar lachte grimmig, als er zwei Maßkrüge und eine Schachtel mit getrockneten Edelweißblüten auf der Fensterbank entdeckte.
»Festnehmen.«
»Ihr kennts mir goa nix beweisn.«, beschwerte sich der Bayer, versteckte seine Hände hinter dem Rücken und stritt ab, ein Mörder zu sein.
»Wer hat denn was von Mord gesagt?«, mischte sich Schmidt ein.
»Wir nehmen sie wegen des Verstoßes gegen das Naturschutzgesetz fest. Das Edelweiß steht unter Naturschutz und darf nicht gepflückt werden. Alles weitere sehen wir dann.«
Zimmermann lächelte grimmig und freute sich bereits auf einen verdienten Kaffee.

Während der Vernehmung auf dem Revier stellte sich heraus, dass der Bayer einen sehr großen Hass auf alle ‘Saupreissn’ hegte. Es war für ihn ein absolutes Unding, dass das Oktoberfest außerhalb des Freistaates gefeiert wurde. Mit seinen Morden wollte er seine Meinung unterstreichen und die Festivitäten verhindern.

(c) 2013, Marco Wittler

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