Zimmermann ermittelt (5) – Tod zu Weihnachten [Regional-Krimi]

Posted by Marco on 19. Dezember 2013as , , , , , , , , , , , ,

Zimmermann ermittelt – Tod zu Weihnachten

Der deilinghofer Pastor stand vor dem hölzernen Eingangstor der Stephanuskirche. Grinsend steckte er den Schlüssel in das Schloss, drehte ihn herum und öffnete. Hinter im wartete eine Gruppe Kinder, die in fantasievolle Gewänder gekleidet waren.
»Ich denke, dass wir mit der Generalprobe in maximal einer Stunde durch sein sollten. Ich bin überzeugt, dass ihr Morgen im Weihnachtsgottesdienst ein tolles Krippenspiel vorführen werdet.
Die Kinder konnten es kaum noch erwarten. Sie hatten über Wochen ihre Rollen geübt, Texte auswendig gelernt und ihre Mütter genervt, Kostüme zu nähen.
Der Pastor durchschritt den Vorraum, vorbei an den Gesangsbüchern, bis er im Kirchenschiff stand. Schon nach zwei Metern blieb er entsetzt stehen.
»Geht wieder raus. Kommt bloß nicht rein.«, scheuchte er die Kinder zurück auf den Vorplatz.
»Ähm, … die Heizung ist ausgefallen. Ihr probt am Besten nebenan im Martin Luther Haus.«
Er übergab einen Schlüssel an einen Ehrenamtlichen, ging zurück in die Kirche und schloss die Tür hinter sich, bevor er mit seinem Handy die Polizei anrief.

Kommissar Zimmermann saß in der vordersten Bank und besah sich die schaurige Szenerie über sich. An einem langen Stahlseil, an dem in der Adventszeit normalerweise ein beleuchteter Weihnachtsstern baumelte, hing nun eine Leiche. Das Gesicht war von unten nicht zu erkennen.
»Wo bleibt mein Kaffee?«, rief er einer Gruppe Kriminalbeamter entgegen.
»Hier, Chef.«, stürmte Inspektor Schmidt durch den Eingang und wäre beinahe über eine Stufe gestolpert.
»Danke. Dann können wir ja endlich beginnen. Holt mir mal den Typ von da oben runter.«
Ein Polizist begab sich in den Altarraum und kurbelte das Stahlseil langsam nach unten. Zwei weitere Beamte nahmen die Leiche in Empfang und legten sie auf den Boden.
»Passt auf. Fügt ihm nicht zu viele Druckstellen zu. Der Pathologe zieht sonst falsche Schlüsse.«, ermahnte Schmidt, während Zimmermann zustimmend brummte.
Langsam stand der Kommissar auf. Schritt für Schritt umrundete er den Toten.
»Habt ihr sonst noch was gefunden? Tatwaffe? Kampf- oder Blutspuren?«
Fehlanzeige. Der Rest der Kirche war sauber.
»Offensichtlich wurde die Tat an einem anderen Ort verübt. Schmidt?«
»Ja, Chef?«
»Schicken sie ein paar Leute los. Sie sollen die ganze Umgebung absuchen. Vor allem das Kirchengelände.«
Er kniete sich hin und untersuchte die Leiche genauer.
»Können sie mir vielleicht sagen, wer das ist? Sie kennen doch bestimmt die meisten ihrer Schäfchen.«, wandte er sich an den Pastor.
Dieser atmete tief durch, schlich mehr als zu gehen und sah vorsichtig auf den Toten.
»Ich … ich …«
Er wandte sich abrupt ab und übergab sich laut würgend ins Taufbecken.
»Ist schon gut.«, versuchte Zimmermann den Pastor zu beruhigen. »Ist mir während meiner langen Zeit bei der Mordkommission auch immer wieder passiert. Man gewöhnt sich nie dran. Lassen sie uns nach draußen gehen. Die frische Luft wird ihnen gut tun.«
Gemeinsam gingen die beiden Männer durch die Sakristei auf den alten Friedhof und sahen den Kriminalbeamten zu, wie sie vermeintliche Spuren sicherten.
»Das dürfte meine Leute eine ganze Weile beschäftigen. Der frische Schnee der Nacht hat alles bedeckt.«
Der Pastor antwortete nicht. Der Schrecken saß ihm zu tief in den Knochen.
»Ich glaub, ich mach mich dann auch mal nützlich.« Zimmermann warf einen Blick in seinen Becher. »Mein Kaffee ist eh schon leer.«
Der Kommissar steckte seine Hände tief in die Manteltaschen und spazierte zwischen den mehrere hundert Jahre alten Grabsteinen hin und her. Er suchte nichts Spezielles, hoffte, wie so oft, auf den helfenden Zufall.
»Huch. Was ist denn das?«
Er blieb stehen und hockte sich neben einen der Grabsteine. »Gelber Schnee?«
»Eine absolute Sauerei. Finden sie nicht auch? So etwas muss man gnadenlos bestrafen.«, war die Stimme eines Mannes hinter der Kirchmauer zu hören.
Zimmermann blickte auf. »Was haben sie gesagt?«
»Bestrafen muss man solche Leute. Das war ein Frevel am Herrn und den Toten. Stolpert der Typ hier einfach betrunken über den Friedhof und entweiht ihn. Der hat es doch nicht anders verdient.«
Der Kommissar stand auf, winkte unauffällig seinen Leuten zu und bewegte sich anschließend auf den unbekannten Mann zu.
»Was meinen sie damit? Was wollen sie uns damit sagen?«
»Das war Blasphemie. Er hat den Zorn des Herrn mehr als verdient. Deswegen muss er dem Herrn auch in die Augen sehen. So ein Mistkerl hat das Leben, dass ihm der Herr geschenkt hat, nicht anders verdient.«
Mittlerweile hatten sich vier Polizisten dem Fanatiker unbemerkt von hinten genähert. Auf eine kleine Geste Zimmermanns griffen sie zu und nahmen den Mann widerstandslos fest.
»Bringen sie ihn direkt in die Wache. Mit dem hab ich noch ein Hühnchen zu rupfen.«
Der Kommissar wendete sich an den Pastor.
»Wer ist denn das? Eines ihrer Schäfchen?«
Der Pastor schüttelte den Kopf.
»Dieser Mann gehört keiner unserer deilinghofer Kirchen an. Er ist ein Fanatiker und lebt nach seinen eigenen Religionsgesetzen.«
»Damit wird jetzt Schluss sein. Traurig nur, dass erst etwas passieren musste.«
Der Kommissar warf noch einmal einen enttäuschten Blick in seinen Kaffeebecher, bevor er sich verabschiedete.
»Trotzdem noch ein besinnliches Weihnachtsfest und Morgen einen ruhigen Gottesdienst.«

(c) 2013, Marco Wittler

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