Zimmermann ermittelt (6) – Schützentod [Regional-Krimi]

Posted by Marco on 6. Januar 2014as , , , , , , , , , , ,

Zimmermann ermittelt – Schützentod

Das Schützenfest stand kurz bevor. Eine Woche, dann sollte wieder groß gefeiert werden. Aber heute war schon der erste Termin: die Bierprobe. Alle Vereinsmitglieder des Schützenvereins waren in Feierlaune – bis eine geradezu aberwitzige Idee die Runde machte.
»Eine Frau will beim Königsschießen mitmachen? Was ist denn das für eine absurde Idee? Das schlag die mal schnell wieder aus dem Kopf, Mädel.«, lehnte der Vorsitzende des Schützenvereins ab.
»Der Schützenkönig ist und bleibt ein Mann. Kauf dir lieber ein schickes Kleid, dann kannst du an seiner Seite als Königin marschieren.«
Katharina schnaubte verächtlich.
»Ihr habt doch nur Angst, dass ihr gegen mich verliert, gebt es doch zu.«
Die Männer lachten laut auf und stießen mit ihren Biergläsern an.
»Verlieren? Gegen dich? Niemals. Du triffst doch nicht mal ein Garagentor auf einen Meter Entfernung.«
In Katharinas Augen funkelte es. Schnell streckte sie ihren Arm aus.
»Lass es auf einen Versuch ankommen. Lass mich antreten. Dann kannst du mich im Wettkampf in meine Schranke weisen.«
»Hört, hört.«, tönte es aus den hinteren Reihen.
»Das Frauenzimmer fordert den Chef raus.«
Es wurde wieder gelacht und dem Vorsitzenden kräftig auf die Schulter geklopft.
»Lass sie halt mitmachen. Wir werden ihr schon zeigen, dass sie es nicht drauf hat.«
Die Vorstandsmitglieder kamen zusammen und tuschelten kurz miteinander, bevor es eine Entscheidung gab.
»In Ordnung. Du bist dabei. Aber fang nicht an zu heulen, wenn du verlierst und dich die Männer dann fertig machen. Ich will keine Beschwerden über sexistische Witze hören. Klar?«
»Alles klar.«
Katharina strahlte über das ganze Gesicht. Sie hatte erreicht, was sie wollte. Sie bekam die Chance, das alte Patriarchat aufzubrechen.

Kommissar Zimmermann stand auf dem Schießplatz im Wald in der großen Menge und besah sich zum ersten Mal das Königsschießen in Deilinghofen. Doch im Gegensatz zu allen anderen hatte er kein Bier sondern einen Kaffee in der Hand.
»War nicht einfach zu besorgen, Chef. Gerade heute hat hier im Dorf fast alles zu.«
»Beschweren sie sich nicht, Schmidt. Ich hätte ja auch noch etwas weitaus Schwierigeres von ihnen verlangen können. Ich hätte sie zum Beispiel im Büro ihren Schreibtisch aufräumen lassen können.«
Inspektor Schmidt ließ den Kopf hängen und murmelte etwas unverständlich vor sich hin.
»Sie leben doch schon länger hier. Gibt es einen Favoriten für den König oder muss man sich überraschen lassen?«
Sofort war Schmidt wieder bei der Sache, als er zur Antwort ansetzte.
»Über Favoriten schweigt sich der Verein aus. Aber eine Überraschung gibt es tatsächlich. Entgegen der Traditionen und Statuten darf in diesem Jahr erstmals eine Frau am Schießen teilnehmen.«
»Na, das ist ja allerhand. Hat es sowas schon gegeben?«
»Zumindest weiß ich es aus der Zeitung, dass es vor drei Jahren mal einen weiblichen Schützenkönig in einem Kölner Verein gegeben hat. Man nannte sie damals wirklich König und nicht Königin. Was für ein Durcheinander.«
»Dann schauen wir mal, was das Fräulein zustande bekommt.«
Sie wandten sich den Schützen zu, denn der erste Schuss war gefallen.

Es knallte. Einen Augenblick später fiel der hölzerne Vogel zu Boden. Doch statt des üblichen Jubels, herrschte nun Stille über dem Schießplatz. Es dauerte etwas, bis den Zuschauern klar wurde, dass sie die erste Frau zum König küren würden.
»Verdammt nochmal. Das kann doch nicht war sein.« brüllte der Vereinsvorsitzende.
»Ich hab euch doch gleich gesagt, dass das eine beschissene Idee ist.«
Mit hochrotem Kopf verschwand er in der Menge.
»Ich hab es geschafft. Ich hab es tatsächlich geschafft« freute sich König Katharina. Sie legte das Gewehr zur Seite und brach in lautem Jubel aus, in den nun auch die anderen Zuschauer, wenn auch verhalten, mit einstimmten.

Ein paar Wochen später stand Katharina mit ein paar anderen Frauen auf dem Schießplatz. Stolz trug sie ihre Königsuniform und hatte ihr Gewehr im Anschlag.
»Konzentriert euch auf das Ziel und versucht, alle Faktoren, die euch ablenken könnten, auszuklammern. Dazu gehören die lauten Zuschauer, die dummen Sprüche der Männer, aber auch die Lichtverhältnisse und der Wind. Wenn ihr das alles im Kopf habt, könnt die den Abzug drücken.«
Ein lauter Knall schallte durch den nahen Wald und wurde von den umliegenden Naturwänden zurückgeworfen.
»Wenn euer Schuss richtig sitzt, fällt der Vogel und seid Schützenkönig.«
Es war allerdings kein Vogel, der in diesem Moment auf den Boden stürzte, es war ein Mensch. Laut schrien die Frauen und liefen entsetzt hin und her, ohne zu wissen, wo sie Schutz suchen sollten.
Katharina war geschockt und ließ ihr Gewehr fallen.
»Was? Aber … ich … kann nicht … sein …«
Sie konnte nur noch stottern. Hatte sie gerade jemanden erschossen? Das Schießen war doch angekündigt gewesen. Es durfte sich niemand im Wald aufhalten.

»Wie soll ich mich denn auf meine Arbeit konzentrieren, wenn ich keinen Kaffee bekomme?«
In diesem Moment kam ein Fahrzeug auf den Schießplatz. Die Tür öffnete sich und der Inspektor wollte schnellstens aussteigen, blieb dann aber im Gurt hängen, den er vergessen hatte. Vor Schreck ließ er einen Kaffeebecher fallen.
»Das darf doch nicht wahr sein. Ich brauche Kaffee.«
Der Kommissar war außer sich. Doch dann holte Schmidt noch einen zweiten Becher vom Beifahrersitz.
»Tut mir Leid. Sie können meinen Kaffee haben. Ich werde mir dann später noch einen besorgen.«
Lachend nahm ihm der Kommissar den Becher aus der Hand und begutachtete noch einmal die großen Kaffeeflecken auf der Hose seines Kollegen.
»Dann wollen wir mal loslegen, meine Herren.«, richtete er sich an die anwesenden Polizeibeamten und ging zur Leiche hinüber.
»Kann mir schon jemand sagen, was hier passiert ist?«
Inspektor Schmidt holte seinen Notizblock aus der Tasche.
»Mist. Ist ein Opfer der Kaffeeflecken geworden.«
»Der Tote? Ist er in eine übergroße Kaffeekanne gestürzt?«, hakte Zimmermann grinsend nach, wovon sich Schmidt aber nicht ablenken ließ.
»Ich habe bereits die Zeugen vernommen. Es waren sieben Frauen neben der vermutlichen Täterin anwesend.«
»Was ist passiert?«
Der Inspektor blätterte durch seine Aufzeichnungen.
»Sie haben Übungsschüsse auf die Vogelwand dort oben gemacht. Nach dem letzten Schuss fiel der Tote aus dem Wald heraus und stürzte zu Boden. Geschossen wurde von König Katharina. Sie erinnern sich vielleicht an sie. Wir waren dabei, als sie den Vogel runter geholt hat.«
Zimmermann dachte kurz nach und nickte schließlich.
»Waren die Gerichtsmediziner und die Spurensicherung schon dran?«
»Leider nicht. Die Herren wurden aufgehalten und sind noch auf dem Weg.«
»Dann muss ich das wohl wieder übernehmen. Mein Gott, wie ich das hasse. Schmidt, rufen sie die Reinigung an. Ich habe nachher bestimmt wieder Blutflecken im Mantel.«
Der Kommissar zog ein Paar Gummihandschuhe über und kniete sich seufzend über die Leiche.
»Ist alles am Tatort festgehalten worden? Habt ihr Fotos gemacht?«
Dann sah er sich den Toten an.
»Ist ein glatter Durchschuss. Vorne Loch, hinten Loch. Auf dem Bauch ein riesiger Blutfleck.«
»Also hat er von da oben runter geschaut?«, fragte Inspektor Schmidt neugierig.
»Sie schauen eindeutig zu viele schlechte Krimis. Die Kugel tritt vorne in den Körper ein. Die Reibungshitze des Projektils verödet die Blutgefäße und verschließt die Wunde augenblicklich. Auf der anderen Seite tritt die Kugel wieder aus und reißt dabei das Gewebe auseinander. Deswegen gibt es so viel Blut.«
Der Kommissar wurde nachdenklich. Etwas an der Sache stank. Da stimmte was nicht.
»Das Opfer stand mit dem Rücken zum Abhang, als er getroffen wurde. Das macht überhaupt keinen Sinn. Wer in der Gefahr schwebt, einen Abhang abzustürzen, der würde auf jeden Fall den Rand sehen wollen. Niemand würde ihm den Rücken zuwenden.«
Er schüttelte den Kopf.
»Die Mädels waren das nicht. Hier spielt jemand ein ganz mieses Spiel. Die Leute sollen da oben nach Spuren suchen. Ich gehe mir in der Zeit noch einen Kaffee holen.«
Zimmermann stand auf und ging zu seinem Wagen. Auf dem Weg sah er noch einmal an sich herab.
»Verdammt. Ich hab es doch gewusst. Mein Mantel ist eingesaut. Manchmal hasse ich meinen Job.«
Er stieg ein und fuhr los. Sein Ziel war das Café an der Hönnetalstraße.

»Hallo, Herr Kommissar.« wurde er von der freundlichen Bedienung begrüßt.
»Einen Pott schwarzen Kaffee wie immer?«
Er nickte und setzte sich hin. Er musste sich ganz in Ruhe, ohne irgendwelche Störungen in die gemachten Notizen einlesen.
»Worum geht es denn heute, Kommissar?« war die Bedienung neugierig.
»Ich darf nicht drüber reden. Datenschutz, Betriebsgeheimnis und so. Sie verstehen bestimmt.«
Er nippte kurz am Kaffee.
»Ich werde mal eben die Toilette aufsuchen. Werfen sie bis dahin einen Blick auf meine Notizen, dass sie niemand klaut?«
Er zwinkerte und verließ seinen Platz, während sich die Bedienung kurz setzte und zu lesen begann. Als Zimmermann zurück kam, stand sie bereits wieder.
»Der Vorsitzende des BSV war nicht gerade erfreut, dass eine Frau König geworden ist. Beim Schießen konnte man seine Wut richtig sehen.« erinnerte sie sich.
»Sie meinen …? Nein, das wäre doch etwas zu einfach. Der Mann hat ein Motiv, aber er weiß bestimmt selbst, dass man ihn als erstes verdächtigen würde. Er hat bestimmt vorgesorgt.«
»Sprechen sie mit seinem Stellvertreter.« schlug die Bedienung vor. »Er würde für seinen Chef alles machen. Er ist ihm regelrecht hörig und dazu noch ein Feigling. Das weiß jeder im Dorf.«

Eine Stunde später wurden Täter und Auftraggeber festgenommen. Der Mörder war im Angesicht der Polizei sofort geständig.

(c) 2014, Marco Wittler

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