Zimmermann ermittelt (20) – Mord im Norden [Regional-Krimi]

Posted by Marco on 11. Juli 2015as , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Mord im Norden

Kommissar Zimmermann trippelte nervös mit den Fingern auf seinem Küchentisch. Schweißperlen liefen unaufhörlich an seinem Gesicht herab. Der Kaffeebecher,der ihm gegenüber stand, war leer und setzte bereits Staub an.
»So kann das nicht weiter gehen. Das muss endlich aufhören.« murmelte er immer wieder vor sich hin und wischte sich den Schweiß mit einem Taschentuch von der Stirn.
»Mist. Auch schon wieder nass.«
Der Blick zum Thermometer verriet ihm, dass sich seine Wohnung bereits auf 36°C aufgeheizt hatte.
»Ich brauche endlich eine Klimaanlage. Diese Sommerhitze wird von Jahr zu Jahr unerträglicher.
Er seufzte und wollte gerade das letzte Fenster schließen, als er seine Nachbarn auf der Straße entdeckte.
»Wo soll es hingehen, Karl?« rief er nach unten und deutete auf die Koffer neben dem Wagen.«
»Drei Wochen Malle.« kam die Antwort. »Das mediterrane Wetter wird uns gut tun. Sind ja auch nicht mehr die Jüngsten.«
Zimmermann kratzte sich am Kopf. »Malle im Sommer? Ich dachte, deine Frau hat’s nicht so mit Hitze.«
»Du weißt doch, wie die Frauen sind. Heute so, Morgen so.« Dann beeilte er sich, das Gepäck im Kofferraum zu verstauen. Einen Augenblick später kam Karls Frau Inge nach draußen und winkte dem Kommissar zu.
»Worüber habt ihr euch unterhalten?« fragte sie.
»Ach nichts. Nur Smalltalk. Steig ein, wir müssen los.«
Karl schob seine Frau zur Beifahrerseite und beeilte sich, schnell hinter dem Steuer Platz zu nehmen.
Zimmermann schüttelte den Kopf. »Bei der Hitze in den Süden. Die haben doch ’nen Knall.«

Drei Tage später schwitzte der Kommissar immer noch in der Sommerhitze. Dieses Mal verteilte er die von der Stirn fallenden Tropfen auf seinem Schreibtisch.
»Warum musste gerade heute die Klimaanlage ausfallen.« beschwerte er sich laut. »Bin ich nicht schon genug gestraft?«
In diesem Moment kam Inspektor Schmidt herein. Statt des üblichen Anzugs steckte er in einem bunten Hawaiihemd und passenden Shorts.
»Ist Karneval nicht im Winter?« knurrte Zimmermann. »Wie kann man sich nur so unmöglich kleiden? Wenn sie damit an einem Tatort auftauchen, werden sich selbst die Leichen totlachen.« Ein heiseres Krächzen stahl sich aus der trockenen Kehle des Kommissars, das eigentlich als Lachen gedacht war. Aber die Hitze forderte überall ihren Tribut.
»Schon vergessen, dass ich gestern meinen Letzten hatte? Aber heute habe ich Urlaub.«
»Und was treiben sie dann hier im Büro? Sollten sie nicht auf dem Weg in irgendeine Touristenhochburg sein, um irgendwelche Urlaubsflirts aufzureißen?«
Schmidt zuckte mit den Schultern. »Ist nicht meine Welt. Ich steh nicht auf Getränke in Eimern und Touristen, die die Promenaden vollkotzen.«
»Stattdessen sitzen sie ihren Hintern im Büro platt?« höhnte der Kommissar.
Der Inspektor grinste. »Nein. Ich bin auf dem Weg in den Norden. In einem kleinen Dorf bei Cuxhaven haben meine Eltern ein Ferienhaus. Und dort wäre noch ein wenig Platz für eine weitere Person.«
»Das geht nicht. Ich hab zu tun.« wich Zimmermann sofort aus.
»Sie haben auch Urlaub. Ich habe den Dienstplan gesehen. Sie sind ein Arbeitstier. Aber auch Arbeitstiere brauche irgendwann mal eine Pause.«
»Aber was ist, wenn hier was passiert? Man braucht mich dann.«
»Die Kollegen können sich bestimmt auch ohne uns drei Wochen über Wasser halten.«
Zimmermann schnaubte verächtlich. »Die finden nicht mal eine Tatwaffe, selbst wenn man sie ihnen in die offene Hand legt und das Blut davon auf den Boden tropft.«
Schmidt sah ihn mit großen, mitleidigen Augen an, sagte aber kein Wort.
»Aber ich hinterlasse meine Handynummer. Und wenn Hilfe gebraucht wird, bringen sie mich sofort zurück. Verstanden?«
Schmidt jubelte innerlich. Stattdessen blieb er ernst. »Kein Problem Chef. Ist alles notiert. Ich werde die anderen informieren. Und wenn jemand anruft, machen wir uns auf den Rückweg.«
Der Kommissar nickte, stand auf, sah noch einmal seufzend durch das Büro und folgte dann seinem Kollegen nach draußen.
Schmidt grinste innerlich von einem Ohr zum anderen. Er überlegte bereits, wann er seinem Vorgesetzten beichten sollte, dass es dort oben im Norden eine große Menge Funklöcher gab.
Auf dem Parkplatz öffnete der Inspektor den Kofferraum und holte einen Stoffbeutel heraus, den er dem Kommissar in die Hand drückte.
»Was ist das?«
»Hawaiihemd und Shorts im Partnerlook. Ist das nicht cool? Auf die Idee bin ich ganz allein gekommen.« Nun grinste er ganz offen über das ganze Gesicht.
»Dann sieht sofort jeder, dass wir als Team unterwegs sind.«
»Genau das, was ich mir schon immer gewünscht habe.« seufzte Zimmermann.

Sie hatten fast sechs Stunden und rund dreihundertfünfzig Kilometer hinter sich gebracht. Die Staus auf der A1 Richtung Bremen hatten sie ziemlich lange aufgehalten.
»Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich Ferienverkehr hasse?« fragte Zimmermann.
»Also zumindest nicht in den letzten fünf Minuten.« Aber hier auf der Landstraße schaffen wir die letzten Kilometer ganz bestimmt ohne Unterbrechung.«
Der Kommissar schüttelte den Kopf. »Das sehe ich anders.« Er nahm noch einen letzten Schluck aus seiner Coladose und warf sie hinter sich auf den Rücksicht.
»Meine Blase müsste mal entleert werden. Halten sie mal irgendwo.«
Er sah nach draußen und suchte nach einer Waldeinfahrt oder einem Parkplatz.
»Holzurburg. Meine Güte, haben die hier Namen für ihre Orte.«
Sie hielten an einem Waldweg. Zimmermann sprang regelrecht aus dem Wagen und verschwand hinter dem erstbesten Baum, während der Inspektor sitzen blieb und den Radiosender neu einstellte.
»Und? Geht’s besser? Schaffen wir den Rest der Strecke?« fragte er ein paar Minuten später.
Der Kommissar nickte.
Schmidt wollte schon den Motor starten, als ihn seine Blase ebenfalls um Erleichterung bat.
»Ach, was soll’s. Und die Bewegung wird mir nach der langen Fahrt auch gut tun.« Er stieg aus, ging ein paar Meter den Waldweg entlang und entschied sich schließlich für einen Baum.
»Schauen sie mal, Chef. Hier hat sich jemand die Mühe gemacht, einen Pferdekopf in den Stamm zu schnitzen.«
»Interessiert niemanden.« kam die knappe Antwort.
»Es könnte aber für jemanden eine Bedeutung haben. Vielleicht ist das ein Liebesbeweis an eine Frau gewesen.«
Zimmermann verdrehte die Augen. »Wahrscheinlich ist da nur ein alter Gaul verreckt und der Besitzer wollte kein Kreuz aufstellen. Ist doch egal. Kommen sie zurück. Wir müssen weiter. Ich brauche langsam eine Dusche. Ich fange an zu stinken.«
Schmidt schüttelte den Kopf. »Der Mann hat keinen Sinn für Romantik.« Er ging zurück zum Wagen, sah sich aber noch ein paar Mal um und bewunderte die einfach Schnitzarbeit, bis er über eine Wurzel stolperte und der Länge nach auf den Waldboden fiel.
»Mist. Ich sollte besser aufpassen. Irgendwann breche ich mir noch was.«
Der Inspektor stützte sich mit den Händen ab und rappelte sich wieder hoch. Er wollte sich gerade die Handflächen säubern, als ihm eine angedickte, rotbraune Flüssigkeit auffiel.
Er wendete seinen Blick zum Boden. Seine Augen fielen ihm fast aus den Augen.
»Chef! CHEF!«
»Was ist denn schon wieder, Schmidt? Kriegen sie den Reißverschluss nicht zu?«
»Hier liegt eine Leiche!«
Scheiße, verdammt!« Zimmermann kam sofort aus seinem Sitz hoch und rannte den Weg entlang.
»Nichts anfassen! Tatort sichern! Wir müssen sofort die Polizei rufen.«
»Aber ich habe die tote Frau berührt. Ich habe mich auf ihr abgestützt, um aufzustehen.« entschuldigte sich Schmidt.
Der Kommissar seufzte, holte sein Handy aus der Tasche und wählte die 110.

Eine Viertelstunde später hörten sie von Weitem die Martinshörner. Die niedersächsischen Kollegen näherten sich.
»Das nervt mich hier. Das nervt mich unheimlich.« beschwerte sich Zimmermann. Wir stehen hier vor einer Leiche und können nichts machen. Wir dürfen hier nichts machen. Verdammt! Wir sind Polizeibeamte und dürfen nur zuschauen. Ich hasse diesen Föderalismus. Warum darf man nur in seinem eigenen Bundesland ermitteln? Ich sollte mich zur Bundespolizei versetzen lassen.«
Drei Polizeiwagen und ein Zivilfahrzeug bogen in den Waldweg ein. Ein paar uniformierte Beamte stiegen aus, gefolgt von mehreren Männern vom Kommissariat.
»Treten sie bitte zur Seite. Sie könnten Spuren und Beweise zerstören.« kam eine unfreundliche Aufforderung.
»Wir sind Kollegen. Wir arbeiten in NRW für die Kriminalpolizei. Wir könnten sie bei ihrer Arbeit unterstützen.«
Zimmermann holte seinen Dienstausweis aus der Tasche.
»Sie haben hier keine Befugnisse. Das ist unser Fall.« antwortete der norddeutsche Kollege. »Gehen sie einfach zur Seite, beantworten sie alle Fragen, die man ihnen stellt und lassen sie uns unsere Arbeit machen.«
Der Kommissar hätte nur zu gern vor Wut gebrüllt. Aber er fraß den Ärger in sich hinein. Er hatte hier tatsächlich nichts zu melden. Widerwillig trat er zur Seite, beantwortete alle Fragen und versuchte mit einem Ohr beim Tatort zu bleiben.
»Da lässt sich nicht viel machen. Die Leiche muss schon ein paar Tage hier liegen. Kleine Raubtiere haben fast das ganze Gesicht zerfressen. Bleibt nur ein Zahnabdruck. Aber damit hatten wir noch nie Glück.«
Der Einsatzleiter erhob sich gelangweilt. »Leiche einpacken. Wir schauen uns den Rest in der Pathologie an. Machen sie noch ein paar Fotos und schauen sie, ob irgendwo eine Waffe zu finden ist.«
Der bei der Leiche verbliebene Ermittler knipste mit seiner Kamera und machte sich zwischendurch Notizen.
»Lange, senkrechte Narbe am Hals. Vielleicht ältere Verletzungen?« konnte Zimmermann hören und mischte sich sofort ein.
»Das hat nichts mit Verletzungen zu tun. Der Leiche wurden verstopfte Halsschlagadern ausgetauscht.«
»Woher wollen sie das wissen?« verlangte ein erboster Einsatzleiter zu erfahren.
»Ich weiß das, weil …« Zimmermann stockte der Atem.
Das konnte eigentlich gar nicht sein. Aber irgendwie kam ihm plötzlich etwas bekannt vor.
»Ich weiß das, weil meine Nachbarin letztes Jahr so eine Operation hatte.«
Er näherte sich den Tatort, stieß die Beamten zur Seite, die sich ihm in den Weg stellten und kniete sich vor der toten Frau auf den Boden.
»Der Chirurg hat beim Einschnitt plötzlich niesen müssen. Dabei verriss er das Skalpell nach hinten.«
Er fuhr vorsichtig mit dem Finger die Narbe entlang, die plötzlich einen Knick zum Nacken machte.
»Inge.« flüsterte er entsetzt.
»Aber wie kann das sein? Ihr wolltet doch nach Malle. Was machst du hier im Norden?«

Nachdem Kommissar Zimmermann und Inspektor Schmidt den norddeutschen Kollegen ihre Aussagen zu Protokoll gegeben hatten, waren sie umgehend nach Hause gefahren. Den Beginn des verdienten Urlaubs hatten sie sich doch etwas anders vorgestellt.
»Wir melden uns bei ihnen, falls wir ihre Hilfe brauchen sollten.« höhnte Zimmermann zum wiederholten Male auf dem Beifahrersitz. »Für wen halten die sich eigentlich? Glauben die, sie wären die besseren Ermittler?«
»Die Leiche liegt in deren Zuständigkeitsbereich. Uns sind nun mal die Hände gebunden.« versuchte Schmidt die Wogen zu glätten, während sie am Ortsschild Deilinghofen vorbei fuhren.
»Ohne uns kommen die doch eh nicht klar. Die haben die Leiche, aber wir haben die Informationen.« regte sich der Kommissar weiter auf.
»Zumindest kommen wir einfacher dran.« nuschelte er weiter.
Ein paar Minuten später hielten sie an. »Kommen sie allein klar, Chef? Oder kann ich noch etwas für sie tun?«
Zimmermann schüttelte den Kopf. Ich werde erstmal schlafen und mir dann Morgen früh Gedanken machen, wie es in unserem Fall weiter soll.«
»Unser Fall?« runzelte Schmidt die Stirn.
»Diese Sache ist etwas Persönliches. Ich kann nicht einfach die Hände in den Schoß legen und zuschauen, wie ein paar Dilettanten vergeblich nach einem Mörder suchen, den sie nicht finden werden.«
Der Inspektor nickte.
»Uns sind zwar rechtlich die Hände gebunden, aber es hat uns niemand verboten, mit den Fingern weiter zu machen.«

Am nächsten Morgen trafen sie sich schon sehr früh im Büro. Die Kollegen hatten den Beiden zwar verwunderte Blicke zugeworfen, sich aber nicht getraut, zu fragen. Sie wussten, dass Zimmermann keine Gelegenheit ausließ, zu Arbeiten und anderen das Handwerk zu legen.
»Ich habe bereits ein paar Telefonate geführt. Die Tochter von Karl und Inge hat noch nichts von den beiden gehört. Seit dem Abflug nach Malle herrscht Funkstille. Im Normalfall rufen ihre Eltern sonst immer sofort nach Ankunft im Hotel zurück.«
»Also sollten wir in Betracht ziehen, dass Karl ebenfalls irgendwo tot im Norden liegt.« murmelte der Inspektor vor sich hin.
»Liegt eigentlich nahe. Habe ich selbst schon vermutet. Aber irgendwie passt das alles einfach nicht zusammen. Sie wollten von Dortmund aus in den Süden fliegen. Warum finden wir dann die Leiche kurz vor Cuxhaven? Was wollten sie dort oben?«
Zu viele Fragen und zu wenig Antworten.
Zimmermann warf einen Blick auf die Uhr an der Wand. Es war kurz nach acht in der Früh.
»Mittlerweile dürfte auch die Reisebüros geöffnet haben. Ich hoffe, dass wir etwas finden.« Er reichte dem Kollegen eine Liste.
»Jeder von uns hängt sich in die Leitung. Vielleicht finden wir heraus, wo Karl die Reise gebucht hat.«

Die nächsten Stunden verbrachten die Beiden am Telefon. Doch mit fortschreitender Zeit, verloren sie langsam die Hoffnung, brauchbare Informationen zu bekommen.
»Nichts.« beendete schließlich Schmidt seinen letzten Anruf. »Keine Buchungen in den letzten zwei Jahren.«
»Bei mir auch nicht.« brummte Zimmermann. »Wir sollten unsere Nachforschungen ausweiten.«
Er stand auf, schnappte sich seinen Schlüsselbund und ging. »Kommen sie heute Abend kurz nach Sonnenuntergang zu mir. Alles Weitere erkläre ich ihnen dann.«

Langsam wurde es dunkel über der Felsenmeerstadt. Vor dem Mehrfamilienhaus, in dem der Kommissar seit zwei Jahren wohnte, hielt ein Wagen. Kommissar Schmidt stieg aus und sah sich unsicher um. Er hatte schon seit Stunden ein Gefühl, dass die kommende Nacht einen Gewissenskonflikt in ihm auslösen würde.
Er klingelte an der Haustür, wartete ein paar Sekunden bis ihm geöffnet wurde und betrat den Flur. Der Kommissar wartete bereits ein Stockwerk höher auf dem Absatz.
»Sie wohnen doch eine Etage höher.« wunderte sich sich der Inspektor.
Zimmermann nickte nur, holte eine Sammlung Dietriche aus der Tasche und machte sich am Türschloss vor ihm zu schaffen.
»Sie wissen, dass das ein Einbruch ist und ich sie eigentlich dafür festnehmen müsste?«
Der Kommissar verdrehte die Augen. »Hab ich sie mitgenommen, um mich zu belehren oder um Schmiere zu stehen?«
Schmidt zuckte mit den Schultern. Ich bin selbst gekommen. Aber auch nur deswegen, weil in den nächsten Tagen eh ein Durchsuchungsbefehl aus dem Norden kommen wird.«
Sie betraten die Wohnung und sahen sich um. An fast allen Wänden und in allen Räumen hingen einfache Regale, auf denen sich Engel in allen Formen, Farben, Größen und Materialien fanden.
»Sieht nach Sammelwut aus. Das wäre gar nichts für mich. Da braucht es einen Ehemann mit viel Toleranz.«
»Wir sind nicht hier, um uns über Engel auszulassen. Wir suchen nach Hinweisen.« mahnte Zimmermann. »Als erstes sollten wir den Computer unter die Lupe nehmen.«
Dieser stand in einer Ecke des Wohnzimmers. Das Modell war schon etwas in die Jahre gekommen und sämtliche Lüftungsschlitze mit Staub bedeckt. Schmidt setzte sich davor und schaltete ihn ein.
»Kein Passwort. Hier wurde nichts vor unerwünschten Zugriffen gesichert. Dümmer geht’s nicht mehr.«
»Seien sie froh. Sonst hätten wir mehr Arbeit.«
Der Inspektor ging als erstes das E-Mail Postfach durch. Anschließend durchsuchte er die zuletzt besuchten Internetseiten.
»Ich glaube, ich habe da was gefunden.«
Sie hatten sich die wichtigsten Informationen auf einen USB-Stick gesichert, um sich nicht zu lange in der fremden Wohnung aufhalten zu müssen. Nun saßen Zimmermann und Schmidt wieder im Büro und werteten alles aus.
»Wenn ich das hier richtig sehe und interpretiere, dann sollte Karl noch leben. Warum hätte er mir sonst gesagt, dass sie nach Malle fliegen, aber dann nur ein einzelnes One-Way Ticket in eine andere Richtung bucht?«
Zimmermann öffnete seinen Internetbrowser und wählte die Seite seiner Bank an.
»Was haben sie vor?«
»Ich muss meinen Kontostand prüfen. Ich buche uns zwei Flüge.«

Nach Zwischenlandungen in Bangkok und Phnom Penh, stiegen die beiden deutschen Beamten in Sihanoukville aus dem Flieger einer kambodschanischen Fluggesellschaft aus. Schmidt zitterte noch immer am ganzen Körper. Die alte Maschine hatte seiner Flugangst den letzten Rest gegeben.
»Ich hoffe, dass sich die Reise hierher wirklich gelohnt hat. Immerhin habe ich dafür mein Leben riskiert und werde es auf dem Heimweg wieder riskieren.«
Er atmete ein paar Mal tief durch, bevor er bereit war, mit wackligen Beinen den Weg durch das Flughafengebäude zu bestreiten.
Am Ausgang nahmen sie sich ein Taxi. »Mary Beach Bungalow Hotel.« wiesen sie den Fahrer an, der sie eine halbe Stunde lang quer durch die Stadt fuhr. Nicht nur der Regen prasselte auf den Wagen ein, sondern auch unzählige visuelle Eindrücke auf die beiden Deutschen.
Sie stiegen direkt am Strand aus.
»Und jetzt?«
»Hoffen wir, dass der Regen schnell aufhört.«

Sie checkten ein, brachten ihre Teisetaschen in ihre Zimmer und trafen sich anschließend in der Hotelbar. An der Theke genehmigten sie sich erstmal ein kühles Bier – eine willkommene Abkühlung gegen das schwülwarme Wetter.
»Wie wollen wir Karl finden? Haben sie eine Idee?«
Der Kommissar schüttelte den Kopf. »Ich habe keinen Plan. Wäre er der Mann, den ich seit zwei Jahren fast täglich treffe, hätte ich mich vorbereiten können. Aber nun musste ich erfahren, dass er wahrscheinlich seine Frau umgebracht hat. Das wirft alles über den Haufen. Wir gehen am Besten am Strand entlang und durch die umliegenden Bars und Restaurants. Vielleicht haben wir Glück. Anderenfalls müssen wir Hotelangestellte finden, die für ein Bestechungsgeld empfänglich sind.«
Zimmermann drehte sich auf seinem Hocker, um den Blick auf den Golf von Thailand genießen zu können.
»Vielleicht kann uns auch die Polizei helfen.« schlug Schmidt vor.
»Ich glaube, das ist nicht mehr nötig.«
Der Kommissar zeigte mir dem Finger auf einen Tisch am Fenster und holte ein Foto von Karl hervor. »Wir haben unser Ziel erreicht.«
»Und jetzt?«
»Machen wir spontan weiter. Das hat mir schon immer am meisten Glück gebracht.«
Er stand auf und ging mit langsamen Schritten zum Tisch am Fenster.
»Ist der Platz hier noch frei?«
Zimmermann wartete gar nicht auf eine Antwort. Er setzte sich und sah Karl finster in die Augen.
»Du? Hier?« Karl verschluckte sich an seinem Drink, den er gerade an die Lippen gesetzt hatte und hustete ein paar Sekunden, bis er wieder zu Atem kam.
»Was für ein netter Zufall.« versuchte er zu scherzen, konnte seine Unsicherheit und das Zittern in seiner Stimme nicht verstecken.
»Ich stelle dir nur eine Frage, bevor ich richtig sauer werde und dir die Schnauze poliere: Warum?«
Karl wurde kreidebleich im Gesicht und ließ vor Schreck sein Glas auf den Boden fallen wo es klirrend zersprang.
»Woher weißt du davon?«
»Pinkelpause im Wald.«
»Ich glaube, mir wird schlecht.«
»Also? Warum?«
»Du kannst dir nicht vorstellen, wie es mir in den letzten Monaten ging. Ich habe es nicht mehr ausgehalten. Kaum bin ich in Rente, stürzt die Decke über mir zusammen.
Sie hat mich erdrückt. Rund um die Uhr mit ihren Engeln leben. Von allen Seiten starren die einen an. Wir haben uns ständig gestritten, ich hatte keine Chance, mich irgendwie zu entfalten, etwas einzubringen. Ich war nur gut genug, zum Einkaufen, für Fahrten zum Arzt. Ich war wie ein Gefangener. Ich musste da raus.«
»Und dann bringst du sie einfach um und verscharrst sie weit weg im Wald?«
»Weit weg. Ja. Da oben hätte sie doch nie jemand identifizieren können. Wie konnte ich denn ahnen, dass gerade du dort oben über sie stolperst.«
»Ist meinem Kollegen passiert.« Er nickte zur Bar hinüber und gab Schmidt damit das Zeichen, herüber zu kommen.
»Und dann setzt du dich nach Asien ab. Wie soll es jetzt weitergehen?«
»Ich mache hier einen Laden auf oder investiere meine Ersparnisse in eine Textilfabrik. Kambodscha ist gerade ganz groß im Kommen. Die Arbeiter in China werden langsam zu teuer.«
»Karl, wir können das nicht einfach unter den Tisch fallen lassen. Du bist ein Mörder und wirst dich vor einem deutschen Gericht dafür verantworten müssen. Ich lasse dich hier nicht frei rumlaufen.«
Nun musste Karl lachen. Die Anspannungen des überraschenden Treffens hatte er überwunden.
»Ihr bekommt mich nicht mehr nach Hause. Hier kann mir nichts passieren. Kambodscha hat kein Auslieferungsabkommen mit Deutschland. Ihr könnt mir gar nichts.«
Karl holte sein Portemonnaie hervor. »Zahlen!« rief er durch den Raum.
»Und jetzt werde ich verschwinden. Lasst mich in Ruhe.«
Schmidt nutzte die Gunst der Stunde und griff zu. »Schau an. Steckt in der Geldbörse vielleicht ihr Reisepass? Sieh an. Das Visum ist auch dabei.« Er nahm die beiden Dokumente an sich.
»Es gibt kein Auslieferungsabkommen, aber die Behörden schieben trotzdem Touristen ab. Entweder stellt die Botschaft einen Antrag oder es handelt sich um jemanden, der sich nicht korrekt ausweisen kann.«
Die beiden Polizeibeamten standen auf und verließen den Tisch.
»Wir sehen uns in ein paar Wochen in Deutschland, Karl. Vielleicht auch schon etwas früher. Kommt darauf an, wie schnell wir hier die Polizei informieren können und wie schnell sie dich einbuchten können.«
Karl wurde wieder weiß im Gesicht. In diesem Moment wurde ihm klar, dass er, trotz umfangreicher Vorbereitungen, verloren hatte.

(c) 2015, Marco Wittler

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