Zimmermann ermittelt (21) – Alte Knochen [Regional-Krimi]

Posted by Marco on 13. September 2015as , , , , , , , , , , , , , ,

Alte Knochen

Im Büro der Kriminalpolizei klingelte das Telefon. Um genau zu sein, es klingelte das Telefon auf dem Schreibtisch von Kommissar Zimmermann, der aber keine Anstalten machte, den Hörer abzunehmen. Stattdessen nahm sich Zimmermann seinen Kaffeebecher und lehnte sich in seinem ledernen Bürostuhl zurück.
»Das Telefon.« brummte er leise vor sich hin und nahm einen Schluck des schwarzen Gebräus.
»Das Telefon klingelt.« erwähnte er ein zweites Mal beiläufig.
»Das Telefon klingelt immer noch.« klang er nach ein paar Sekunden genervt.
Inspektor Schmidt seufzte. Er räumte einen großen Stapel Akten von seinem Schoß auf seinen viel zu kleinen Schreibtisch und stand auf, um das wartende Gespräch entgegen zu nehmen.
»Kriminalpolizei Hemer, Büro Kommissar Zimmermann. Inspektor Schmidt am Apparat.«
Er nickte ein paar Mal vor sich hin, machte Notizen auf seinem Block und legte nach ein paar Minuten wieder auf.
»Auf einem Acker sind menschliche Knochen entdeckt worden. Wir müssen sofort los.«
Diesmal seufzte der Kommissar laut und deutlich, während er einen Blick auf die Uhr an der Wand warf.
»Verdammt. So kurz vor Feierabend. Hätten die nicht auch Morgen in der Früh auftauchen können?«
Er warf sich seinen alten, fleckigen Mantel über und verließ das Büro.

Die Fahrt zum Acker dauerte nicht lange. Es handelte sich um ein gerade abgeerntetes Maisfeld vor dem Felsenmeer. Was sich dort bereits tat, war alles andere als gewöhnlich.
»Was machen die ganzen Leute hier?« informierte sich Zimmermann bei seinem Assistenten.
»Ich bin mir nicht sicher.« antwortete Schmidt wahrheitsgemäß. »Aber ich werde es gleich wissen.«
»Und sorgen sie dafür, dass dieses Volk so schnell es geht verschwindet. Die werden uns alle Spuren und Hinweise zerstören und kontaminieren. So geht das nicht.«
Vier Streifenpolizisten versuchten bereits, den Tatort zu sichern, aber die große Menschenmenge war kaum zu bändigen. Ständig durchbrach jemand die Absperrungen und machte sich auf dem großen Acker zu schaffen.
Inzwischen hatte der Inspektor ein paar kurze Gespräche geführt und kam zum Kommissar zurück.
»Die Menschen sind alle in Golgräberstimmung. Der zuständige Landwirt hat den Boden untergepflügt und dabei ein paar alte Knochen ans Tageslicht befördert.«
Zimmermann verdrehte die Augen. »Was soll daran so besonders sein, dass die Menschen hier in Scharen auftauchen?«
»Das sehen wir uns am Besten selbst an.« schlug Schmidt vor.
Sie gingen ein paar Meter bis zum Tatort. Vor ihnen lagen die Knochen, von denen einer eindeutig ein menschlicher Oberschenkel sein musste.
»Was zum Teufel ist das?«
Der Kommissar bückte sich und hob ein paar Münzen auf, die in einem Umkreis von einem Meter zwischen den Erdklumpen lagen.
»Sieht römisch aus.« schätzte er. »Aber genau kann ich das nicht sagen. Das ist eine Sache für Experten.«
Vorsichtig grub er sich weiter durch die Erde. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis er weitere Artefakte freilegte. Eine zerbrochene Amphore und ein Kurzschwert kamen dabei ans Tageslicht.
»Deswegen sind auch die vielen Menschen hier. Sie vermuten alle einen wertvollen Schatz und wollen daran teilhaben.« schloss Schmidt aus dem Fund.
Zimmermann stand wieder auf und klopfte sich den Staub von der Hose.
»Dann frage ich mich, warum wir überhaupt hier sind. Das ist ein Fall für Archäologen und nicht für die Kripo. Dieser Soldat wird seit rund zweitausend Jahren hier im Boden gelegen haben. Ich glaube kaum, dass wir da noch auf verlässliche Zeugenaussagen hoffen können.
Der Landwirt, der das Gespräch aus ein paar Metern Entfernung von seinem Traktor aus belauscht hatte, kam nun aufgeregt herüber gelaufen.
»Das ist kein alter Römer. Das können sie mir nicht erzählen. Hier stimmt eindeutig etwas nicht.« erklärte er.
»Ich pflüge hier den Acker jedes Jahr ordentlich durch. Noch nie hat hier etwas gelegen. Das hätte ich schon vor einer Ewigkeit entdeckt, meinen sie nicht auch?«
Der Kommissar war sich nicht sicher. Er hatte schon öfter im Fernsehen Luftaufnahmen von Ackerflächen gesehen unter denen eindeutig alte Bauten zu sehen waren.
»Wir müssen das Gelände auf jeden Fall räumen und absperren. Falls es hier wirklich geschichtlich bedeutende Funde gibt, dürfen die nicht von irgendwelchen Goldgräbern zerstört oder gestohlen werden.«
Er drehte sich zum Inspektor um. »Schmidt, finden sie raus, wer für diese Gegend zuständig ist, wenn römische Funde gemacht werden. Das hier muss sich jemand ansehen, der sich auskennt.«
»Bin schon dabei, Chef.«
Schmidt ging zurück zum Wagen und führte ein paar Telefonate. Erst nach zehn Minuten war er wieder zurück.
»Wir haben ein Problem.«
Zimmermann drehte sich ruckartig um. »Wa ist los?«
»Ich habe mit einem Historiker gesprochen. Er sagte mir, dass er mit ziemlicher Sicherheit ausschließen kann, dass hier bei uns in Hemer eine römische Schlacht stattgefunden hat. Hier sollten eigentlich keine Knochen und Waffen zu finden sein. Münzen, wenn überhaupt, nur vereinzelt, wenn sie als Beutegut von den Germanen hier verloren gegangen sind.«
Der Inspektor schluckte. »Er geht davon aus, dass die Knochen nicht römisch sind und wahrscheinlich viel jünger, als wir im Moment annehmen. Er ist aber bereits auf dem Weg hierher, um uns Genaueres sagen zu können.«
Sofort rief Zimmermann die Polizeibeamten zu sich.
»Schafft mir die Leute hier vom Hals. Das hier ist ein Tatort und keine Ausgrabungsstätte. Jeder, der nicht in drei Minuten vom Acker verschwunden ist, bekommt eine saftige Anzeige verpasst. Verstanden?«

Kommissar Zimmermann hielt sich an seinem Kaffeebecher fest. Die Augenringe zeugten von einer langen Nacht im Büro. Seine beiden Gegenüber, Inspektor Schmidt und der Historiker Fred van Burg sahen nicht besser aus. Gemeinsam saßen die drei Männer um Zimmermanns Schreibtisch und begutachteten immer wieder die Fotos des Tatorts und die römischen Fundstücke. Die Knochen hatten sie am frühen Abend bereits stundenlang in Augenschein genommen.
»Ich kann mich nur wiederholen.« erklärte van Burg übermüdet. »Die Münzen, die Amphore und auch die Waffe sind absolut authentisch. Die könnten wir so irgendwo entlang des Rheins so aufgefunden haben. Es ist alles perfekt. Aber es will mir einfach nicht in den Kopf, dass sich ein römischer Soldat hierher verirrt haben soll. Das macht einfach keinen Sinn. Sollte es sich trotz allen Bedenken doch um einen historischen Fund handeln, wäre das eine Sensation und wir müssten uns den Acker dringend genauer ansehen. Ich hoffe, dass die Radiocarbondatierung uns mehr sagen wird.«
Inzwischen zeigte die Uhr an der Wand neun Uhr. Ein paar Sekunden später klingelte das Telefon.
»Schmidt. Es klingelt. Gehen sie ran.«
Schmidt gähnte und stand mühselig auf. Mit schlurfenden Schritten umrundete er den großen Schreibtisch des Kommissars und nahm den Hörer vom Telefon ab, das genau neben Zimmermanns Arm stand.
»Kriminalpolizei Hemer, Büro Zimmermann, Schmidt hier.«
Er nickte ein paar Mal und machte sich Notizen, während die Gegenseite redete. Nach ein paar Minuten legte der Inspektor auf und schlurfte zurück zu seinem Sessel.
»Das war das Labor. Der untersuchte Knochen ist nicht römisch. Die Knochen stammen aus unserer Zeit. Geschätztes Alter liegt bei unter fünfzig Jahren.«
»Ha, ich wusste es.« jubelte van Burg und sprang auf. »Ich bin noch bei Verstand. Römer im Sauerland. So ein Blödsinn.«
Erst dann wurde er sich klar darüber, dass seine Reaktion völlig falsch angebracht war. Er ließ sich auf seinen Stuhl fallen.
»Tut mir leid. Das bedeutet leider, dass wir es hier mit einem Mord zu tun haben und noch Arbeit auf sie beide zukommt.«
»Nicht nur auf uns.« seufzte der Kommissar. Die Knochen sind ziemlich sauber. Liegen wohl schon eine ganze Weile in der Erde. Eine genaue Datierung wird uns unser Pathologe bestimmt nicht liefern können. Unser einziger Hinweis sind die römischen Artefakte. Können sie rausfinden, ob und wann diese Gegenstände einem Museum oder irgendeinem Privatsammler gestohlen wurden? Wir müssen jetzt jeden Strohhalm nutzen, den wir bekommen können.«

Den ganzen restlichen Tag und die darauf folgende Nacht verbrachte der Kommissar in seinem Bett und schlief tief und fest. Erst am nächsten Morgen kam er wieder aus den Federn.
»Ich hoffe, dass Schmidt in der Zwischenzeit fleißig war. Es gibt bestimmt eine lange Liste, vermisster Personen aus den letzten fünfzig Jahren.«
Er stand auf, schlurfte in die Küche, brühte sich einen Kaffee und setzte sich mit einem Kriminalroman an den Frühstückstisch.
»Mal sehen, ob mich dieser Schmöker aus den Socken haut.
Recht zügig blätterte er in dem Groschenheft die ersten Seiten durch, bis die erste Leiche auftauchte. Sofort wurde er stutzig. Noch einmal las er sich die Zeilen durch und blätterte dann durch das ganze Heft.
»Südengland. Knochenfunde auf einem Acker mit keltischen Münzen und anderen Artefakten …« Etwas weiter hinten wurde klar, dass die Knochen viel jünger waren und es sich um eine Verschleierungstaktik handelte.
»Das ist unser Fall. Ganz eindeutig. Irgendwer hat das gelesen und nachgeahmt.«

Eine Stunde später saßen Zimmermann und Schmidt wieder gemeinsam im Büro.
»Wir verwerfen die Vermisstenliste. Wir brauchen eine Neue. Mich interessieren nur Personen, die in den letzten vier Wochen gemeldet wurden.« erklärte der Kommissar.
Das gestaltete sich sehr einfach. Denn schon blieb nur ein Mensch übrig.
»Die Frau des Landwirts verschwand vor zwei Wochen spurlos.«
»Bingo!« antwortete Zimmermann.

Kurz darauf standen sie auf dem Hof des Landwirts und legten ihm Handschellen an.
»Aber ich bin unschuldig. Warum sollte ich meine Frau in meinem Acker verscharren? Sind sie verrückt geworden? Sie hat mich verlassen und ist mit ihrem neuen Lover ins Ausland abgehauen.«
Der Kommissar hielt ihm den Krimi unter die Nase. »Sie haben hier drin die Anleitung gelesen. Sie haben ihre Frau umgebracht, das Fleisch von den Knochen abgetrennt und in gewolfter Form im Klo weggespült. Die Knochen ab in den Acker. Und diese gaben sie dann als Römer aus, damit sie im Museum landen. Die Münzen, die Amphore und die Waffe haben sie bei eBay ersteigert. Wir haben das bereits überprüft.«
Der Kommissar steckte den Krimi wieder ein. »Ein perfekter Mord. Wenn ich nicht zufällig die gleichen Krimis lesen würde.«

(c) 2015, Marco Wittler

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