Zimmermann ermittelt (23) – Flüchtlingsmord [Regional-Krimi]

Posted by Marco on 22. November 2015as , , , , , , , , , , , , , ,

Flüchtlingsmord

Samstag, 21. November 2015, 10:30 Uhr Polizeichwache Hemer

»Ich kann diese verdammte Scheiße nicht mehr ab.!« brüllte Kommissar Zimmermann durch das Büro.
»Flüchtlingsdramen, rechte Parolen vom braunen Rand, Anschläge und Bedrohungen von radikalisierten, islamistischen Terroristen, brennende Asylantenheime, ausfallende Fußballspiele, Mord und Todschlag. Gibt es eigentlich keine normalen Nachrichten mehr in Deutschland?«
Wutentbrannt schleuderte er die Zeitung mit den großen Buchstaben von sich und traf dabei seinen Kaffeebecher, welcher polternd zu Boden fiel und seinen Inhalt über das Laminat ergoss.
»Außerdem ist mein Kaffee alle und niemand bringt mir einen Neuen. Saftladen.«
Inspektor Schmidt sprang hinter seinem Schreibtisch auf und holte einen Lappen, um die immer größer werdende Pfütze aufzuwischen.
»Sie dürfen sich das alles nicht so sehr zu Herzen nehmen, Chef. Irgendwann macht sie das nochmal krank.«
»Ich soll mir das nicht zu Herzen nehmen? Sagen sie mal, spinnen sie? Ich dachte, sie stünden auf meiner Seite, Schmidt.«
Schmidt seufzte. »Uns sind nunmal die Hände gebunden. Was sollen wir denn machen?«
»Die wollen doch nur, dass wir die Hände in den Schoß legen und unsere Klappen halten. Aber nicht mit mir.«
Zimmermanns Blick fiel durch die große Glasscheibe in das benachbarte Büro – seinem Büro – in dem sich nun schon seit drei Wochen Beamte von LKA und BKA breit machten. Hin und wieder hatte er auch das Gefühl, dass Leute vom BND dazu kamen.
»Wie lange soll ich denn noch in dieser Besenkammer aushalten?«
Schmidt räusperte sich. »Das ist mein reguläres Büro, in dem wir sitzen.«
»Sag ich doch.« beschwerte sich der Kommissar. »Meine gute Kaffeemaschine haben sie auch in Beschlag genommen. Man kommt sich in den eigenen vier Wänden nicht mehr heimisch vor. Und am Ende bringt das alles eh nichts, weil die Damen und Herren in der ganzen Zeit nicht einen Schritt weiter gekommen sind. Hätte man mich nicht schon von Anfang an blockiert und von dem Fall abgezogen, dann wären wir der Bande schon längst auf den Fersen.«
Der Ärger tief. Kommissar Zimmermann fühlte sich persönlich angegriffen und beleidigt, dass man an seinen Fähigkeiten zweifelte und die Ermittlungen an angebliche Experten übertragen hatte.
Mit dem Aufkommen der immer lauter werdenden Kritik an der deutschen Asylpolitik, dem wachsenden Unwillen, Flüchtlinge ins Land zu holen und den immer offener zur Schau getragenen ausländerfeindlichen Äüßerungen in der Bevölkerung, war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis aus brennenden Flüchtlingsheimen erste Übergriffe gegen Asylanten wurden.
Seit fast vier Wochen verschwanden nun fast täglich Flüchtlinge aus der deilinghofer Einrichtung am Apricker Weg und wurden später an verschiedenen Orten in Hemer aufgefunden. Aber nicht nur das. Vereinzelt traf es auch hemeraner Bürger mit islamischem Glauben oder solche, die arabischen Aussehens waren.
»Hinter der Sache kann nur eine ganze Gruppe stecken, die ihre Anschläge minutiös koordiniert.« wetterte Zimmermann weiter. »Aber diese Sesselfurzer sitzen sich hier nur die Hintern platt, ermitteln Spuren im Internet, stimmen sich mit ausländischen Geheimdiensten ab und führen Befragungen in der Stadt durch, statt endlich richtig tätig zu werden.«
Er seufzte, während ihm Inspektor Schmidt einen neuen Becher Kaffee vor die Nase setzte.
»Hätten sie mich an der Sache arbeiten lassen, wäre ich ganz anders vorgegangen. Aber das sieht die hohe Politik ja leider nicht so gern. Wenn ein Kleinstadtkommissar so einen großen Fall löst, können sich die Innenminister nachher nicht mit Federn schmücken, die sie nicht verdient haben. Wie soll das bloß weitergehen?«
»Vielleicht sollten sie endlich den Urlaub antreten, den man ihnen nahe gelegt hat.« schlug Schmidt vor. »Das sollte sie auf jeden Fall auf andere Gedanken bringen. Nützt doch eh nichts, hier jetzt nur zu sitzen und zu warten, dass etwas passiert.«
Zimmermann schüttelte den Kopf. »Sie wissen doch was ich von Urlaub halte. Ist nur Zeitverschwendung. Ich kann damit nichts anfangen.«
Er schlug mit der Faust auf den Schreibtisch und beförderte so den nächsten Kaffee in die Fänge der Schwerkraft.
»Wäre aber trotzdem besser, die Anweisung zu befolgen, bevor es von oben Ärger gibt.« argumentierte der Inspektor.
»Vielleicht haben sie ja Recht. Ich muss abschalten, sonst werde ich noch wahnsinnig in diesem Laden. Außerdem gehen uns langsam die Becher aus.«
Schmidt atmete erleichtert auf. »Ich werde sie auch auf dem Laufenden halten. Versprochen.«
»Ich verstehe immer noch nicht, warum man sie in den Fall einbezogen hat und ich draußen bin. Wer von uns beiden ist den der erfahrenere Kriminalbeamte?«
»Sie hätten den Ermittlungsleiter vielleicht nicht als aufgeblasenen Fatzke beschimpfen sollen.«
»Aber er ist doch einer! Schauen sie ihn sich doch mal an.«
Mit hochrotem Kopf stand der Kommissar von seinem ungemütlichen Holzstuhl auf, warf seinem weichen Ledersessel im anderen Büro einen sehnsüchtigen Blick zu und verschwand mit seinem fleckigen Trenchcoat nach draußen.
»Ich bin im Urlaub.« nuschelte er, bevor er die Tür hinter sich schloss.

Ein paar Minuten später saß Inspektor Schmidt in Zimmermanns Büro und hörte dem Einsatzleiter mit schlechtem Gewissen zu.
»Es wird jetzt verdammt noch mal Zeit, dass wir einen Erfolg verbuchen können. Die Lage spitzt sich immer weiter zu. Der Innenminister sitzt mir im Genick und die Presse nimmt uns auseinander.«
Er hängte eine große Karte der Stadt auf.
»Für die Kollegen, die jetzt erst zu uns gestoßen sind, zähle ich noch einmal die Fakten auf. Seit dem dem 28. Oktober geschehen in Hemer Morde in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen. Der oder die Täter lassen sich nur maximal zwei bis drei Tage Zeit, bis sie wieder zuschlagen.«
Er richtete einen Laserpointer auf die Karte.
»Es gibt bereits zwölf Todesopfer, die an vier Tatorten gefunden wurden. Im Duloh, im Felsenmeer, auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz zwischen den Ortsteilen Apricke und Riemke und im Wald zwischen Deilinghofen und Brockhausen.
Die Orte haben keine feste Reihenfolge und die Gebiete sind so großflächig, dass es uns bisher nicht möglich war, den Tätern auf die Spur zu kommen. Sie schlagen immer dort zu, wo wir gerade nicht sind.
Eine weitere Konstante sind die Opfer. Es handelt sich zum großen Teil um Flüchtlinge, es waren aber auch schon Migranten dabei, die teilweise schon seit Jahrzehnten oder in zweiter, dritter Generation in der Stadt leben. Es handelt sich also definitiv um einen rechtsradikalen Hintergrund. Das sahen wir auch von Anfang an darin begründet, dass sich die Täter selbst ein Detail zur Wiedererkennung gegeben haben. Jedem Opfer wurde ein Notgeldschein des Amtes Hemer mit der Aufschrift ‚Refugees not welcome. Hemer gehört uns Deutschen.‘ in den Mund gestopft.
Da die Diskussionen im Land immer lauter werden, müssen wir die Sache endlich auflösen. In einigen sozialen Netzwerken feiert man uns als Polizei bereits, weil wir den Tätern genug Zeit lassen würden, um noch mehr zu morden.«
Der Einsatzleiter fuhr sich nervös durch die spärlichen Haare, bevor er weiter sprach.
»Wir bekommen noch einmal Verstärkung vom Land. Man schickt uns eine halbe Hundertschaft. Mit diesen Männern werden wir uns auf die bisherigen Tatorte aufteilen, in der Hoffnung auf einen Aufklärungserfolg. Zusätzlich werden unsere Leute im Flüchtlingsheim personell verstärkt.
Den genauen Einsatzplan finden sie in ihren Unterlagen. Noch irgendwelche Fragen oder Vorschläge?«
Er sah in die Runde. Die anwesenden Kollegen blieben allerdings still.
»In Ordnung. Dann bleibt uns nur noch zu hoffen. Heute ist der zweite Tag. Die Mörder sollten also in dieser oder der morgigen Nacht wieder zuschlagen, wenn wir es nicht verhindern.«

Samstag, 21. November 2015, 12:00 Uhr, Deilinghofen

Kommissar Zimmermann saß in seiner Küche und starrte in seinen vollen Kaffeebecher, den er kein einziges Mal angerührt hatte. Mittlerweile war das Gebräu kalt und bitter geworden.
»Was denken die sich eigentlich, wer ich bin? Ich komme doch nicht frisch von der Polizeischule. Ich habe schon Mörder überführt, als diese schlauen Herren noch von Mama gestillt wurden und sich mehrmals täglich in die Windeln geschissen haben.«
Er schlug mit der Faust auf den Tisch.
»Verdammt noch mal. Ich bin Polizist und kein Laufbursche, der nur Befehle befolgt.«
Er schüttete den Kaffee in einen großen Blumenkübel, der neben ihm an der Wand stand.
»Ich muss was tun. Die ruinieren noch den Ruf unserer gesamten Behörde. Irgendwann werden sie im ganzen Land über uns lachen. Und es kann nicht sein, dass diese Menschen vor Tod und Verderben aus ihrer Heimat fliehen, nur um dann hier aufgeschlitzt zu werden. Ich muss endlich etwas unternehmen. Mir doch egal, ob die feinen Herren aus Düsseldorf und Wiesbaden mich von der Sache abgezogen haben. Mache ich halt mein eigenes Ding. Bis zur Rente hab ich eh nicht mehr so lange.«

Samstag, 21. November 2015, 20:53 Uhr, Felsenmeer

Die Sonne war mittlerweile hinter dem Horizont verschwunden. Die Dunkelheit hatte Hemer längst erfasst.
Inspektor Schmidt saß hinter einer dicken Eiche und zitterte vor Kälte.
»Verdammte Einsatzkleidung. Die taugt überhaupt nichts, wenn man sich nicht bewegen darf.« flüsterte er seinem Kollegen Mustafa zu.
»Wie fühlst du dich eigentlich bei der ganzen Sache?«
»Soll ich ehrlich sein?« erwiderte der Deutsch-Türke. »Ich bin in diesem Land geboren und aufgewachsen. Ich bin deutscher Staatsbürger, fühle mich auch so und habe mit der Türkei eigentlich gar nichts am Hut. Ich beherrsche nicht mal die Sprache wirklich gut. Aber mittlerweile macht mir die Sache richtig Angst. Wenn ich durch die Straßen gehe ist das ok. Die Leute sehen meine Uniform und alles ist in Ordnung. Aber ich habe immer mehr Angst um meine Frau und meine Kinder. Mein Kleiner wird fast täglich von seinen Mitschülern beschimpft. Dabei geht er gerade mal in die zweite Klasse.
Jeden Tag, wenn ich zur Arbeit gehe, schleicht sich Panik in meinen Kopf. Ich will nicht irgendwann nach Hause kommen und sehen, dass sie auch getötet wurden und ich sie nicht beschützen konnte. Sie sitzen allein in unserer Wohnung und ich lungere im Wald rum. Das macht mich noch krank.«
Schmidt nieste laut. »Im wahrsten Sinne des Wortes. Hoffentlich hab ich jetzt niemanden verschreckt.«
Er hatte niemanden verschreckt. In dieser Nacht gab es zum Glück keinen weiteren Mord. Alles blieb ruhig und die vielen Polizisten, die sich über die ganze Stadt verteilt hatten, froren sich umsonst bei drei Grad Celsius den Arsch ab.

Sonntag, 22. November 2015, 08:30 Uhr, Flüchtlingsunterkunft Deilinghofen

Am nächsten Morgen trat Ibrahim verschlafen aus der überfüllten Baracke nach draußen. Er gähnte laut, kratzte sich über seinen Dreitagebart und sah fasziniert den kleinen Dampfwölkchen nach, die sich beim Atmen vor seinem Mund bildeten. Aus seiner Heimatstadt Damaskus kannte er zwar kalte Nächte, aber sie waren trotzdem eine Seltenheit.
Er rubbelte sich mit den Händen über die Oberarme, um sich aufzuwärmen und ging dann zum Frühstück in den Gemeinschaftsraum.
Die vielen Sitzplätze waren fast alle besetzt. Unzählige Männer, Frauen und Kinder drängelten sich an der Essensausgabe und warteten, auf die erste Mahlzeit des Tages.
Ibrahim hatte eigentlich keinen Hunger. Zu sehr wühlten ihn noch die Gedanken an die lange Flucht aus der Heimat auf. Erst gestern war er nach ein paar Tagen Aufenthalt in München hierher verteilt worden.
Sein Blick fiel durch die Fenster auf die dicken, grauen Wolken, die sich langsam von Osten her über den blauen Himmel schoben. Ob es bald schneien würde? In Deutschland sollte das recht oft passieren. Es würde der erste Schnee seines Lebens werden.
Nach zwanzig Minuten war er endlich an der Reihe. »Was willst du Essen?« Der Mann hinter der Theke breitete die Arme aus und zeigte verschiedene Speisen, von denen Ibrahim einige noch nie gesehen hatte. Da er den Mann nicht verstand, zuckte er mit den Schultern.
»Moment.« Der Mann tippte seinem Kollegen auf die Schulter. »Du kannst doch ein wenig Arabisch. Frag ihn mal, was er essen will.«
Doch selbst mit der Übersetzung konnte Ibrahim nichts anfangen.
»WAS WILLST DU FRÜHSTÜCKEN?« fragte der Deutsche nun ein weiteres Mal besonders laut und bewegte seine Lippen extrem theatralisch, wohl in der Hoffnung, dass er dann besser zu verstehen sei.
»Warum müssen die auch so viele Dialekte haben? So kann man sich doch gar nicht verständigen.« Er winkte ab und packte Ibrahim zwei Brötchen und ein paar Scheiben Käse auf einen Teller und schob ihn sanft zur Seite.
»Der Nächste.«
Ja, es wird heute noch Schnee geben, dachte sich Ibrahim und lenkte wieder seine Gedanken zu den Wolken, die schon ein ganzes Stück dichter geworden waren. Dann werde ich mir eine dicke Jacke anziehen, eine Mütze auf den Kopf setzen, einen Spaziergang durch die Straßen machen und mir die Gegend ansehen. Ich werde bestimmt viel Neues entdecken. Hier ist alles so anders als zu Hause.

Sonntag, 22. November 2015, 14:30 Uhr, Flüchtlingsunterkunft Deilinghofen

Die Wolkendecke war nun richtig dicht geworden. Ibrahim wartete gespannt am Fenster. Und dann kamen sie. Dicht an dicht gedrängt fielen plötzlich unzählige kleine Flocken vom Himmel herab und färbten die Welt innerhalb kürzester Zeit weiß.
Es schneit! Es schneit tatsächlich!
Ibrahim war begeistert. Er schnappte sich schnell seine Jacke und die Mütze und lief zum Eingang der Einrichtung. Ein paar Mal rutschte ihm die Füße weg, konnte sich nur mit Mühe aufrecht halten.
Dann war er draußen – auf der Straße.
Alles ist plötzlich so friedlich. Es scheint, als würde die Welt innehalten und still stehen. Es ist so ruhig.
Tatsächlich verschluckte der Schnee die Geräusche der Unterkunft und der nahen Straße. Es kam ihm vor wie ein windstiller Tag mitten in der Einöde seiner Heimat.
Plötzlich war ein helles Aufblitzen zu sehen, fast zeitgleich mit einem lauten Knall.
Ibrahim zuckte zusammen. Sofort kamen ihm die Bilder des Krieges in den Sinn. Bombenexplosionen, Gewehrschüsse. Panisch begann er zu rennen. Ein weiteres Aufblitzen trieb ihn noch mehr zur Flucht. Er rannte von einer Straße in die nächste. Es sollte ein paar Minuten dauern, bis ihm bewusst wurde, dass es nur ein Gewitter war, vor dem er weg lief.
Ibrahim blieb stehen. Atme schwer. Dann lachte er leise über sich selbst. Ihm wurde klar, dass er sich verlaufen hatte und eine ganze Zeit brauchen würde, um den Rückweg zu finden. Das alles nur wegen eines einfachen Gewitters.
»Hey, du da.« hörte er eine Frauenstimme hinter sich. »Was machst du hier? Geht es dir gut? Du siehst ziemlich fertig aus.«
Er drehte sich um. Eine junge, blonde Frau stand hinter ihm und sah ihn besorgt an.
»Alles ok?«
Ibrahim zuckte mit den Schultern. »Nix verstehn.« brachte er notdürftig heraus.
Nun zuckte auch die Frau mit den Schultern und lächelte.
»Das wird schon wieder. Du hast bestimmt eine schwere Zeit hinter dir. Komm mal mit. Ich zeig dir erstmal die Gegend.«
Die Frau machte verschiedene Gesten. Eine davon verstand Ibrahim. Er sollte ihr folgen. Und das tat er. Die Deutschen schienen ein sehr freundliches und offenes Volk zu sein. Endlich bekam er ein kleines Gefühl, wirklich frei zu sein. Doch dieses Gefühl währte nur kurz.
Als die beiden in eine Seitengasse abbogen, wurde es plötzlich dunkel. Irgendetwas traf Ibrahim am Kopf und vernebelte ihm das Bewusstsein.

Sonntag, 22. November 2015, 19:30 Uhr, Felsenmeer

Es war die zweite Nacht in Folge. Und zum zweiten Mal saß Inspektor Schmidt hinter einem Baum und fror. Dieses Mal holte er sich allerdings nasse Füße. Der Schnee lag ein paar Zentimeter hoch und immer wieder kam kamen neue Flocken aus den Wolken herunter.
Dieses Mal war er allein. Die Kollegen hatten sich über das ganze Areal verteilt, saßen in Verstecken oder waren auf Patrouille.
»Manchmal hasse ich meinen Job.« maulte der Inspektor. »Wofür habe ich eigentlich die gehobene Laufbahn eingeschlagen? Am Ende sitze ich auch nur im Dreck wie alle anderen auch.«
Ständig hörte er Geräusche. Mal war es der Wind, mal ein knackender Ast im Gebüsch.
Waren da Schritte? Er könnte es nicht sagen. In dieser ungewohnten Situation war er angespannt und hörte vielleicht Dinge, die es gar nicht gab. Am Ende würde er vielleicht sogar Zwerge zwischen den Baumwurzeln sehen. Zumindest hatte ihm sein Opa immer wieder sie Sagen über das Felsenmeer aus einem Buch vorgelesen.
Es wurde wieder still. Keine Schritte. Oder vielleicht doch? War da nicht jemand? Schlich da nicht jemand hinter den Bäumen her?
Schmidt stand auf und schlich selbst den Weg entlang. Er musste sich Gewissheit verschaffen.

Zur gleichen Zeit kam Ibrahim wieder zu sich. Sein Schädel brummte, als hätte jemand einen Bienenkorb darin entleert. Er sah Sterne vor Augen, die nur langsam wieder verschwanden. Dunkel blieb es allerdings.
Bin ich blind? Kaltes Entsetzen packte ihn. Doch dann wurde ihm langsam bewusst, dass er für mehrere Stunden ausgeschaltet gewesen sein musste. Um ihn herum war es tatsächlich dunkel. Nur vereinzelt konnte er die Konturen von Bäumen erkennen.
Wo bin ich hier? Wie komme ich hierher?
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Drei Personen, zwei Männer und die Frau, die er bereits kennengelernt hatte, traten vor ihn und leuchteten ihm mit einer Taschenlampe ins Gesicht.
»Du dreckiger Mistkerl.« fuhren sie ihn kaltblütig an.
»Kommst einfach ungefragt in unser Land, sackst unser Geld ein, stellst unseren Frauen nach. Schämen solltest du dich. Du gehörst nicht hierher.«
Ibrahim sah von einem Gesicht zum anderen. Er verstand kein Wort. Aber er spürte, dass diese Menschen ihm nicht freundlich gesinnt waren.
»Ich nix verstehn.« stotterte er.
»Ich zeig dir gleich ’nix verstehn‘. Paar aufs Maul kannste kriegen.«
Schon holte einer der Männer aus und schlug Ibrahim ins Gesicht.
»Wir haben schon ganz andere von deiner Sorte fertig gemacht. Du bist der nächste.«
Nun kam die Frau näher. Sie hockte sich vor Ibrahim hin.
»Hättest lieber in deinem Heim bleiben sollen. Man läuft doch nicht einfach fremden Frauen nach. Sowas macht man nicht. Das machen nur Perverse.«
Sie kramte in ihrer Handtasche und förderte ein kleines Stück Papier hervor.
»Siehst du. Das ist Geld. Gutes, altes, deutsches Geld. Sowas gibt’s heutzutage gar nicht mehr.«
Sie schrieb etwas darauf. Dann stopfte sie diesen Geldschein in Ibrahims Mund. Ibrahim wehrte sich dagegen. Er wollte die Frau von sich stoßen. Aber sie packte ihn an den Handgelenken und sah ihn grimmig an.
»Spuck’s aus und du stirbst.«
Ibrahim hielt inne. Er wurde ruhiger und sackte langsam in sich zusammen.
»Schau mal einer an.« mischte sich nun wieder einer der Männer ein. »Der Kaffer scheint uns ja doch zu verstehen. Gut für dich. Wird dir aber auch nichts mehr bringen. Deine letzte Stunde hat bereits geschlagen. Und je mehr du dich wehrst, desto schmerzhafter wird es.«
Er holte einen Schlagring aus der Tasche und streifte ihn sich über die Finger der rechten Hand.
»Dann wollen wir mal noch ein wenig Spaß miteinander haben. Na los! Steh auf!«
Ibrahim stand langsam auf und fixierte sein Gegenüber mit den Augen. Schon sauste der erste Schlag heran. Doch statt des Magens, landete er auf der harten Baumrinde dahinter. Ibrahim war ausgewichen.
»Verdammte Scheiße. Tut das weh.«
Ibrahim spuckte den Geldschein aus. »Und du wirst dir noch wünschen, dass das alles gewesen ist.«
Seine akzentfreien Worte überraschten die drei Übeltäter. Das gab ihm genug Zeit, sich den Schläger zu packen und als Schutzschild zu missbrauchen. Er drehte ihm den Arm um, bis es laut knackte.
»Ihr werdet euch noch wünschen, dass ich wirklich aus Syrien gekommen wäre, wenn ihr jeder für sich in einer Zelle sitzt.«
»Scheiße, Mann.« bekam nun die Blondine Panik. »Er ist ein dreckiger Bulle.«
Sie sah sich verzweifelt um. Wohin nur? Wenn einer hier war, dann konnten andere nicht weit weg sein.
»Wir müssen verschwinden.«
»Vergesst es! Und schön die Hände hoch.«
Es war Inspektor Schmidt. Er hatte den richtigen Riecher bewiesen und hatte tatsächlich Schritte gehört. Nun stand er hinter den Attentätern und konnte die gefährliche Situation beenden.
»Ich dachte, die Einsatzleitung hat sie von dem Fall entbunden, Chef.«
»Und ich dachte, sie wären schneller hier, um mich bei der Verhaftung zu unterstützen.« entgegnete Kommissar Zimmermann. »Ist gar nicht so einfach, den ganzen Tag nichts zu sagen, damit man nicht auffällt. Haben sie ein paar Handschellen dabei?«
Schmidt schüttelte den Kopf. »Kabelbinder. Die tun’s auch.«
Der Kommissar drückte seinen Gefangenen zu Boden. »Und schön die Hände auf dem Rücken halten. Sonst werd ich ungemütlich. Ich hatte heute noch keinen einzigen Schluck Kaffee. Und dann bin ich unausstehlich.«
Er lachte. Endlich konnte er das wieder.
»Ich bin schon sehr auf das dumme Gesicht des Einsatzleiters vom BKA gespannt und wie er dem Innenminister erklären will, dass ein Beamter den Fall gelöst hat, der gar nicht mehr zum Ermittlungsteam gehörte.«

(c) 2015, Marco Wittler

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