Zimmermann ermittelt (24) – Lesung und Tod [Regional-Krimi]

Posted by Marco on 7. Februar 2016as , , , , , , , , , , , , , ,

Lesung und Tod

»Endlich mal ein ruhiger Abend. Kein Stress, kein Papierkram, keine Mordfälle. Einfach nur gemütlich etwas trinken und entspannen.«
Kommissar Zimmermann lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, nippte an seinem Bier und erwartete den ersten vorlesenden Lokalautor des Abends.
Inspektor Schmidt hatte ihm vor ein paar Tagen einen Flyer in die Hand gedrückt. Eine Lesung im hemeraner Lokvogel mit drei Autoren. Das klang ganz unterhaltsam. Mal etwas anderes, als abends vor der Glotze einzuschlafen und die Nachbarn mit lautem Geschnarche zu nerven. Nur – wo blieb eigentlich Inspektor Schmidt? Er wollte doch auch den Abend in der Kneipe verbringen.
Eine kleine Band spielte ein paar Musikstücke, in deren Anschluss der Gastgeber des Abends einleitende Worte zum Publikum sprach. Er sah sich einer kleinen Runde gegenüber. Vielleicht zwanzig Leute.
»Und nun begrüßen sie bitte mit mir zusammen Inspektor Schmidt von der örtlichen Kriminalpolizei. Er wird mit seinen Weihnachtsgeschichten den Abend einleiten. Applaus.«
Der Kommissar war überrascht. Schmidt? Ein Autor? Ein Geschichtenschreiber? Das hätte er nie erwartet. Schmidt hatte darüber nie etwas erzählt. Unglaublich.
Er sah sich um, während er mit den anderen Leute kräftig applaudierte. Nur – Schmidt kam nicht.
»Herr Schmidt? Sie sind dran. Nur kein Lampenfieber.«
Der Gastgeber sah durch eine Seitentür zum Flur nach draußen.
»Oh mein Gott.«
Er stolperte zurück, stürzte zu Boden.
Zimmermann erhob sich sofort von seinem Stuhl und lief zur Tür. Er sah ebenfalls zum Flur und entdeckte dort seinen Kollegen. Er lag regungslos auf dem Boden.
»Schmidt? Verdammt Schmidt. Sagen sie was.«
Er schüttelte ihn, fühlte den Puls. Nichts. Der Inspektor war tot. Der Kommissar musste schlucken. Der Inspektor war immer topfit gewesen. Hatte noch vor ein paar Wochen seinen Gesundheitstest mit Bestnoten bestanden.
Er stand er auf und betrat wieder den kleinen Saal. »Niemand verlässt den Raum. Hier ist ein Mord geschehen. Der Mörder muss noch unter uns sein. Wir bleiben also hier, bis das geklärt ist.«
Er steckte seinen Kopf durch die Saaltür und fixierte den Kneipenbesitzer. »Und sie bringen mir sofort einen großen Becher Kaffee. Ich muss meine Konzentration ankurbeln.«
Er wandte sich erneut an das Publikum. »Sie werden mir alle helfen, diesen Fall zu lösen. Sehen sie sich um. Wer von den Anwesenden hat in der letzten halben Stunde den Raum verlassen? Wer hat sich auffällig verhalten? Hatt sich irgendwer dem Inspektor gegenüber negativ geäußert? Denken sie nach. Ich brauche Antworten.«
Dann besah er sich die Leiche. »Was ist nur mit ihnen passiert?«
Er musste einen dicken Kloß schlucken, bevor er eine genauere Untersuchung beginnen konnte. Nirgendwo war Blut zu sehen. Kein Einschussloch, keine Schnittverletzung. Es waren auch keine anderen Verletzungen zu erkennen. Gewalteinwirkung schied also aus.
»Verdammt. Muss ich denn wirklich auf die Gerichtsmediziner und die Spurensicherung warten? Das kann ich nicht akzeptieren.«
Dann fiel sein Blick auf einen Anhänger, den Schmidt um dem Hals trug.
»Mjolnir. Odins Hammer.«, murmelte Zimmermann. »Das Ding ist neu. Hab ich vorher noch nie gesehen.«
Er nahm den Anhänger in die Hand. Drehte ihn hin und her.
»Was ist das? Eine Nadel?« Er dachte nach. »Gift. Jemand hat ihm das Ding angedreht und damit vergiftet.«
Er lief zurück in den Saal.
»Ok. Wer hat sich mit dem Inspektor unterhalten, bevor ich eingetroffen bin.«
Ein paar Hände gingen zaghaft in die Höhe.
»Wen jemand ein Gespräch beobachtet von, von jemandem, der sich nicht meldet, dann lassen sie es mich wissen.«
Noch zwei weitere Händen hoben sich in die Luft. Ihre Besitzer bekamen einen hochroten Kopf, weil sie bei ihrer Lüge ertappt worden waren.
»Wenn mich hier jemand verarschen will, dann nur zu. Ich kann auch anders.«
Zimmermann bekam seinen Kaffee. Er nahm einen großen Schluck, bevor er die nächsten Fragen stellte.
»Verkauft hier jemand Schmuck oder stellt jemand Kettenanhänger her?«
Die Gesichter im Publikum sahen verwirrt aus.
»Also nein.«
Er ging an den Tischen entlang. Sah sich jeden einzelnen Gast genau an.
»Ich werde dich schon finden.«, murmelte er. »Mir ist noch kein Mörder entkommen.«
Plötzlich blieb er vor einem Mann stehen.
»Aufstehen! Mitkommen!«
Der Mann begann zu schwitzen, folgte aber dem Befehl.
»Sie setzen sich da vorn an den Rednertisch.«
Der Kommissar holte Handschellen aus seiner Tasche und fesselte seinen Verdächtigen an den Tisch.
»Ich verhafte sie wegen Mordes an einem Polizeibeamten.«
»Bravo. Das war wirklich gut.« Der Gastgeber kam herein. Hinter ihm folgte Inspektor Schmidt.
»Was sie sind nicht tot?«
»Spannend, oder?«
Schmidt grinste. »Viel besser, als eine reine Lesung. Jetzt müssen sie dem Publikum nur noch erklären, wie sie den Fall gelöst haben.«
Zimmermann nahm noch einen Schluck Kaffee auf den erfreulichen Schreck.
»War doch ganz klar. Der Anhänger war der Schlüssel. Mjolnir. Ein nordisches Symbol. Der Schluss lag nahe, dass der Täter der nordischen Kultur nahe steht. Der Rest war nur noch Formsache.«
Er ging zurück zu den Tischen des Publikums und holte ein Glas.
»Met. Honigwein.«
Er lachte und sah seinen Kollegen vorwurfsvoll an.
»Ist ihnen nichts Besseres eingefallen? Das war zu einfach. Lassen sie sich doch beim nächsten Mal etwas Schwieriges einfallen.«
Er befreite den gespielten Täter. Gemeinsam setzten sie sich ins Publikum und lauschten den weiteren Lesern.

© 2015, Marco Wittler

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